Takis Würger
Der Schriftsteller Takis Würger Bildrechte: Sven Döring

Buchkritik "Stella" – Takis Würgers Roman über eine jüdische Kollaborateurin

Die Jüdin Stella Goldschlag war im Berlin der NS-Zeit gefürchtet: Um sich selbst das Leben zu retten, denunzierte sie andere Juden. Takis Würgers Roman "Stella" verarbeitet ihre Geschichte und mischt dabei wahre Begebenheiten mit Fiktion – packend, aber nicht ohne Klischees.

von Holger Heimann, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Takis Würger
Der Schriftsteller Takis Würger Bildrechte: Sven Döring

Stella, um die sich in dem gleichnamigen Roman alles dreht, ist eine historische Figur. Die junge Berliner Jüdin hat traurige Berühmtheit erlangt. Um der Deportation in ein Vernichtungslager zu entgehen, hat Stella Goldschlag andere untergetauchte Juden aufgespürt und denunziert. Die sogenannte "Greiferin" war als "blondes Gespenst" bekannt und gefürchtet in Berlin, sie soll Hunderte, ja Tausende Juden ausgeliefert haben.

Nach dem Krieg wurde die Kollaborateurin durch ein sowjetisches Militärtribunal zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. 1994 hat sie ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt. Der amerikanische Autor Peter Wyden, ein aus Deutschland geflüchteter Jude, hat Stella Goldschlags Lebensgeschichte schon vor Jahren nacherzählt. Takis Würger hat nun einen Roman geschrieben.

Eine zweifelhafte Hauptfigur

Takis Würger: "Stella"
Takis Würgers Roman "Stella" mischt wahre Begebenheiten mit Fiktion. Bildrechte: Hanser

Er nähert sich seiner zweifelhaften Hauptfigur über Umwegen. Die Geschichte von Stella wird aus der Rückschau von einem einst in sie verliebten Mann erzählt. Friedrich ist ein Schweizer, der in einer Villa am Genfer See heranwächst. Mit Bildern dieser Kindheit beginnt der Roman.

Das eigentümliche Schweizer Idyll ist das Gegenstück zu der lauten, brodelnden Berliner Welt. Für den jungen Friedrich sind die Deutschen so, wie er schon als eher zartbesaiteter Junge sein will: stark, wehrhaft, mutig. Das ist die eigentümliche Motivation, die ihn 1942 nach Berlin reisen lässt. Hier nimmt er Zeichenunterricht und trifft auf Stella, die Modell sitzt.

Die schöne, selbstbewusste Frau, die sich ihm als Kristin vorstellt, fasziniert den recht naiven Friedrich. Er verliebt sich augenblicklich. Anfänglich hat er keine Ahnung, dass seine Angebetete eine untergetauchte Jüdin ist, die sich wagemutig frei in Berlin bewegt.

Rotwein und Schokolade bei Fliegeralarm

Takis Würger zeichnet Stella als eine Frau, die leichthin durch die Kriegsstadt tänzelt und mit der Gefahr spielt. Sie tritt in einem illegalen Jazzclub auf, macht sich über einen Polizisten lustig, steckt in der Bahn einer jüdischen Frau Kaffee zu und unterhält sich mit einem Nazischriftsteller über "die Verworfenheit und Niederträchtigkeit der jüdischen Rasse".

Im Edelhotel am Pariser Platz, wo Friedrich standesgemäß untergekommen ist, lässt sich das Paar Essen vom Schwarzmarkt kommen, bei Fliegeralarm wird im hoteleigenen Tiefbunker Rotwein und Schokolade serviert. Doch eines Tages taucht Stella mit entstelltem Gesicht und kahlrasiertem Kopf auf – gefoltert von den Nazis.

Der Leser sieht Stella mit den Augen des Erzählers, eines verliebten und erst ganz am Ende klarer denkenden Mannes, und deswegen zuvörderst als unschuldiges Oper und weniger als ruchlose Täterin.

Holger Heimann, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Die Grenze zwischen historischer Realität und Fiktion ist fließend. Neben Stella lässt der Autor eine Reihe anderer historischer Personen und fiktionaler Charaktere auftreten. Die schillerndste Figur ist der hochrangige SS-Mann Tristan von Appen. Ein Feingeist und Bonvivant mit homoerotischen Neigungen – man kennt den Typus aus Jonathan Littells "Wohlgesinnten" – und zugleich ein unberechenbarer Zyniker und Antisemit.

Ihr Leben als Häscherin wird nur angedeutet

Ausgerechnet von Appen soll Stella helfen. Doch daran denkt er gar nicht und Stella muss rasch einsehen, dass sie nur auf sich selbst zählen kann. So paktiert sie mit der Gestapo. Ihr Leben als Häscherin wird im Roman lediglich angedeutet. Nur in einer knappen Sequenz sieht man sie im langen dunklen Ledermantel durch Berlin ziehen.

Takis Würger hat stattdessen – typografisch abgesetzt – Auszüge aus den Berichten des sowjetischen Militärtribunals, vor dem sich Stella Goldschlag nach dem Krieg verantworten musste, in den Text montiert. Es sind nüchterne Protokolle von Zeugenaussagen, die erahnen lassen, wie umfangreich Stella mit den Nazis kooperiert hat.

Plakative Darstellungen von Lebenslust und Apokalypse

Es sind klischeebehaftete Bilder, in denen Takis Würger etwas von der Berliner Stimmung im Jahr 1942 einzufangen versucht. Doch auch wenn er die von Bombenangriffen geprägte Stadt und zugleich eine wilde Lebenslust vor der Apokalypse recht plakativ gegenüberstellt, gelingt es ihm, den Leser in das Geschehen rund um Stella hineinzuziehen.

Sie ist eine Frau mittendrin, die leben und überleben will. Konfrontiert mit dem Naziterror, wird sie vor Fragen und vor Aufgaben gestellt, denen sie moralisch nicht gewachsen ist. Der Leser sieht Stella mit den Augen des Erzählers, eines verliebten und erst ganz am Ende klarer denkenden Mannes, und deswegen zuvörderst als unschuldiges Oper und weniger als ruchlose Täterin.

Die für andere so gefährliche Seite Stellas wird nicht unterschlagen, sie wird nur nicht auserzählt. Takis Würgers Roman gewinnt dabei durchaus eine Spannung aus den Leerstellen, die er lässt.

Angaben zum Buch Takis Würger: "Stella"
Hanser Verlag, 2019
224 Seiten
22 Euro (E-Book: 16,99 Euro)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Januar 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Januar 2019, 04:00 Uhr

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