Sachbuch: "Grand Hotel Abgrund. Das Leben der Frankfurter Schule" Philosophen-Biografie: Adorno für Anfänger

Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Walter Benjamin und Herbert Marcuse ist keine leichte Kost. Doch der Journalist Stuart Jeffries nimmt dem Thema alles Akademisch-Verstaubte. Seine Gruppenbiografie "Grand Hotel Abgrund" ist eine verständliche Einführung in die Denkschule und zeigt zugleich ihre Aktualität.

Stuart Jeffries: "Grand Hotel Abgrund"
Stuart Jeffries ist mit "Grand Hotel Abgrund" eine verständliche Einführung in die Kritische Theorie der Frankfurter Schule gelungen, sagt unser Kritiker. Bildrechte: Klett-Cotta

Der 1962 geborene, in London lebende Stuart Jeffries hat in den letzten 20 Jahren vornehmlich als Kunstkritiker und Kulturjournalist für verschiedene Zeitungen gearbeitet. Viele Jahre lang hat er sich dabei mit einer der wichtigsten Denkschulen des 20. Jahrhunderts beschäftigt – der Kritischen Theorie, die ihren Ursprung im Institut für Sozialforschung hatte, das 1923 in Frankfurt am Main gegründet worden war.

Denker wie Walter Benjamin, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Erich Fromm, später dann Jürgen Habermas und Axel Honneth sind mit der Frankfurter Schule assoziiert. Stichworte dieser Theoretiker kennt man, wenn man sich ein bisschen mit Philosophie beschäftigt: Dialektik der Aufklärung, Kulturindustrie, Negative Dialektik, der eindimensionale Mensch, autoritäre Persönlichkeit, kommunikatives Handeln. Was aber dahinter steckt, wie die Philosophen zu ihren Theorien gekommen sind, das ist doch eher etwas für Spezialisten.

Der Journalist Stuart Jeffries nun möchte in seiner Gruppenbiografie "Grand Hotel Abgrund" in die Begrifflichkeiten und Denkbewegungen der Frankfurter Schule einführen – und das in einer lesbaren, nicht-akademischen Form. Und er möchte aufzeigen, dass die Theorien nichts Verstaubtes haben, sondern sehr wohl an die Gegenwart anschlussfähig sind. Adornos Vortrag "Neue Aspekte des Rechtsradikalismus", der kürzlich als Essayband erschienen und nun ein Bestseller ist, belegt nicht zuletzt diese Gegenwartstauglichkeit.

Die Kritische Theorie ist hochaktuell

Theodor W. Adorno
Theodor W. Adorno, der wohl prominenteste Vertreter der Frankfurter Schule Bildrechte: dpa

Man kann im Fernsehen zwischen zehn politischen Talkshows wählen, in denen immer wieder dieselben Gesichter – dieselben Talking Heads – zu sehen sind; im Supermarktregal steht man vor 100 Marmeladengläsern verschiedener Firmen mit den gleichen Inhaltsstoffen; noch der größte Individualist landet am gewählten Urlaubsort in einer Horde anderer Urlauber. In der "Dialektik der Aufklärung" von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer aus dem Jahr 1947 heißt es: "Aber die Freiheit in der Wahl … erweist sich in allen Sparten als die Freiheit zum Immergleichen."

Mehr als 70 Jahre später, wie wir sehen, hat sich an diesem Diktum nichts geändert. Die Analysen von Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse, von Walter Benjamin, Erich Fromm und Jürgen Habermas – jenen Denkern also, die man im engeren Sinne mit der Frankfurter Schule assoziiert – sind keineswegs obsolet. Das möchte uns Stuart Jeffries in seinem Buch "Grand Hotel Abgrund" zeigen.

Man hat am Ende der Lektüre den Eindruck, einen Überblick über diese wirkmächtige philosophische Strömung des 20. Jahrhunderts gelesen zu haben, eine Einführung, die einen nicht dümmer macht, sondern zum Weiterdenken und Weiterlesen anregt.

Ulrich Rüdenauer, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Ein Buch über eine ganze Gruppe von Philosophen

Der Journalist hat sich eine ambitionierte Aufgabe gestellt: Er wollte eine Gruppenbiografie schreiben, jedem einzelnen Mitglied der Kritischen Theorie, die ihre Ursprünge in den 20er-Jahren in Frankfurt hatte, gerecht werden, wichtige Schriften analysieren und auch noch Zeithintergründe mitreflektieren. Jeffries schreibt: "Mich faszinierte an der Frankfurter Schule vor allem, wie deren Vertreter einen überzeugenden kritischen Apparat entwickelten, um die Zeitläufte zu verstehen, in denen sie lebten."

