Chronologie Der Theaterstreit in Halle – was bisher geschah

Am Dienstag hat der Aufsichtsrat der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle (TOOH) entschieden, dass der Vertrag von Geschäftsführer Stefan Rosinski nicht verlängert wird. Rosinski ist seit August 2016 im Amt, sein Vertrag läuft noch bis zum 31. Juli 2021. Rosinski hatte seit längerem in der Kritik gestanden. Hintergrund ist der seit Jahren schwelende so genannte hallesche Theaterstreit – das Betriebsklima an der TOOH ist schwer beschädigt. Eine Chronologie der Eskalation.

Kulturinsel Halle Sachsen Anhalt
Der Eingang des Neuen Theaters Halle Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

März 2017 – das Vertrauen ist schnell zerrüttet

Schauspielintendant Matthias Brenner erhebt schwere Vorwürfe gegen Rosinski und schreibt an den Aufsichtsrat: "Rosinski hat … geschäftsschädigend gearbeitet, indem er auf subtile Art und Weise Angst und Zwietracht … gesät hat." Brenner kommt schon damals zu dem Schluss: "Das Vertrauen ist zerrüttet." 

Juni 2017 – erheblicher Schaden

Brenner, Opernintendant Florian Lutz und GMD Josep Caballé-Domenech wenden sich gemeinsam an den Aufsichtsrat. Das Vertrauen in Rosinski sei so gestört, dass "wir nicht mehr sehen, wie wir erfolgreich mit ihm zusammenarbeiten können. Aus unserer Sicht hat seine Vorgehensweise … der TOOH … erheblichen Schaden zugefügt."

Juni 2017 – Gefahr für die Arbeit des Theaters

Der Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Marc Grandmontagne, wendet sich an Bernd Wiegand, den Oberbürgermeister der Stadt Halle: "Die … Auseinandersetzungen sind gravierend und stellen eine Gefahr für die Arbeit des Theaters dar." 

Juli 2018 – nach Gutsherrenart

Stefan Rosinski, 2009
Stefan Rosinski, seit 2016 Geschäftsführer der TOOH Bildrechte: imago/DRAMA-Berlin.de

Franziska Blech, die Leiterin der Presseabteilung, muss zum Spielzeitende gehen. Ihr Vertrag wird nicht verlängert. "Bereits vor meiner Nichtverlängerung untersagte mir Rosinski das direkte Kommunizieren mit der Presse, auch das Weiterleiten von Presseanfragen an die Intendanten. Alle Presseanfragen sollten erst an Rosinski gehen, der entschied, ob sie an die Intendanten weitergeleitet werden oder nicht, ob geantwortet wird oder nicht." Blech nennt diese Anweisung "undemokratisch" und beschreibt es als ein "Schalten und Walten nach Gutsherrenart."

Oktober 2018 – abgestraft für Elternzeit

Die Theaterpädagogin Barbara Frazier veröffentlicht auf ihrer Facebookseite einen Aufruf. Sie habe ihren geliebten Job an der Oper Halle verloren und fühle sich "Abgestraft für Elternzeit". Weiter schreibt sie: "Die offiziellen Gründe lauten: 'Künstlerische Gründe' und 'geänderter Führungsstil während der Abwesenheit'".

Stefan Rosinski entgegnet in einer Stellungnahme: "Die Nichtverlängerung geschah allein aus der Bewertung der Arbeitsleistung von Frau Frazier." Intendant Lutz weist Gründe, die aus der Bewertung der Arbeitsleistung resultieren, zurück. Frau Frazier sei "eine hervorragend qualifizierte Theaterpädagogin."

Dezember 2018 – unrettbar zerrüttet

Matthias Brenner
Schauspielintendant Matthias Brenner Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am 8. Dezember 2018 titelt die "Mitteldeutsche Zeitung": "Aufstand der Intendanten". In dem Artikel heißt es zu Lutz und Brenner: "In den Briefen an den Aufsichtsrat betonen sie ihre enge Verbundenheit mit der Stadt und ihren Teams, beschreiben ihr Verhältnis zu Rosinski jedoch als unrettbar zerrüttet und schließen eine weitere Zusammenarbeit mit ihm aus diesem Grund faktisch aus." 

Februar 2019 – Da würde ich selbst die Kugel abdrücken

Olaf Schöder, ein Ensemblemitglied der Oper Halle, leitet Rosinski eine Sprachnachricht weiter, in der es heißt: "Die zwei (gemeint sind Opernintendant Florian Lutz und Chefdramaturg Michael von zur Mühlen, Anmerkung der Redaktion) würde ich an die Wand stellen, da würde ich selbst die Kugel abdrücken."

