junge Frau liest die TAZ
Die verkaufte Auflage der taz liegt aktuell bei rund 48.000 Exemplaren täglich. Bildrechte: imago stock&people

Vor 40 Jahren Als die "taz" zum ersten Mal erschien

Es gab Zeiten in der BRD, da war die "tageszeitung" die einzige Zeitung, die in Studenten-WGs auf den Tisch kam. Regelmäßig gedruckt wurde sie ab 1979 - die Macher wollten so Gegenöffentlichkeit zu Spiegel, ARD, ZDF und Co. schaffen. Ein Rückblick auf die bewegten Zeiten von damals.

von Sven Hecker, MDR KULTUR

junge Frau liest die TAZ
Die verkaufte Auflage der taz liegt aktuell bei rund 48.000 Exemplaren täglich. Bildrechte: imago stock&people

Die Bundesrepublik Ende der 1970er Jahre: Ein Land am Rand des Ausnahmezustands. Der RAF-Terror paralysiert das Land, der Staat sieht sich herausgefordert. Im Kampf gegen die Terroristen verhängt die Bundesregierung eine Nachrichtensperre, die die Medien auch weitgehend einhalten. Doch nicht alle sind mit diesem Verhalten einverstanden, der Wunsch nach Gegenöffentlichkeit wird immer größer. So entsteht die "tageszeitung": Im Herbst 1978 erscheint eine erste Test-Nummer, ab April 1979 wird dann eine tägliche Ausgabe gedruckt.

Alle Voraussagen waren, dass das überhaupt nicht klappen kann, weil weder das Kapital noch das Know-how da war. Bei dem großen Kreis der Beteiligten waren zwei oder drei Journalisten von vielleicht 120 Leuten, die an dem Projekt arbeiteten.

Hans-Christian Ströbele, Grünen-Politiker und taz-Mitbegründer

Ein steiniger Weg

Hans-Christian Ströbele liest die taz - BÜNDNIS 90/DIE GRUENEN
Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele hat die "taz" mitgegründet. Bildrechte: imago images / photothek

Anfangs gibt es nur Minimallöhne für die Techniker und ein paar angestellte Redakteure, später den berühmt-niedrigen Einheitslohn. Linke Selbstausbeutung aus Liebe zum Projekt "taz": Hier gibt es keine Chefs, alles wird im Plenum besprochen. Bis tief in die Nacht wird an einem großen runden Tisch diskutiert - und wenn dem Textsetzer das Ergebnis der Diskussion nicht zusagt, erscheint sein in Klammern gesetzter Kommentar mitten im Artikel. Undenkbar in jeder anderen Zeitung. Wie vieles andere auch.

Während andere Zeitungen zu 60, 70 Prozent von Anzeigenerlösen leben, hatte die "taz" diese Einnahmen zunächst überhaupt nicht. Und wir wollten das auch nicht, weil wir gesagt haben, dadurch gerät man nur in Abhängigkeit von den Anzeigenkunden.

Hans-Christian Ströbele

Feinde der Demokratie?

Die "taz" rückt bald in das Blickfeld des Verfassungsschutzes, gilt als linksradikales Zentralorgan der internationalistischen Müsli-Esser, der Castor-Gegner, der Hausbesetzer, der RAF-Sympathisanten und der Vorreiter rot-grüner Koalitionen. Hier werden durch Frauenpower Wörter mit einem riesengroßen "I" geschlechtsumgewandelt. Oft ist da der politische Anspruch des Projektes "taz" wichtiger als das journalistische Handwerk auf den Seiten der "tageszeitung".

Über die Jahre droht der "taz" immer wieder die Insolvenz. Ab 1991 wird sie deswegen über eine Genossenschaft finanziert, so kann ihr die Anzeigenkrise vergleichsweise wenig anhaben. Nach der deutsch-deutschen Vereinigung bringt sie auch eine Ost-taz heraus, muss diese aber wenige Monate später einstellen. Die Gründe vielleicht ähnlich, wie für die schwierige Annäherung von Ost- und Westdeutschen insgesamt: Die Entfremdung in Mentalität, Kultur und Sprache ist größer als vermutet. So bleibt die "taz" im Wesentlichen ein Blatt für die angestammten Verbreitungsbereich im Westen.

Die Zeit zeigt ihre Spuren

Inzwischen ist die "taz" lange nicht mehr so radikal wie in ihren Anfangstagen. Chefs gibt es mittlerweile schon lange, und sie bekommen natürlich auch mehr Geld als die Redakteurinnen und Redakteure. Mitbegründer Hans-Christian Ströbele ist nicht mit allen Veränderungen einverstanden.

Ich kritisiere sie, weil sie sich von ihren Ursprüngen in vielen Bereichen entfernt hat. Aber sie ist damit auch ein Spiegel der Gesellschaft, weil auch diese Szene, für die solche kollektive Strukturen selbstverständlich waren, in dieser Form so nicht mehr existiert.

Hans-Christian Ströbele

Auch die "taz" selbst könnte es bald nicht mehr ihrer nun 40 Jahre alten Form geben. Ab 2022 - so zumindest der Plan - soll sie werktags als digitale Ausgabe erscheinen. Eine Papier-"taz" käme dann nur noch am Wochenende in den guten, alten Briefkasten.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kalenderblatt | 17. April 2019 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. April 2019, 04:00 Uhr

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