Stuart Jeffries: "Grand Hotel Abgrund"
Stuart Jeffries hat eine Gruppenbiografie über die Protagonisten der Frankfurter Schule geschrieben. Bildrechte: Klett-Cotta

Er meistert die Aufgabe durchaus mit Bravour – auch wenn er, wie zu erwarten, unter akademischen Gelehrten damit teils auf harsche Kritik gestoßen ist. Jeffries versucht sich nämlich an etwas, das verdächtig macht: Er will nicht nur die theoretischen Ansätze der Frankfurter Schule an die Gegenwart anschlussfähig machen, sondern die ja nicht immer ganz einfach zu verstehenden Werke von Adorno und Co. in einen fast schon feuilletonistischen Stil übersetzen.

Zuweilen verliert er sich dabei ein bisschen zu sehr in den Niederungen – etwa wenn er versucht, einem die einzelnen Protagonisten dadurch näher zu bringen, dass er Widersprüche oder Kuriosa aus ihrem privaten Leben ausplaudert. Oder die ödipalen Verstrickungen der frühen Protagonisten, allesamt aus wohlhabenden jüdischen Elternhäusern stammend, ein wenig zu sehr betont.

Kurioses aus dem Leben der Philosophen

Gewiss hat Jeffries nicht die gesamte Forschungsliteratur studiert – wie es ein Philosophieprofessor getan hätte. Aber im Großen und Ganzen macht er seine Sache gut. Und man hat am Ende der Lektüre den Eindruck, einen Überblick über diese wirkmächtige philosophische Strömung des 20. Jahrhunderts gelesen zu haben, eine Einführung, die einen nicht dümmer macht, sondern zum Weiterdenken und Weiterlesen anregt.

Zeitgenössische Aufnahme des deutschen Literatur- und Kulturkritikers und Essayisten Walter Benjamin.
Der Philosoph Walter Benjamin Bildrechte: dpa

Die Frankfurter Schule, zunächst noch streng marxistisch ausgerichtet, hatte sich zunächst vorgenommen, das Scheitern der Revolution nach dem Ersten Weltkrieg zu analysieren. Bald aber erweiterte sich das Interesse: Man wandte sich ab vom reinen Marxismus, gab psychoanalytischen Deutungen größeren Raum, setzte Theorie gegen Aktion. Die Studien zu Faschismus und Massenkultur, autoritärer Persönlichkeit und der Kehrseite der Aufklärung wurden in den 30er- und 40er-Jahren im amerikanischen Exil immer wichtiger.

"Walter Benjamin und die Denker der Frankfurter Schule befreiten die Opfer des Kapitalismus durchaus nicht aus ihrer Hölle, sie wurden vielmehr zunehmend spöttische und gewandte Kritiker dieses Zustands", schreibt Stuart Jeffries.

Gewiss hat Jeffries nicht die gesamte Forschungsliteratur studiert – wie es ein Philosophieprofessor getan hätte. Aber im Großen und Ganzen macht er seine Sache gut.

Ulrich Rüdenauer, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Eine chronologische Abhandlung bis in die Gegenwart

Er behandelt die verschiedenen Etappen der kritischen Theorie chronologisch und führt sie über Jürgen Habermas und seine Theorie kommunikativen Handelns bis in die Gegenwart. Und er widerspricht am Ende auf gewisse Weise auch dem von Georg Lukacs übernommenen Titel seines Buches: Der hatte den Frankfurter Gelehrten vorgeworfen, sie würden in einem komfortablen "Grand Hotel Abgrund" residieren – mit distanziertem Blick auf das Nichts und die Absurdität, statt sich hineinzubegeben in die wahren Klassenkämpfe.

Adorno hatte früh erkannt, dass Reflexion blindem Aktionismus vorzuziehen sei. Wie schreibt er in seinen "Minima Moralia": "Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen."

Für Adorno und die anderen Theoretiker der Frankfurter Schule ist das Denken der eigentlich radikale Akt. Langfristig mag auch dieser zu Veränderungen führen. Oder zumindest dazu, an der Barbarei und am Unrecht nicht mitzutun. Jeffries' Buch regt an, sich wieder mit diesen radikalen Denkern zu beschäftigen.

Angaben zum Buch Stuart Jeffries: "Grand Hotel Abgrund. Das Leben der Frankfurter Schule"
Aus dem Englischen übersetzt von Susanne Held
Klett-Cotta
510 Seiten
28 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. September 2019 | 08:10 Uhr

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