Rosinski gibt die Nachricht an eine Mitarbeiterin der TOOH weiter, um klären zu lassen, ob der Verfasser der Sprachnachricht ein Mitarbeiter des Theaters sei. Das sei nicht der Fall gewesen. Weil die Drohung nicht als ernst eingeschätzt wurde, hätte man nichts weiter veranlasst. Intendant Lutz kritisiert, dass Rosinski ihn nicht über die Sprachnachricht informiert habe und seiner Fürsorgepflicht nicht nachgekommen sei. 

Februar 2019 – Matiakh spricht sich gegen Lutz aus

Die damals designierte GMD Ariane Matiakh richtet sich in einem Brief an den Aufsichtsrat der TOOH, weil sie sich um die Zukunft des Hauses sorgt: "Die Konflikte innerhalb der Hausleitung (sind) schon viel zu lange viel zu weit gegangen."

Sie habe mit Mitarbeitern verschiedenster Sparten gesprochen: "Die Frustration ist eindeutig und allgegenwärtig spürbar." Das Haus sei an einem "Point of no return" angekommen. Matiakh spricht sich gegen eine Verlängerung des Vertrags von Opernintendant Lutz aus.

März 2019 – Mobbingvorwürfe

Ein abfotografierter Brief.
Stellungnahme von Stefan Rosinski vom März 2019 Bildrechte: MDR/Robert Kühne

In einem MDR KULTUR-Interview wirft Brenner Rosinski "Mobbing" vor. Auch Inés Brock, Aufsichtsrätin der TOOH, spricht im Stadtrat von "systematischem Mobbing" gegen drei Mitarbeiter der Bühnen Halle. Rosinski weist diese Anschuldigungen gegenüber MDR KULTUR zurück: "Angesichts dieser Verbalattacke gegen meine Person könnte der Gedanke nahe liegen, den Spieß umzudrehen und zu fragen, ob nicht diese rufschädigende Äußerung von Frau Brock selbst eine Art von Mobbing, nämlich gegen meine Person, darstellt."

März 2019 – Kleinkrieg

Die PR-Managerin Julia da Costa José wird von Rosinski zur Teamverstärkung in der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit eingestellt. Sie soll das Bild der TOOH in der Öffentlichkeit analysieren und Verbesserungsvorschläge machen, und auch Rosinskis Lebenslauf auf der Website der Bühnen Halle als Wikipedia-Eintrag umsetzen.

Im Interview mit MDR KULTUR erklärt sie, dass sie Rosinski schon seit zwei Jahren kenne: "Rosinski war schon lange von seinem privaten Umfeld dazu gedrängt worden, sich selbst um seine öffentliche Darstellung zu kümmern." Aber schon nach drei Tagen Arbeit bittet da Costa José um Vertragsauflösung, weil ein Nacktfoto von ihr unter Theatermitarbeitern kursiert. Da Costa José spricht gegenüber MDR KULTUR von einem "Kleinkrieg" und von "Mobbing".

April 2019 – Betriebsklima vergiftet

Ein abfotografierter Brief.
Offener Brief von halleschen Bürgern Bildrechte: MDR/Robert Kühne

In einem offenen Brief wenden sich Bürger der Stadt Halle an den Aufsichtsrat der TOOH und fordern, dass die Intendanten Lutz und Brenner in Halle ihre Arbeit fortsetzen dürfen. Rosinski befördere Streit und Zwietracht und habe offenbar das Betriebsklima vergiftet.

Die Unterzeichner verweisen auf drei frühere Arbeitsstellen Rosinskis und sprechen von einem "völligen Zerwürfnis" (Berlin, Stiftung Oper), einem "gestörten Vertrauensverhältnis" (Berlin, Volksbühne) und einem "völligen Durcheinander bei der Neustrukturierung einer Theaterszene" (Volkstheater Rostock).

Schon im Sommer 2017 erklärte Antje Jonas, die Vorsitzende des Rostocker Theaterfördervereins, gegenüber MDR KULTUR: "Das von Rosinski formulierte Hybridmodell zum strukturellen Umbau des Rostocker Vier-Sparten-Theaters in ein Musiktheater- und Opernhaus war vermutlich mehr von eigenen Ambitionen als Opernregisseur getragen als von der realistischen Einschätzung der Gegebenheiten vor Ort."

