Ein Wasserspiel sprudelt am 25.05.2016 vor der Oper in Halle/Saale
Der Aufsichtsrat der Bühnen Halle muss sich entscheiden: Unterstützt er Geschäftsführer Rosinski oder verteidigt er die Intendanten des Hauses? Bildrechte: dpa

"Disziplinarische Maßnahmen" für Intendanten werden geprüft Aufsichtsratssitzung der Bühnen Halle soll Differenzen klären

Das Theater in Halle hat Erfolg. Anfang November gab es einen renommierten "Faust"-Preis. Aber das Theater hat es auch schwer. Seit einiger Zeit gibt es Probleme mit der innerbetrieblichen Disziplin. Eine Aufsichtsratsitzung am Montag könnte disziplinarische Maßnahmen gegen die Intendanten von Oper und Schauspiel durchsetzen oder die Souveränität der künstlerischen Leiter verteidigen.

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Ein Wasserspiel sprudelt am 25.05.2016 vor der Oper in Halle/Saale
Der Aufsichtsrat der Bühnen Halle muss sich entscheiden: Unterstützt er Geschäftsführer Rosinski oder verteidigt er die Intendanten des Hauses? Bildrechte: dpa

In der letzten Aufsichtsratssitzung Mitte November hatte der Geschäftsführer der Theater Halle GmbH (TOOH), Stefan Rosinski, dem Aufsichtsrat berichtet, dass Matthias Brenner, der Schauspielchef, mit einem Vertragsabschluss seine Kompetenzen überschritten habe. Er habe "gravierender" als "grob fahrlässig" gehandelt. Florian Lutz, der Opernintendant, soll "öffentliche Stimmungsmache" gegen den Geschäftsführer angezettelt haben. Der Geschäftsführer bitte den Aufsichtsrat, "solche Aktivitäten zukünftig nachhaltig auszuschließen".

Disziplinarische Maßnahmen gegen Intendanten?

Sind das die Gründe für die "disziplinarischen Maßnahmen", die der Aufsichtsrat bis zur Sondersitzung am 4. Dezember "prüfen" will? – Es wären dann also Maßnahmen gegen die Intendanten von Oper und Schauspiel in zwei konkreten Fällen. In dem Geschäftsbericht nehmen die beiden Fälle einen großen Raum ein. Bei der "öffentlichen Stimmungsmache" hebt Rosinski auf einen Artikel der "Zeit" ab. Die Frage stellt sich: Hat Opernintendant Lutz diesen Artikel zu verantworten? Und auch der angesprochene Vertrag, den Schauspielchef Brenner unterschrieben hatte, hat später auch der alte Geschäftsführer Rolf Stiska unterschrieben. Ob es hier also eindeutig zwei Schuldige geben wird?

Geschäftsführer der Kunst?

Sind das wirklich die wichtigen Dinge? Der Theaterstreit an den Bühnen Halle ist seit gut einem Jahr im Gange. Damals wurde Florian Lutz als neuer Opernintendant und Stefan Rosinski als neuer Geschäftsführer eingestellt. Es geht bei dem Streit vor allem um das künstlerische Profil der Oper. Aber auch um Fragen, die das ganze Theater betreffen: Darf der Geschäftsführer in die Kunst hineinreden? Insbesondere, wenn das Theater in eine finanzielle Schieflage kommt, wie in Halle geschehen? Oder führt der Geschäftsführer nur die Geschäfte? Wie souverän sind die künstlerischen Leiter in ihren Entscheidungen? Das sind die eigentlichen Fragen.

Bevor aus Grabenkämpfen ein Stellungskrieg wird

Matthias Brenner, Neues Theater Halle
Auch der Intendant am Neuen Theater in Halle Matthias Brenner hatte sich im Brief an den Aufsichtsrat gewandt. Bildrechte: MDR/Olaf Parusel

Im Sommer schon hatten drei der vier künstlerischen Leiter, nämlich Opernchef, Schauspielchef und Generalmusikdirektor in einem Brief dem Aufsichtsrat erklärt, dass das Vertrauen in den Geschäftsführer so "gestört" sei, dass eine erfolgreiche Zusammenarbeit aus ihrer Sicht nicht mehr möglich sei. Man wolle den Deutschen Bühnenverein um Vermittlung bitten, wenn sich der Aufsichtsrat nicht imstande sehe, das Problem zu lösen. Auf Nachfrage heißt es beim Bühnenverein, man wolle die Arbeit des Aufsichtsrates zur Problemlösung zunächst abwarten. Das heißt zumindest: Der Bühnenverein weiß um die Sache. Er könnte hier ein professioneller Vermittler sein. Ein idealer Mediator.

Vielleicht ist es auch eine letzte Gelegenheit, den ganz großen Schaden abzuwenden. Bevor die Grabenkämpfe zum Stellungskrieg mutieren, der am Ende nur Verlierer kennt und Misstrauen sät.

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Preisgekrönte Bühnen Halle

Der Aufsichtsrat hat sich mit der Wahl von Lutz zum Intendanten der Oper für ein innovatives, künstlerisch spannendes Programm entschieden. Das war mutig und übrigens auch gegen den Trend. Aber: Erste Früchte reifen. Im September schrieb die "Zeit", dass die Oper Halle "eines der aufregendsten Musiktheaterhäuser Deutschlands" sei. Und es gab einen "Faust"-Preis für das Heterotopia-Bühnenbild.

Rosinski wünscht sich gemäßigtere Oper Halle

Bedenkenswert scheint: Erst nachdem die Entscheidung für das Lutz-Konzept gefallen war, kam der neue Geschäftsführer ins Boot. Rosinski hat also gewusst, was auf ihn zukommt. Im Geschäftsbericht stellt er jetzt ein anderes Konzept vor. Ein "gemäßigter Regiestil" soll es sein. Mit dem Fokus auf exzellenter Musik und Gesang; mit Fokus auf dem klassischen Repertoire von Mozart bis Strauss. Ist so ein Gegenkonzept ein Zeichen von Illoyalität? Oder ist es nur die Sorge um das Überleben des Theaters? Funktioniert es überhaupt, wenn 40 Kilometer entfernt, die Oper Leipzig genau das gleiche Konzept fährt und in einer höheren Liga spielt?

Das Rosinski-Konzept ist nicht nur eine Positionierung gegen den Opernintendanten, sondern auch gegen das Votum des Aufsichtsrates. Mit der Wahl des Opernintendanten gibt es quasi eine gültige Vertragsgrundlage in der Theater-GmbH für ein künstlerisches Konzept. Diese Grundlage gilt für die künstlerischen Leiter und auch für die Geschäftsführung. Wann verteidigt der Aufsichtsrat endlich die Souveränität seiner künstlerischen Leiter? Wann weist er die Konzepte der Geschäftsführung klar zurück? – Man könnte die "disziplinarischen Maßnahmen", die derzeit geprüft werden, auch noch ganz anders verstehen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 04. Dezember 2017 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Dezember 2017, 09:30 Uhr

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