Interview Wie steht es um das Tierwohl im Bio-Stall?

Der Preis für ein Bio-Hühnchen ist schnell viermal so hoch wie der für ein konventionelles. Dasselbe gilt auch für Rind- und Schweinefleisch. Aber geht es den sogenannten Nutztieren in ihrem Leben im Bio-Stall besser? Seit vielen Jahren beschäftigt sich Professor Albert Sundrum von der Universität Kassel mit dieser Frage und kommt zu einem niederschmetternden Ergebnis. Warum und was zu tun ist, erklärt der Tiermediziner im Interview.

Ein Schwein liegt in einem Schweinestall auf Stroh 11 min
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Seit vielen Jahren untersucht Prof. Albert Sundrum die Tiergesundheit in Bio- wie in konventionellen Ställen und stellt fest: Die Gesundheit der Tiere im Bio-Stall ist nicht grundlegend besser.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 29.05.2020 18:00Uhr 10:31 min

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MDR KULTUR: Wenn ich mehr Geld für Biofleisch ausgebe, kann ich dann davon ausgehen, dass das Bio-Nutztier besser gehalten wurde?

Prof. Albert Sundrum: Nein, keineswegs. Auch die ökologische Wirtschaft steht unter Preisdruck: Wer schafft es, unter den gegebenen Rahmenbedingungen, die Produkte preisgünstiger zu erzeugen, um einen entsprechenden Vorteil im Markt zu erzielen. Das ist die Frage. Es geht nicht so sehr darum, eine spezifische Qualität oder die Tiergesundheit voranzustellen.

Aber mit dem Tierwohl – mehr Platz, keine Antibiotika-Gabe etc. – wird doch geworben ...

Mehr Platz schafft mehr Bewegungsspielraum, das ist gut, reicht aber nicht aus für die Tiergesundheit. Deswegen halte ich auch die ganze aktuelle Debatte um das Tierwohl-Label eher für irreführend. Wir sehen ja gerade: Wir haben eine deutlich verbesserte Umwelt für die Tiere, aber keine verbesserte Tiergesundheit. Das gilt für alle Tierarten mehr oder minder. Es gibt natürlich schon sehr gute Bio-Betriebe, aber eben auch sehr viele schlechte. Die Spannweite ist riesig, aber es besteht kein Anreiz, darauf hinzuwirken, dass die Tiere gesünder sind als im konventionellen Bereich.

Welche Anreize sollte es geben?

Einen höheren Preis ...

Der Preis für ein Bio-Hühnchen ist schnell viermal so hoch wie für ein konventionelles. Dasselbe gilt auch für Rind- und Schweinefleisch. Noch höher sollte der Preis sein?

Hausschwein und Rind stehen vor dem Bio Prüfsiegel.
Helfen Siegel oder Label, das Tierwohl zu verbessern? Professor Albert Sundrum von der Universität Kassel bezweifelt das. Bildrechte: imago/Ralph Peters

Ja, für die, die erzeugen. Ob sich das am Markt in gleicher Weise darstellt, muss sich dann zeigen. Aber was wir vor allen Dingen bräuchten, ist eine Qualitätskontrolle. Beim Gemüse kennen wir das: Wenn wir einen faulstichigen Apfel haben, wird der aussortiert.

Aber wenn ein Abzess am Schlachtkörper ist oder sonstige Entzündungsprozesse, dann werden solche Stellen einfach ausgeschnitten und der Schlachtkörper wird zum gleichen Preis weiterverkauft. Ein Produkt von einem gesunden Tier kriegt keinen höheren Preis als das von einem kranken. Das heißt, der Landwirt kann versuchen, sich durchzulavieren, ohne dass er sanktioniert wird bzw. ohne Mehraufwendungen zu betreiben. Denn die würde es brauchen, schon allein im hygienischen Bereich, für mehr Produkte von gesunden Tieren. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es einen Anreiz und Qualitätskontrolle.

Es gibt im Bio-Bereich keine stärkeren und schärferen Kontrollen?

Die Kontrollen beziehen sich nur auf die Einhaltung der erhöhten Mindestanforderungen. Beispielsweise, ob die Flächenmaße und dergleichen stimmen, aber nicht, ob sie zu einer besseren Tiergesundheit führen.

Die Tiere werden nicht genauer angeschaut?

