Rezension "Witch Bitch": Feministisches Hexentheater in Jena

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Was sind eigentlich Hexen? In "Witch Bitch" am Theaterhaus Jena gehen die Schauspielerinnen Henrike Commichau und Mona Vojacek Koper dem Phänomen nach. Das Stück gleicht einer großen Hexen-Collage, mit feiner Ironie und politischer Botschaft. Eine Theaterkritik.

Zwei Frauen tanzen wild in rotem Licht auf der Bühne. 7 min
Bildrechte: Joachim Dette

"Frauen, die keine Lust auf Kirche, Küche, Kinder haben, sind noch lange keine Zauberwesen!", so lesen wir es auf der Homepage des Theaterhauses in Jena als Hinweis auf ein neues Stück: "Witch Bitch" – übersetzt: Hexenhündin; Hündin als Straßenköter gemeint, der beziehungsweise die sich mit jedem paart, was dann auch zu Bitch, übersetzt als Hure, führt. Das neue Projekt der beiden Schauspielerinnen Henrike Commichau und Mona Vojacek Koper entpuppt sich als nicht nur sehenswert, sondern es passt auch in die Zeit!

Die beiden Schauspielerinnen agieren hier gewissermaßen autonom als Duo "hashtagmonike". Die beiden sind aber auch seit zwei Jahren im Ensemble, seitdem das Theaterkollektiv "Wunderbaum" am Theaterhaus Jena engagiert ist. Beide sind Anfang der 90er-Jahre geboren, also knapp 30 Jahre alt, und kommen von der Schauspielschule in München, wo sie als Duo unter dem Namen "hashtagmonike" zusammenfanden.

Wovon reden wir, wenn wir von Hexen reden?

Im roten Licht steht eine dunkel gekleidete Frau auf der dunklen Bühne und lacht herzhaft mit geschlossenen Augen. In der Hand hält sie wie einen Hexenbesen, einen Wischmob.
Mona Vojacek Koper als Hexe in "Witch Bitch" Bildrechte: Joachim Dette

Im letzten Jahr traten sie übrigens auch schon unter diesem Label in Jena auf, mit dem Stück "Damenwahl". Es ging um das Thema Schwangerschaftsabbruch – "Damenwahl" und "Witch Bitch" – das war beziehungsweise ist also bei den beiden offenkundig ein politisches, selbst erarbeitetes Theaterprinzip.

Hier bei "Witch Bitch" wollen die beiden Schauspielerinnen erkunden, "Wovon wir eigentlich reden, wenn wir von Hexen reden?". Hexen seien oft die "Sündenböcke", etwas Unerklärliches. Eine Hexe sei auch ein Körper, an dem Männer ihre Gewaltphantasien ausleben können. Mit der Erwartung auf ein politisches Theaterstück wird der Zuschauer hier also angefüttert.

Die Umsetzung dieser Idee ist dann eine große Collage, die zunächst nah am Klischee bleibt: Die Bühne ist in eine Hexenküche verwandelt. Die Zuschauer betreten einen schwarzen Raum, rot ausgeleuchtet, in dem die Bühne in Nebel gehüllt ist. Man erkennt ein paar Kerzen auf dem Küchentresen, der, in der Bühnenmitte aufgestellt, auch ein Altar sein könnte und mit kleinen schwarzen Mosaikfliesen gefliest ist. Die gleichen Fliesen auch auf dem Boden – also durchaus moderne Anklänge à la Küchenstudio.

In diesem Raum begeben sich die beiden in ein "Ritual", wie sie es später nennen. Bass-Rhythmen geben den Takt dazu an. Die beiden tanzen versuchsweise wild um den Tresen herum, allerdings bleiben sie immer auch noch kontrolliert – das ist hier wichtig.

Der Theaterabend ist nicht nur sehenswert, sondern er passt auch in die Zeit.

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Ein Stück mit Collage-Elementen

Eine Frau sitzt mit einem Tannenzweig im Arm auf der Bühne und hält die Augen geschlossen.
Die Schauspielerin Henrike Commichau Bildrechte: Joachim Dette

Diese Szene wird nach etwa zehn Minuten abgebrochen. Harter Schnitt; die Kerzen werden ausgeblasen. Sind dann aber gar nicht echt, sondern leuchten durch LED und Batterie. Das ist natürlich ein Zeichen, das zu diesem Erkundungstheater passt: dass man sich nämlich nicht wirklich gehen lässt, sondern auf Distanz, kontrolliert bleibt.

