30 Jahre Friedliche Revolution Geschenktes Einheitsdenkmal: Leipziger Kunstszene entsetzt

Nach wie vor steht in Leipzig kein Denkmal, das an die Friedliche Revolution erinnert. Ein Monument auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz scheiterte bislang, weil kein Entwurf Mehrheiten in der Stadt fand. Und auch ein kleineres Denkmal, das vor dem Museum in der "Runden Ecke" aufgestellt werden soll, sorgt schon lange für Diskussionen. Künstler und Kunstexperten wollen die Bronzeplastik verhindern.

von Ulrike Thielmann, MDR KULTUR

Leipzig Runde Ecke
Die "Runde Ecke" am Leipziger Ring. Bildrechte: MDR/Nadine Jejkal

In den 80er-Jahren war Kunst oft erdig-braun, amöbenartige Wesen bevölkerten sowohl Bilder als auch Plastiken. So auch jenes Modell, das die US-amerikanische Künstlerin Miley Tucker-Frost jedoch in den Nullerjahren geschaffen hat: Fünf Wesen haken sich unter, zwei davon reichen sich die Hände, zwei weitere entzünden Kerzen. Ob Männlein oder Weiblein lässt sich nicht sagen. Seit diesem Januar erhitzt der Entwurf Leipzigs Gemüter: Was vor rund zehn Jahren ein Geschenk an die Stadt war, mit wenig Chancen auf Umsetzung, soll jetzt tatsächlich bis zum denkwürdigen 9. Oktober realisiert werden.

Miley Tucker-Frost steht 2009 hinter ihrem Modell des Denkmals "Keine Gewalt".
Miley Tucker-Frost steht 2009 hinter ihrem Modell des Denkmals "Keine Gewalt". Bildrechte: dpa

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung, bemüht um Diplomatie, konnte seinerzeit das  Kunstwerk zum Nulltarif nicht ausschlagen: Tucker-Frosts Gatte ist ein millionenschwerer Magnat aus dem texanischen Dallas, mit besten Verbindungen in die Politik und die Nachbarstadt Houston - die wiederum eine Partnerstadt Leipzigs ist. Tucker-Frost hat nun auch hier ihre Verbindungen spielen lassen: Teile der Leipziger CDU begeistern sich neuerdings für das Denkmal, das Geld für den Guss ist beisammen. Als Aufstellungsort avisiert man bereits die Grünfläche vor der Stasi-Gedenkstätte "Runde Ecke".

Wird der Plan aufgehen?

Verschiedene Parteien laufen nun Sturm, so auch der Leipziger Maler Sighard Gille. Er kritisiert bei der Gestaltung des Denkmals eine zu "simple Formulierung, die wirklich mehr an Pfefferkuchenmännchen erinnert". Das Werk beschäftige sich außerdem völlig unzureichend und unzulässig mit der Zeit um 1989.

Vielleicht kann Fischer-Art es noch anmalen, so dass es schön bunt wird, aber als Wendedenkmal ist es untauglich.

Sighard Gille, langjähriger Professor für Malerei an der HGB Leipzig

Diverse Bürgerrechtler sehen zudem in den heroischen Akteuren keine Parallelen zu sich selbst, als sie am 9. Oktober '89 mit wenigstens mulmigen Gefühlen die "Runde Ecke", die Bezirksverwaltung der Stasi, auf dem Ring passierten.

Auch kleiner keine Option

Mit Denkmalen beschäftigt sich in Leipzig auch der Ausschuss "Kunst im öffentlichen Raum". Bereits 2008 bemängelte er vernichtend, die "katastrophale Anatomie der Figuren, die kitschige Statthalter eines falsch verstandenen Pathos seien". Seitdem hat Tucker-Frost das Denkmal überarbeitet, die geplanten neun Meter Breite auf 3,50 Meter minimiert. Dennoch findet das Denkmal keinen Gefallen im Ausschuss, dem auch Alfred Weidinger, Direktor des Leipziger Bildermuseums, beisitzt.

Meine persönliche Meinung: Es ist kein herausragendes Kunstwerk, eigentlich finde ich es ziemlich entsetzlich.

Alfred Weidinger, Direktor des Museums der bildenden Künste

Die Kritik prallt ab

Öffentliche, wichtige Kunstsammlungen in den USA besitzen keine Werke von Miley Tucker-Frost. Dennoch beharrt Burkhard Jung auf seinem gegebenen Wort, so sein Sprecher Matthias Hasberg. Der Vorgang habe natürlich ein diplomatisches Moment. Es sei auch ein Gebot der Höflichkeit, Geschenke nicht einfach abzuweisen: "Hier ist der Weg gefunden: Es ist ein Geschenk an das Museum der Runden Ecke. Und dessen Chef Tobias Hollitzer will das Werk natürlich auch wo hinstellen, wo es gesehen wird, sprich in den öffentlichen Raum."

Neben der neuen Einfalt vor der "Runden Ecke" fürchtet sich so mancher nun in Leipzig davor, dass Tucker-Frosts Bronze den zweiten Anlauf für das nationale Einheits-und Freiheitsdenkmal auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz zum Scheitern bringen könnte. Der erste ist ja bereits unter die Räder gekommen. Dann fände Leipzigs denkmalhaftes Wendegedenken künftig an einer Pfefferkuchen-Gruppe statt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Juli 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Juli 2019, 15:10 Uhr

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