Im Gespräch Thüringer Verlegerin: "Ich hoffe, die Leute hamstern nicht nur Klopapier"

Literatur ist ein Lebensmittel, findet Katja Cassing. Wer sie beim lokalen Buchhändler kaufe, unterstütze auch kleine Verlage wie ihren, betont sie. Im Gepräch mit MDR KULTUR erklärt die im kleinen Bad Berka bei Weimar ansässige Thüringer Verlegerin, warum sie keine Zeit hat, im Corona-Schock zu verharren und was unabhängigen Verlegern und Verlegerinnen, abgesehen von Preisen, wirklich helfen würde.

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MDR KULTUR - Das Radio Sa 21.03.2020 11:05Uhr 55:14 min

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Die Thüringer Verlegerin Katja Cassing hat im Gespräch mit MDR KULTUR an die Literaturfans appelliert, lokale Buchhandlungen zu unterstützen: "Ich hoffe, dass die Leute jetzt nicht nur Klopapier hamstern, sondern auch Bücher."

Literatur als Lebensmittel

Literatur könne ein Lebensmittel sein, meinte Cassing und erklärte weiter, Leser und Leserinnen, die jetzt beispielsweise das Online-Bestellsystem kleiner Buchhandlungen nutzten, unterstützten damit außerdem die Arbeit der unabhängigen Verlage.

Cassing verwies auf den herben Schlag, den die Corona-bedingte Absage der Leipziger Buchmesse gerade für kleinere Unternehmen der Branche bedeutet habe. Damit sei eine "Riesen-Plattform" für die unabhängigen Verlage kurzfristig entfallen, schließlich sei die Leipziger Buchmesse vor allem auch ein Lesefestival: "Im vergangenen Jahr kamen 280.000 Menschen. Das sind alles potenzielle Kunden, also Leute, die vielleicht an den Stand kommen. In diesem Jahr hätten wir unsere Bücher da erstmals direkt frei verkaufen dürfen."

Wenn Buchhandlungen etwa für einen Monat keine Bücher mehr vor Ort verkaufen können, sind (...) auch die Verlage (...) existenziell bedroht. (...) Zwar arbeiten zahlreiche Buchhandlungen daran, online oder telefonisch bei ihnen bestellte Bücher per Fahrradkurier oder über andere Lieferdienste zustellen zu können. Das wird aber nicht ausreichen, um finanzielle Einbußen auszugleichen.

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Preisgekrönt und trotzdem existenzgefährdet?

Der in Bad Berka bei Weimar ansässige Cass-Verlag gibt japanische und koreanische Belletristik und Kriminalliteratur heraus. Geführt wird das Unternehmen von Katja Cassing und Jürgen Stalph, die beide Japanologen sind. Sie lebten und arbeiteten mehr als zehn Jahre in Tokio, bevor sie 2000 nach Deutschland zurückkehrten und ihren Verlag gründeten. 2006 zogen sie nach Thüringen. 2019 wurden sie für ihre "hervorragende Leistung" mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet. Ihr Spitzentitel auf der Leipziger Buchmesse 2020 sollten die "Aufzeichnungen eines Serienmörders" sein. Held in dem koreanischen Krimi ist ein alter Mann mit schwindendem Gedächtnis. Um seine Tochter zu beschützen, versucht er trotz seiner fortschreitenden Demenz, einen letzten Mord zu planen. Das Buch von Young-ha kim war in Korea ein Bestseller, der auch verfilmt wurde.

Strukturförderung für unabhängige Verlage gefordert

Wegen Corona noch lange in Schockstarre zu verharren, dafür bleibt Katja Cassing keine Zeit. Sie arbeite bereits wie viele ihrer Kollegen am Programm für 2021 und 2022, erklärte die Verlegerin im Gespräch mit MDR KULTUR. Die Mittel dafür aufzubringen, sei jetzt die Herausforderung. Eine Auszeichnung wie der Deutsche Verlagspreis, der ihr 2019 immerhin 15.000 Euro Preisgeld eingebracht habe, sei "wunderbar, gerade für die öffentliche Wahrnehmung, und dennoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein". Was die kleinen Verlage eigentlich bräuchten, sei eine Strukturförderung so wie es sie in Österreich oder der Schweiz gebe. Besonders für Verlage, die übersetzte Literatur herausbrächten und mit enormen Vorläufen arbeiteten, wäre dies überlebenssichernd.

Mit Blick auf ihre aktuelle Situation macht Cassing folgende Rechnung auf: "Wenn nur jeder hundertste Thüringer ein Buch von uns kaufen würde, dann hätten wir schon keine existenziellen Sorgen mehr." Um ihr Auskommen zu sichern und weitere Verlagsprojekte realisieren zu können, geht Cassing derzeit ihrem "Brotjob" nach, der Übersetzung eines "sehr fetten Romans" aus dem Japanischen.

Buchhandel in Zeiten von Corona Von den Corona-bedingten Ladenschließungen sind auch die Buchhandlungen in Sachsen und Thüringen betroffen. Einzig in Berlin und Sachsen-Anhalt dürfen Buchhandlungen weiterhin öffnen.

Erlaubt ist die Besetzung der Buchhandlung zur Abwicklung von Bestellungen und die Zustellung, beispielsweise auf dem Postweg. Zeitungsverkauf soll weiter möglich sein.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. März 2020 | 11:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. März 2020, 13:31 Uhr

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