Zum 70. Geburtstag Rocklady Suzi Quatro: "Sie ist vorangegangen!"

Mit "Can the Can" stürmte die Rockröhre 1973 die Charts. Bass spielend, im schwarzen Lederoutfit, gerade mal 1,60 Meter groß eroberte sie eine Männerdomäne. Die US-Amerikanerin mit italienischen Wurzeln war einer der ersten weiblichen Rockstars. Bis heute inspiriert Suzi Quatro viele junge Musikerinnen. Die Autorin und Schriftstellerin Jenni Zylka gratuliert zum 70. Geburtstag am 3. Juni 2020.

Die US-amerikanische Musikerin Suzi Quatro in den 1970ern
Die US-amerikanische Musikerin Suzi Quatro in den 1970ern Bildrechte: imago/United Archives

Wer steht oben, auf der Bühne, posend, brüllend und Gitarren schrammelnd, bewundert und begehrt? Männer. Und unten, davor, vielleicht auch als Fan und Groupie backstage, begeistert und passiv? Frauen.

So war das im Rock‘n‘Roll. Frauen, wenn sie sich denn das Musikmachen zutrauten, schrieben Songs höchstens zur akustischen Wanderklampfe, und sangen darin sanft von Frieden und Liebe. Männer waren laut – und damit stärker wahrnehmbar. Der frühe Rock‘n‘Roll hielt es diesbezüglich strikt, der Psychedelic und Hardrock der 1960er-Jahre ließ ebenfalls kaum Gender-Diskurse zu. Dann kamen die 1970er-Jahre, und mit ihnen der Glam. Für den sich die Protagonisten zumindest äußerlich einiges herausnahmen: Man schminkte sich, man trug Schmuck und Federboas, man gab sich metrosexuell und zeigte sich offen für eine innere Weiblichkeit. Doch musikalisch blieb alles beim Alten: Männer spielen vor, Frauen klatschen.

"Can the Can": Vorn mit dem Bass und gut bei Stimme

Bis Suzi Quatro kam. Die nicht nur die nötige Energie mitbrachte, den nötigen Narzissmus, sondern auch die nötige Qualität: Als Bassistin vorn zu stehen, den großen Bass so selbstvergessen, technisch brillant und organisch mit dem kleinen Körper zu spielen, nebenbei auch noch zu singen, gar zu schreien: "Can the Can", "48 Crash", "You Momma won’t like me" – das gab es vorher nicht. Dankbar kann man sein, dass Quatro den Weg für weitere Rockfrauen, von den Runaways über Heart bis hin zu L7, vielleicht nicht komplett anlegte, aber zumindest ebnete: Sie ist vorangegangen, mit Selbstverständnis und Stolz.

Quatro brauchte sich nicht einmal mehr als Feministin zu bezeichnen – so normal schien ihr, die 15jährig mit Schwestern und Nachbarinnen in einer All-Female-Band begonnen hatte, das Leben als Rockstar. Suzi Quatro kam gar nicht auf die Idee, dass ein Mädchen, eine Frau etwas nicht kann.

Inspiriert von Elvis und den Beatles

Tim Smith, Suzi Quatro und Ray Beavis
Tim Smith, Suzi Quatro und Ray Beavis Bildrechte: imago/Martin Müller

Die Beatles hatten sie inspiriert, selbst Musik zu machen, Elvis in seinen Jumpsuits stand ihrem Style Pate. Dass das alles Männer waren – geschenkt. Es war ähnlich wie bei Janis Joplin, die sich ebenfalls nicht als Feministin bezeichnen mochte, sondern bis dato männlich konnotiertes Verhalten ohne viel Aufhebens in sich selbst fand und rausließ. Auch Quatro geht nicht wegen irgendeiner Frauenbewegung auf die Bühne. Nicht, um es den Männern zu zeigen oder um zu beweisen, dass Frauen es drauf haben.

"Sie geht auf die Bühne, weil sie es will und kann"

Sie ist keine streitbare Theoretikerin, keine Emanze, keine Gender-Beauftragte. Sie ist Musikerin, Bassistin, Sängerin, Schauspielerin, Rockstar. Sie geht auf die Bühne, weil sie es will und kann. Sie ist vielseitig – in den 1980ern spielte und sang sie in Musicals, schrieb sogar selbst eins, über die unangepasste Skandalnudel Tallulah Bankhead. Kinder hat sie übrigens auch. Nur falls jemand sich wundert: Ja, das geht beides.

In einer besseren Welt hätte Quatro ihre Karriere vielleicht ein bisschen mehr selbst in die Hand genommen – ihre größten Hits der 1970er-Jahre stammen komplett aus fremder, männlicher Feder. Überhaupt auf der Bühne zu stehen, schien ihr stets wichtiger als die Frage, womit. Andererseits: Sie machte nichts, was sie nicht wollte, und schleuderte den ob der halb geöffneten Lederjumpsuits sabbernden Rockfans ihre entwaffnend freundliche "Mit mir könnt ihr Pferde-stehlen"-Attitude entgegen.

Und das Poster aus der Bravo, auf dem sie in einem schwarzen Lederbikini und Stiefeln zu sehen war, das wurde – so geht die Legende – nicht etwa von einem geifernden männlichen Fan von der Wand eines kalifornischen Rockclubs entwendet. Sondern von Joan Jett. Man kann‘s ja auch verstehen. Happy Birthday, Suzi!

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Juni 2020 | 06:15 Uhr