April 2019 – flächendeckend kontaminiert

Im Interview mit MDR KULTUR beschreibt Rosinski die Situation an der TOOH als eine sehr komplexe Symptomatik: "Es fällt mir zunehmend schwer, die verschiedenen Symptome auf den Kernkonflikt zurückzubinden." Die Situation sei "flächendeckend kontaminiert. Wie Mehltau legt es sich über alle. Und es macht keinen Spaß."

Rosinski sieht eine Fraktionsbildung im Theater und im Aufsichtsrat. Er nimmt wahr, dass die Diskussion der letzten zweieinhalb Jahre intensiver werde und emotional sei. Im Kerngehalt habe sich aber nicht viel verändert: "Alle wünschen sich, dass das aufhört, dass Frieden einkehrt." Rosinski schlägt einen Runden Tisch vor.

April 2019 – schwerwiegender Mobbingvorwurf

Foto einer Pressemitteilung des Betriebsrates der Oper Halle vom April 2019
"Betriebsfrieden massiv gefährdet" - Pressemitteilung des Betriebsrates der Oper Halle. Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Der Betriebsrat der TOOH nimmt in einer Pressemitteilung Stellung zu den Mobbingvorwürfen der Mitarbeiterin Julia da Costa José und sieht den Betriebsfrieden "massiv gefährdet". Das liege an der befremdlichen, öffentlichen Darstellung des Geschäftsführers.

"Wir haben kein Verständnis, warum sich Stefan Rosinski an der unsachgemäßen Berichterstattung beteiligt, anstatt zur sachlichen Darstellung beizutragen." Der Betriebsrat wertet den Mobbingvorwurf als "schwerwiegend" und fordert Aufklärung.

April 2019 – Betriebsklimakatastrophe

Die Schauspiel-Ensembles von Neuem Theater und Thalia Theater zeigen sich in einem offenen Brief "massiv irritiert über das destruktive Potenzial der Geschäftsführung". Die Ensembles sprechen von einer "Betriebsklimakatastrophe".

Mai 2019 – vergiftete Situation

In einem offenen Brief stellt der Vorstand der "Gesellschaft der Freunde der Oper und des Balletts" fest: "Es ist ihm (Rosinski, Anmerkung der Redaktion) seit seiner Berufung nicht gelungen, den Betriebsfrieden zu wahren … das Ergebnis seiner Führungstätigkeit ist nach eigener Aussage eine vergiftete Situation und ein anhaltender Machtkampf."

Januar 2020 – Verunglimpfung, Rufschädigung, Erpressungsmaßnahmen?

Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand nach seiner Wiederwahl in seinem Büro.
Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Die Stadt Halle bestätigt, dass sich Mitarbeiter der Staatskapelle der TOOH mit einem Schreiben an Oberbürgermeister Bernd Wiegand gewandt haben, in dem es um aktuelle Probleme mit Rosinski geht.

Nach Informationen, die MDR KULTUR vorliegen, werden schwere Vorwürfe gegen Rosinski, aber auch gegen den Vorsitzenden des Orchestervorstands, Fabian Borggrefe, erhoben. Es soll unter anderem um "Verunglimpfung", "Rufschädigung" und "Erpressungsmaßnahmen" gehen. Der Betriebsrat werde bei bestimmten Anliegen ignoriert. Zu diesen Vorwürfen, die im Raum stehen, soll es inzwischen Gespräche geben.

Februar 2020 – Ruf immens geschädigt

Barbara Langhans, die Vorsitzende der "Gesellschaft der Freunde der Oper und des Balletts", erklärte MDR KULTUR, dass die "vergiftete Situation und der anhaltende Machtkampf in der TOOH durch den Geschäftsführer nicht bereinigt wurde".

Das wäre aber seine Aufgabe gewesen. Der Ruf der Stadt Halle sei immens geschädigt. "Wir machen uns deshalb große Sorgen und sehen keine Möglichkeit, wie sich diese problematische Situation bei einer Vertragsverlängerung des Geschäftsführers ändern könnte."

Februar 2020 – Rosinskis Vertrag wird nicht verlängert

Der Aufsichtsrat der TOOH entscheidet, dass der Vertrag von Geschäftsführer Stefan Rosinski nicht verlängert wird. Er läuft bis Sommer 2021. Zunächst ist unklar, ob Rosinski bis Vertragsende im Amt bleibt. Über das weitere Vorgehen will der Aufsichtsrat, dem Oberbürgermeister Bernd Wiegand vorsteht, in seiner Sitzung Ende März entscheiden.

Mehr zu den Bühnen Halle

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Februar 2020 | 20:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2020, 08:17 Uhr

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