Schwarzbunte Kühe im Kuhstall zu sehen, die Gras fressen
Schwarzbunte Kühe im Kuhstall Bildrechte: MDR/Christine Reißing

Wenn ich äußerlich schaue, sehe ich nicht so viel. Ich müsste mir die Schlachttiere in der Fleischerzeugung anschauen, um festzustellen, ob Entzündungen in Lunge, Leber und anderen Organen auftreten; welche Vorschädigungen oder Erkrankungen die Tiere durchlitten haben. Auch in der Milch kann ich anhand der Zellzahl bestimmen, ob Entzündungsprozesse abgelaufen sind. Also die Möglichkeit gibt es. Nur müsste ich sie auch nutzen. Anreize für das Tierwohl zu setzen, kann auch heißen, qualitativ zu differenzieren, d.h. schlechtere Produkte als solche für den Verbraucher auszuweisen und schlechte Betriebe zu sanktionieren.

Sie betonen, dass mehr Platz nicht hinreichend für die Tiergesundheit sei, warum?

Es ist nicht der Kern des Konflikts in der Tierhaltung. Mehr Platz und Bewegungsfreiheit verhindern nicht per se krank machende entzündliche Prozesse. Die Ausläufe beispielsweise können sehr stark durch Parasiten belastet sein. Auch in der ökologischen Landwirtschaft haben wir Hochleistungstiere. Die bräuchten entsprechend sehr hochwertiges Futter. Das ist extrem teuer. Also verzichtet ein Landwirt eher darauf.

Er wird auch nicht dahingehend überprüft, ob er es schafft, den Tieren das zu geben, was sie bräuchten, an Nährstoff-Ressourcen, an Schutz vor Stressoren oder pathogenen Keimen, die das Tier beeinträchtigen und krankmachen können. Antibiotika einzusetzen, die auch in Bio-Betrieben eingeschränkt erlaubt sind, kann angezeigt sein, um kranke Tiere zu therapieren. Das nicht zu tun, führt zu Schmerzen, Leiden, Schäden, da die Krankheit fortdauert.

Die Haltung ist also nur ein marginaler Aspekt für das Tierwohl. Erst am Ende sieht der Landwirt, ob er erfolgreich war. Nicht umsonst heißt es schon in der Bibel: "An den Früchten werdet ihr sie erkennen." Entsprechend müsste man also die Schlachtkörper befunden und die Ergebnisse zur Orientierung an die Landwirte übermitteln, ob sie gut oder nicht so gut gearbeitet haben.

Verallgemeinert wird als Kriterium hingegen gern der größere Platz, dass die Tiere Stroh haben und dergleichen mehr. Die Verbände wollen darüber nicht reflektieren, der Handel hat kein Interesse daran, Produkte qualitativ zu differenzieren, sondern möchte lieber das Gesamtimage – Bio – nach außen tragen. Denn eine stärkere Differenzierung in unterschiedliche Chargen würde viel mehr Aufwand bedeuten und so die Vermarktung behindern.

Eigentlich bin auch ich vor vielen Jahren mit der Hoffung angetreten, dass sich der Bio-Sektor als Alternative zur konventionellen Landwirtschaft etabliert, die Defizite in der Tierhaltung besser in den Griff kriegt. Ich muss leider feststellen, dass die ökologische Landwirtschaft diese Problemlösungsstrategie im Grunde nicht offeriert. Sie tut so, als ob sie ein Problemlöser wäre und ist dergestalt selbst schon ein Problem, weil sie so die Entwicklung von Alternativen behindert.

Das heißt also, ich kann als Bio-Kunde nicht sicher sein, dass es dem Tier gut ging.

Nein, das ist ja das Kernproblem. In Bezug auf die gesundheitliche Situation des Tieres und auch auf die Qualität nicht. Ein Produkt von einem kranken Tier ist für mich minderwertig. Aber erst wenn das so ausgewiesen wird, gibt es einen entsprechenden Impuls, qualitativ hochwertigere Produkte von gesunden Tieren auf den Markt zu bringen und dann zu gucken, wie Angebot und Nachfrage im Wechselspiel den Preis regeln. Das ist auch der entscheidende Punkt, um unfaire Wettbewerbsbedingungen zu beseitigen für diejenigen, die es jetzt schon gut machen. Denn die gibt es natürlich auch.

Das Gespräch führte Moderator Vladimir Balzer für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Mai 2020 | 18:05 Uhr