Und so geht es dann mit verschiedenen Collage-Elementen weiter; reicht vom Nachspielen einiger Filmsequenzen der Hexen-Klassiker über verschiedene Märchenzitate bis zur Publikumsbefragung. Es sind Fragen wie: Haben sie schon mal an einem Ritual teilgenommen? Oder: Wer hat eine Katze? Und: Hatten Sie schon mal Sex mit dem Teufel?

Dabei schöpfen die beiden Schauspielerinnen, oder besser: Performerinnen, offenbar auch aus persönlichen Erlebniswelten, abstrahieren aber auch; mischen zusammen, was sie in Interviews und Recherchen erfahren haben. Unterm Strich ist es ein vielschichtiges Erkundungstheater, das vom Publikum übrigens sehr gut angenommen wurde. Viele Reaktionen, am Ende langer Applaus.

Performance mit Distanz zur Rolle

Für die politische Dimension nutzen Commichau und Vojacek Koper den Trick der Distanz, wie er bei den LED-Kerzen schon auftaucht. Dieses Mittel der Verfremdung, diese Ebene des Zeichenhaften, diese Distanz zum eigenen Text, auch der bewusste Ausstieg aus den Rollen – das ist hier immer auch ein Mittel, um auf die Ebene einer politischen Botschaft zurückzukommen.

Oft sind das gut gesetzte Zwischenbemerkungen, kleine Anmerkungen wie diese hier, dass die Autorin von Bibi Blocksberg vom Alter her eigentlich eine Achtundsechzigerin sei und Bibi Blocksberg natürlich auch in diesem Kontext als Teenager-Rebellin zu denken wäre – dass vielleicht auch eine eher feministische Haltung bei Blocksberg im Hintergrund zu erwarten wäre, aber stattdessen kämen wieder alte Rollenmuster ins Spiel, wenn Bibi zum Beispiel bei der Zubereitung des Abendbrotes helfen soll, weil der Vater von der Arbeit nach Hause kommt. Da zeigen die beiden Schauspielerinnen ein gutes Gespür für Widersprüche, wenn sie diese Szenen nach dem gesellschaftlichen Bild abklopfen, das sich dahinter verbirgt.

Unterm Strich ist es ein vielschichtiges Erkundungstheater, das vom Publikum übrigens sehr gut angenommen wurde.

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Viel feine Ironie

Zwei in weiß gehüllte Frauen sitzen in einem weißen Kreis auf dem dunklen Boden der Bühne. Es liegen grüne Zweige vor ihnen.
"Witch Bitch" greift unterschiedlichste Hexen-Bilder auf Bildrechte: Joachim Dette

Es sind übrigens ganz unterschiedliche Hexen-Bilder, die hier aufgegriffen werden: Sie reichen von einer germanischen Urmutter bei den Nazis, die, so erfahren wir hier, eine intensive Hexenforschung betrieben haben; es geht dann über konkrete Hexenprozesse und die Frage, welche Dimension das in der Geschichte hat bis hin zu der Monatsblutung, die als Beleg dafür herhalten muss, dass den Frauen dadurch zu viel Natur innewohnen würde, und sie deshalb in einer zivilisierten Gesellschaft nicht an oberster Stelle stehen könnten.

Oft kommt auch feine Ironie ins Spiel, eine Kommentarebene also, die einen Resonanzraum braucht. Der wird als Zusammenspiel zwischen Bühne und Publikum schön ausgelotet. Die beiden Akteure haben das gut im Griff über die 75 Minuten, die dieser Theaterabend läuft.

Geschliffene Monologe

Er beinhaltet auch immer wieder Monologe, mit denen sich Henrike Commichau und Mona Vojacek Koper direkt ans Publikum wenden. Diese Monologe sind in den Haltungswechseln und auch sprachlich sehr präzise gearbeitet, dass es Freude macht zuzusehen.

Das Publikum war bei der Premiere übrigens gut gemischt; Männer und Frauen, überwiegend Studierende, gleichmäßig verteilt. Unterm Strich wird hier ein Diskurs angestoßen, wie wir miteinander umgehen wollen, in einer Zeit, in der die althergebrachten Geschlechterrollen und Verhaltensmuster wieder hervorgekramt werden. Der Theaterabend ist also nicht nur sehenswert, sondern er passt auch in die Zeit.

Angaben zum Stück "Witch Bitch" am Theaterhaus Jena
von und mit hashtagmonike (Henrike Commichau und Mona Vojacek Koper)

Die nächsten Aufführungen (jeweils um 20 Uhr):
30. Januar 2020
1. Februar 2020
12. März 2020
13. März 2020
14. März 2020

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Januar 2020 | 12:10 Uhr

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