Martin Grunwald im Haptik-Labor der Universität Leipzig
Der Experimentalpsychologe Dr. Martin Grunwald leitet das Haptik-Labor der Universität Leipzig. Bildrechte: dpa

Gespräch Haptik-Forscher: "Ohne Berührungen können wir nicht leben"

Das Silbersalz-Festival in Halle widmet sich in diesem Jahr unter anderem dem Thema Berührungen. Der Leipziger Haptik-Forscher Martin Grunwald hat für sein Werk "Homo Hapticus" den Wissenschaftsbuchpreis 2018 erhalten. Im Interview erklärt er, was mit unserem Körper passiert, wenn wir berührt werden – und verrät, wieso Maschinen den Menschen hier nur schwer ersetzen können.

Martin Grunwald im Haptik-Labor der Universität Leipzig
Der Experimentalpsychologe Dr. Martin Grunwald leitet das Haptik-Labor der Universität Leipzig. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Herr Grunwald, Sie schreiben in ihrem Buch, dass der Mensch gut überleben kann, wenn er nichts sieht oder hört, aber dass er ohne den Tastsinn keine Chance hat. Wieso nicht?

Martin Grunwald: Wir sind ja Säugetiere, alle Entwicklungs- und Reifungsprozesse des Menschen hängen also quasi an einer adäquaten Körperstimulation. Ohne diese Form der Wahrnehmung und Reizverarbeitung können wir nicht gut leben und auch nicht gut wachsen. Das ist der zentrale Angelpunkt.

Wie erforschen Sie das im Haptik-Labor?

Ganz unterschiedlich, mit Experimenten etwa. Wir versuchen über Hirnstrommessungen dem Gehirn sozusagen bei der Verarbeitung von Tast-Sinnesreizen zuzuschauen. Aktuell erforschen wir Selbstberührungen, also tastende Bewegungen, die wir auf unseren eigenen Körper richten, insbesondere ins Gesicht. Das sind spannende Alltagshandlungen – wir berühren uns jeden Tag rund 800 Mal im Gesicht.

Kann man sich denn selber etwas Gutes tun, wenn man sich selbst berührt?

In Grenzen geht das. Aber wir können dadurch nicht den Körperkontakt durch andere Menschen ersetzen. Das sind verschiedene Welten.

Was passiert denn, wenn zwei Menschen sich berühren?

Martin Grunwald: Homo Hapticus
Cover des Buches "Homo Hapticus" von Martin Grunwald Bildrechte: Droemer

Das ist ein komplexer Vorgang, der noch nicht ganz verstanden ist. Fakt ist, dass unser Gehirn in einen anderen Zustand gelangt, wenn wir Körperberührungen erfahren. Unser gesamter Organismus, das Herz-Kreislauf-System und das Immunsystem, profitieren durch Körperbewegungen durch andere Säugetiere.

Bei einer Berührung gibt es zunächst eine physikalische Verformung. Danach werden Signale an das Gehirn gesendet und dort verarbeitet. Anschließend schüttet es diverse neurochemische Hormone aus, die über die Blutbahn im ganzen Körper verteilt werden: Die Herzfrequenz wird langsamer, die Atmung wird langsamer, die Muskulatur entspannt sich. Und je besser wir jemanden kennen, umso schneller wird sozusagen die Biologie dieser Berührungen angestoßen.

Und was passiert mit einem Körper, der solche Erfahrungen über lange Zeit nicht macht?

Das ist eigentlich ein dramatischer Zustand. Jedes Säugetier braucht ein gewisses Maß an Berührung, und wenn das lange ausbleibt, kann man an Körper und Seele erkranken.

Können Maschinen hier helfen? Es wird ja gerade beispielsweise am taktilen Internet geforscht, durch das Körpererfahrungen nachfühlbar werden sollen.

Ich will den Optimismus hier nicht allzu stark dämpfen, aber: Ein Lebewesen zu ersetzen, ist etwas sehr Schwieriges. Ich denke, wir werden noch viele Jahrzehnte arbeiten müssen, damit dies gut gelingt. Im Prinzip ist es natürlich denkbar.

Was ist mit Haustieren? Kann eine Katze oder ein Hund einen Partner ersetzen?

Das funktioniert natürlich. Sie sind streichelbar, lebendig. Sonst hätten wir sicherlich nicht in jedem zweiten Haushalt solch ein Lebewesen. Konkrete Studien gibt es hierzu aber nicht. 

Dr. Martin Grunwald 8 min
Bildrechte: MDR/Margarete H. Cane
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Wie sollte denn unser Alltag aussehen, damit unser Tastsinn die Reize bekommt, die er braucht?

Gute Partnerschaften sind, glaube ich, ein Schlüssel für ein ausgewogenes Maß an Körperkontakt. Das gilt für Partner jeglicher Art und auch die Interaktion zwischen Eltern und Kind.

Können Sie sich mehr Kuscheln in Büros vorstellen?

Nein (lacht)! In der Arbeitswelt müssen bestimmte Regeln eingehalten werden. Aber es scheitert ja derzeit zum Teil schon am morgendlichen Handschlag. Hier könnte man sich überlegen, ob es nicht ein schöner Kulturaspekt wäre, ihn in der Arbeitswelt wieder einzuführen.

Die Fragen stellte Ellen Schweda für MDR KULTUR.

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https://www.mdr.de/wissen/videos/warum-wir-kuscheln-muessen-interview-martin-grunwald100.html

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 19. Juni 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Juni 2019, 14:04 Uhr

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