Lebensart Der Technopony – eine Frisur mit Statement

Mit seinem rotzigen Charme hat der kurze "Technopony" die urbane, linksalternative Szene in Leipzig erobert. Mit harten Kanten und freigelegter Stirn bricht er mit gängigen weiblichen Schönheitsidealen und soll Selbstbewusstsein demonstrieren. Schon in den 20er-Jahren diente die Kurzhaarfrisur als Symbol weiblicher Emanzipation.

Drei Frauen in schwarz-weiß, denen eine lilafabene Kurzpony-Frisur grafisch auf den Kopf gesetzt wurde. Über ihnen ist eine Diskokugel zu sehen.
Bildrechte: MDR/Lukas Meya

Das erste Mal hat Lisa S. vor einigen Jahren als Studienanfängerin vom sogenannten Technopony gehört. Der Ex ihrer besten Freundin aus Eisenach hatte eine Neue – eine Leipzigerin mit kurzem, abgeschnittenen Pony. Eine Steilvorlage, den eigenen Liebeskummer mit Spott über ihre Frisur zu übertünchen. "Wir haben uns darüber lustig gemacht", sagt Lisa. "Die Frisur hat null zu unserem Schönheitsideal gepasst."

Früher angepasst, jetzt Piercing, Ohrringe und Tattoos

Eine junge Frau mit Kurzpony posiert auf einer Kommode.
Lisa trägt seit Oktober 2019 den Technopony. Bildrechte: MDR/Julian Theilen

Lisa S. sagt heute, einige Jahre später, fast entschuldigend: "Ich bin in der Nähe von Eisenach aufgewachsen. Da kannten wir eben kaum markante Klamottenstile und Frisuren, fast alle sind gleich rumgelaufen." Von dieser empfundenen Eintönigkeit möchte sie, so scheint es, sich nun mit aller Macht distanzieren.

Nasenpiercing, klimpernde Ohrringe, Tattoos an den Beinen und – seit Oktober 2019 – selbst einen Technopony. Da war sie gerade in ihrem Auslandssemester in Budapest und irgendwie gelangweilt von ihrem alten Ich, das sie nun in der Ferne endgültig abzustreifen versuchte. Ein paar Ermunterungsversuche der Freundin ("Nun mach das endlich") später war es dann soweit: "Dann haben wir ein bisschen Vino getrunken und das Ding abgeschnitten." Und plötzlich lag die halbe Stirn frei.

Der Technopony lässt keine Kompromisse zu

Der Pony ist so kurz, das er nur als kurzer Pony getragen werden konnte – variieren kann Lisa ihre Frisur nicht mehr. Diese resolute Kompromisslosigkeit habe sie irgendwie angezogen. "Der Technopony bringt mehr Charakter ins Gesicht, also mir jedenfalls. Es spiegelt mich irgendwie mehr wider", findet Lisa.

Der Pony heißt Technopony, weil er vor allem in der linksalternativen Techno-Szene so beliebt ist. Neben Exzessbereitschaft soll er vor allem eins ausstrahlen: Selbstbewusstsein. Der abgeschnittene Pony wirkt frech, etwas kantig und macht Platz für mehr Gesicht.

Aus diesem Grund hat auch Lisas Freundin Ling T. schon im jugendlichen Alter ihren Pony gestutzt – kurz nachdem sie den Song "Elektrofikkkke" der Band Frittenbude gehört hat.

Auszug aus "Electrofikkkke" von Frittenbude "Ich steh ja so auf deinen Kurzpony
Denn der ist ja echt mal wirklich klasse
Und der Rest von dir ist auch rotzfrech
Jetzt stichst du endlich wieder raus aus der Masse"

Kurzer Pony als Abgrenzungsmerkmal

Eine junge Frau mit Kurzpony.
Ling will sich mit der Frisur von der Masse abheben. Bildrechte: MDR/Julian Theilen

Nun, einige Jahre später, findet die gebürtige Erfurterin ihren Pony etwas zu kurz. Doch die Motivation, sich von der Masse abzuheben, ist geblieben: "Vielleicht kann ich mich damit in der breiten Masse als 'alternativ' identifizieren." Dass sie mit ihrem kurzen Pony in ihrem Freundeskreis nicht mehr heraussticht, weil ihn dort viele tragen, verhehlt Ling T. nicht. Es scheint eher um die Abgrenzung nach außen zu gehen.

Schauspielerin Louise Brooks in den 1920ern als Vorreiterin

Louise Brooks
Rebellisch und unabhängig: die US-amerikanische Schauspielerin Louise Brooks Bildrechte: imago/Cinema Publishers Collection

Die Idee von der Kurzhaarfrisur als weibliches Selbstermächtigungssymbol ist übrigens nicht neu. Als Vorreiterin gilt die amerikanische Schauspielerin Louise Brooks. In den 1920er-Jahren machte sie ein schwarz glänzender Pagenkopf weltberühmt.

Brooks galt als etwas eigensinnig, rebellisch und unabhängig. Eigenschaften, die sich auch in ihrer Frisur ausdrücken sollten und die ohnehin zum Zeitgeist passten. In der Weimarer Republik wurde 1918 das Frauenwahlrecht eingeführt. Mit dieser neu gewonnen politischen Teilhabe wurde auch das weibliche Idealbild neu definiert. Die moderne Frau trug nun Kurzhaarfrisur und kurzes Kleid. Das bisherige Credo "Kinder, Küche, Kirche" wurde durch "Konsum, Kino und Kultur" ersetzt.

"Wir zeigen unser Gesicht, wir haben keine Angst"

Der Pony kann also auch politisch. Das bestätigt auch Friseurin Annabella S. vom Friseurladen "Herr Noland" im Osten Leipzigs. "Kurzer Pony heißt: starke Frau. Es heißt so viel wie: Wir zeigen unser Gesicht, wir haben keine Angst." Sie sagt "wir", weil sie selbst einen kurzen Pony trägt.

An den Armen und im Gesicht ist sie tätowiert: "Hier kommt mindestens jeden Tag eine Frau, die sich den Pony abschneiden lassen will." Bedenken, ob ein abgeschnittener Pony zur Kundin passt, hat Annabella fast nie. Sie findet: Er passt fast zu jeder Gesichtsform. Aber wohl nicht zu jedem Charakter.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Juni 2020 | 12:10 Uhr