laufende Kindernase
Bei vielen Kleinkindern kann man an der Nase ablesen, welche Jahreszeit gerade ist ... Bildrechte: imago/fStop Images

Sachbuchrezension "Das Buch vom Schleim": faszinierende Reise in eine zähflüssige Welt

Mit dem Herbst geht auch die Erkältungszeit los und dann begegnet er uns wieder überall: Schleim. Er trieft aus Nasen, verstopft die Atemwege und nervt einfach. Dabei ist Schleim ein unglaublich faszinierendes und wichtiges biologisches Phänomen. Wie wichtig, davon berichtet die Wissenschaftsjournalistin Susanne Wedlich in ihrem "Buch vom Schleim."

von Kais Harrabi, MDR KULTUR

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Bei vielen Kleinkindern kann man an der Nase ablesen, welche Jahreszeit gerade ist ... Bildrechte: imago/fStop Images

Schleim ist ein unfassbar vielseitiges Material, das ist gleich die erste Lektion, die Susanne Wedlich ihren Leserinnen und Lesern erteilt. Er trieft nicht nur aus Nasen oder bekleidet die Schleimhäute in unserem Körper, sondern taucht überall in der Natur auf.

Würde die Erde mit all ihren Lebewesen und dem gesamten Wasser plötzlich verschwinden, bliebe für einen kurzen Moment ein schleimiges Echo ihrer Konturen zurück. Das ist das Gel, das Mikroben, aber auch andere Spezies wie Würmer, Korallen und Schnecken in so großer Menge sekretieren, dass sich dadurch die Eigenschaften ganzer Landstriche und mariner Habitate verändern.

Susanne Wedlich in "Das Buch vom Schleim"

Eine Welt aus Glibber

Schleim, ist – erfahren wir – der Motor des Lebens. Er dient manchen Bakterien als schützende Hülle, andere wiederum verklebt er. Manche siebt er aus, andere dürfen einfach durch. In ihrem "Buch vom Schleim" hat Wedlich eine faszinierende Welt aufgetan. Bevölkert wird diese Welt nicht nur von uns Menschen, sondern von allen möglichen Wesen. Über Schlangen, Schnecken, Fische, Reptilien bis hin zu Einzellern und noch viel seltsamerem Getier erstreckt sich die Welt des Schleims. Er sei die Konstante in allen Erdzeitaltern.

Wir können nicht ohne

Braune Wegschnecke
Hinterlässt eine Schleimspur: die braune Wegschnecke. Bildrechte: imago/blickwinkel

Wedlich schreibt mit unfassbar ansteckender Neugier über Schleim, Glibber und "Hydrogele". Ausgehend von einem kurzen kulturhistorischen Kapitel, in dem Hollywoodklassiker wie "Der Blob" und die unsäglich schleimigen Kreaturen von H.P. Lovecraft zur Sprache kommen, taucht Wedlich tief in die Welt des Schleims ein. Sie beleuchtet die schleimigen Prozesse im menschlichen Körper, auf dem Grund des Ozeans, an Land und sogar in der Luft. Wir lernen: Wo Schleim ist, sind Mikroben nicht weit. Und diese Mikroben seien oft lebenswichtig für komplexe Organismen.

Alle Mehrzeller sind von einem dichten Mikrobiom besiedelt und werden so intensiv von ihm geprägt, dass es kaum mehr sinnvoll scheint, von individuellen Organismen zu sprechen. Wir bilden eine untrennbar eng verzahnte Gemeinschaft mit unseren Mikroben, von denen mindestens eine auf jede menschliche Körperzelle kommt. Wir sind Holobionten.

Susanne Wedlich in "Das Buch vom Schleim"

Alles greift ineinander

Das Buch führt erstaunliche Zusammenhänge von biologischen Prozessen zu Lande, zu Wasser und in der Luft vor und zeigt, wie verschiedene Systeme miteinander verknüpft sind und voneinander abhängen. Wedlichs Buch schlägt damit in ähnliche Kerben wie das Buch "Der Pilz am Ende der Welt" von Anna Lowenhaupt-Tsing, oder – wesentlich theoretischer - "Unruhig bleiben" von der Philosophin Donna Haraway. Alle drei begreifen die Existenz auf unserem Planeten als ein ausgesprochen komplexes Beziehungsgeflecht. Und der Mensch ist in dieser Welt nicht länger die Krone der Schöpfung.

So eng ist die Kooperation, dass sich kaum mehr klären lässt, ob wir die Mikroben siedeln lassen oder ob sich die Mikroben einen Mehrzeller halten.

Susanne Wedlich in "Das Buch vom Schleim"

Wie herum ist am Ende auch nicht so wichtig, denn der "Mehrzeller Mensch" droht dieses Geflecht zu zerstören. Die Prozesse, die dabei ins Rollen kommen, könnten verheerende Folgen haben. Der Klimawandel, schreibt Wedlich, könnte dafür sorgen, dass die Erde gewaltig zugeschleimt wird.

Ein Sachbuch für Neugierige

Ihr "Buch vom Schleim" ist eine beeindruckende Reise in eine unbekannte Welt. Wedlichs offenkundige Faszination trieft hier aus jedem Satz. Dass sie mit ihrem überbordenden Reichtum an Anekdoten und Beispielen manchmal etwas übers Ziel hinausschießt, ist da zu verschmerzen. So ist das Buch Pflichtlektüre für alle, die mehr über das irre, große, endlos faszinierende System wissen wollen, von dem wir Menschen ein Teil sind und dessen Kitt offenbar Schleim ist.

Das Buch vom Schleim
Bildrechte: Matthes & Seitz

Informationen zum Buch Susanne Wedlich, Judith Schalansky (Hg.):
"Das Buch vom Schleim"

Verlag Matthes & Seitz
Reihe: Naturkunden Bd. 59

287 Seiten, Hardcover gebunden
Illustration: Michael Rosenlehner

ISBN: 978-3-95757-774-0

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. November 2019 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2019, 04:00 Uhr