Gedenkorte in Jena, Weimar und Erfurt Thüringen: Denkmal für "Vater" der Landesverfassung entsteht

Eduard Rosenthal war in den 20er-Jahren in Thüringen sehr bekannt: Der Rechtswissenschaftler war Rektor der Universität Jena und in der Landespolitik aktiv, und wurde deswegen beauftragt, die Thüringer Landesverfassung zu schreiben. Dennoch kennt ihn in Thüringen heute kaum jemand. Denn weil Rosenthal Jude war und dazu noch überzeugter Demokrat, tilgten die Nationalsozialisten die Erinnerung an ihn aus den Geschichtsbüchern. Jetzt aber, zum anstehenden 100. Geburtstag des Freistaats Thüringen, wird ein ganz besonderes Denkmal für Rosenthal entstehen.

Horst Hoheisel und Andreas Knitz sind nicht bekannt für klassische Denkmäler, bei denen eine Büste auf einen Sockel montiert wird. Die zwei Künstler wollen vielmehr überraschen und irritieren. Wie etwa mit einem Denkmal, dass sie bereits 1995 auf dem früheren Appellplatz von Buchenwald installierten: Eine Bodenplatte mit den Namen der Opfernationalitäten, bei der man ganz nah dran plötzlich bemerkt, dass sie konstant auf die menschliche Körpertemperatur von 37 Grad erwärmt wird.

Das Künstler-Duo Horst Hoheise (l.) und Andreas Knitz (r.) ist für "Erkundungsbohrungen" mit dem Botho-Graef-Kunstpreis am 19.01.2019 in Jena ausgezeichnet worden
Horst Hoheisel (l.) und Andreas Knitz bei der Verleihung des Botho-Graef-Kunstpreises im Januar 2019. Im Rahmen des Preises wurde der Wettbewerb zum Denkmal ausgeschrieben. Bildrechte: Annegret Günther, FSU Jena

Auch ihr Denkmal für Eduard Rosenthal wird auf den ersten Blick unauffällig daherkommen. Denn – es soll aus Löchern in Hauswänden bestehen. Andreas Knitz deutet auf einen Entwurf des Denkmals, darauf ist das Hauptgebäude der Universität Jena zu sehen: "In der Eingangssituation werden wir eine Bohrung vornehmen: durch das gesamte Mauerwerk, 80 cm tief. Dort setzen wir eine gläserne Hülse ein." Und Horst Hoheisel ergänzt: "Wenn man durchguckt, liest man Zitate über und von Eduard Rosenthal, die für diesen Ort spezifisch, an dem er gewirkt hat, stehen. Wir geben dem Ort also etwas von Rosenthal zurück."

Ein ortsüberschreitendes Denkmal

Skizze von H. Hoheisel zum Eduard Rosenthal Denkmal
Skizze von Horst Hoheisel zum Eduard Rosenthal Denkmal Bildrechte: Horst Hoheisel

Nicht nur die Außenwand am Hauptgebäude der Universität Jena wird bald durchbohrt und und das 20 Zentimeter dicke Loch mit einer gläsernen Hülse gefüllt: Weil Eduard Rosenthal sich an so vielen Stellen engagierte, wurde bereits im Wettbewerb für das Denkmal die Bedingung gestellt, dass es dezentral wirken solle. Insgesamt wird es deswegen fünf Bohrungen geben, drei in Jena, eine in Weimar (an der Musikhochschule, dem früheren Sitz des thüringischen Landesparlaments) und eine am Erfurter Landtag.

An fünf Orten werde also Gebäuden etwas von ihrer Substanz genommen, um Erinnung zu schaffen, erklärt Verena Krieger. Die Professorin für Kunstgeschichte an der Uni Jena hat den Wettbewerb zum Denkmal konzipiert: "Die Jury war sehr angetan von dieser Idee, Löcher zu bohren. Und zwar gerade deshalb, weil es auch diesen Aspekt des Verletztens hat. Denn wir wollten ja ein Denkmal, dass auch diesen negativen Aspekt der Ausgrenzung von Rosenthals Person thematisiert." Hier habe man die Figur des Lochs für sehr gut geeignet befunden.

Gedenken mal anders

Die Spurensuche nach einem lange vergessenen Menschen steht nun im Mittelpunkt des Denkmals. Die Bohrungen laden dazu ein, sich auf eigene Faust mit Eduard Rosenthal zu beschäftigen, denn durch die Hülsen kann nur eine Person gleichzeitig schauen. Ganz im Gegensatz zu konventionellen Denkmälern, die ja angelegt werden, um vor ihnen kollektive Gedenkveranstaltungen oder Kranzniederlegungen zu inszenieren. Horst Hoheisel sagt, er wolle so Counter-Monuments oder Negativ-Denkmale schaffen: "Wir wollen andere Formen des Denkmals finden als die des bürgerlichen Denkmals aus dem 19. Jahrhundert. Genau darum kreist unsere Arbeit."

Prof. Dr. Verena Krieger
Verena Krieger Bildrechte: Anne Günther

Für Verena Krieger war es eine Menge Arbeit, alles in die Wege zu leiten, so dass bald in verschiedene denkmalgeschützte Gebäude Löcher gebohrt werden können. "Tatsächlich ist es dann gelungen, für alle fünf Gebäude eine Einigung zu finden. Das ist schon ein toller Erfolg für die beiden Künstler: Ihr Entwurf ist so überzeugend, dass die unterschiedlichsten Akteure sich darauf eingelassen haben."

Mit Löchern Erinnerungslücken füllen

Sowohl die Künstler, als auch Initiatorin Verena Krieger hoffen, dass mit dem Denkmal ein Wiederentdecken von Eduard Rosenthal einsetzt. Der ganze Wettbewerb wurde deswegen sehr öffentlich gestaltet. Zudem wird ein Buch zu Eduard Rosenthal herausgegeben, und auch die drei Einweihungsfeiern in Jena, Weimar und Erfurt sind groß angelegt – mit Kunstaktionen und einem Bürgerfest. Zum hundertjährigen Geburtstag des Freistaats Thüringen wird so der Vater der Verfassung ganz besonders geehrt.

Informationen zur Einweihung des Denkmals 24.9.2020 Einweihung des Denkmals in Jena
Der Termin der Einweihungen in Erfurt und Weimar steht noch nicht fest.

Kultur in Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Februar 2020 | 15:45 Uhr

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