Timothy Snyder
Timothy Snyder ist Professor für Geschichte an der Yale University. 2012 erhielt er den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung. Bildrechte: IMAGO

Sachbuchkritik "Der Weg in die Unfreiheit": Anspruchsvoll und doch zu kurz gedacht

Der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder erzählt in "Der Weg in die Unfreiheit - Russland, Europa, Amerika" die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu: als Geschichte stetiger Destabilisierung des Westens durch Russland. Leider verfängt er sich dabei in alten Feindbildern, urteilt unser Kritiker.

von Matthias Schmidt

Timothy Snyder
Timothy Snyder ist Professor für Geschichte an der Yale University. 2012 erhielt er den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung. Bildrechte: IMAGO

Für den amerikanischen Historiker Timothy Snyder läuten in diesen Zeiten die Alarmglocken. Denn er wähnt Länder wie Russland oder Amerika auf dem Weg in die Unfreiheit, bedingt durch den Aufstieg autoritärer Regime. Gleichzeitig trifft dies laut Snyder aber auch für Europa zu. Für ihn ist keinesfalls sicher, dass mit dem Ende des Ostblocks auch das so gerne beschworene "Ende der Geschichte" erreicht wurde: Dass sich nach dem Sieg des Westens im Wettstreit der Systeme also unsere freiheitlich-demokratische Ordnung jetzt dauerhaft stabil entfalten wird.

Putins langer Arm

Und so zeichnet Snyder eingangs ein Bild der bedrohten Demokratien: Die Amerikaner haben Donald Trump gewählt, die Briten für den Brexit gestimmt, die Rechtpopulisten werden überall in Europa stärker. Der Hauptschuldige an diesen Vorgängen ist für ihn Wladimir Putin, der danach strebt, seine Macht in Russland zu stabilisieren, auch indem er den Westen destabilisiert. Um Putins Gedankenwelt näher zu kommen, bringt Synder den Lieblingsphilosophen des russischen Präsidenten ins Spiel: Iwan Iljin.

Alte Feindbilder

Timothy Snyder: Der Weg in die Unfreiheit
"Der Weg in die Unfreiheit" ist im Verlag C.H. Beck erschienen Bildrechte: C.H. Beck

Iljin, 1883 geboren und ein Gegner der Bolschewiki von 1917, wollte Russland kurz gesagt als eine Art organisches, göttliches Wesen verstanden wissen. Als unsterblich, heilig, unschuldig. Seine Ideologie schürte Angst vor der Freiheit und dem Westen, sie warnte vor einem Zerfall Russlands. Im Faschismus sah er eine gesunde Reaktion auf den linken Totalitarismus. Für Snyder ist Iljins Philosophie Putins Rüstzeug für die Art von Staat, den er aufbaut: Eine gelenkte Demokratie bestenfalls, tendenziell eher eine totalitäre Ordnung, eine Kleptokratie. Er nennt es eine "Politik der Ewigkeit", in der das Volk zu gehorchen hat und der Westen der Feind ist.

So simpel ist es nicht

Leider arbeitet sich das Buch jedoch ein wenig zu sehr an Iljins Philosophie ab. Es nimmt sich dadurch die Chance, die Wechselwirkungen zwischen dem Osten und dem Westen seit dem Zerfall der Sowjetunion auch aus sich selbst heraus zu verstehen. "Iljin ist schuld, Putin ist schuld, dass in Ländern des Westens demokratische Strukturen in Gefahr geraten, dass rechtes Gedankengut zurück ist" – für mich liest sich das zu einfach.

Natürlich ist klar, dass Wladimir Putin den Westen durch Propaganda, durch Cyberattacken, durch geschicktes Unterstützen rechter Kräfte wie dem Front National gefährdet. Dennoch sind manche von Snyders Kausalketten erstaunlich simpel. Ein Beispiel: 2015 entscheidet die deutsche Regierung, bis zu 800.000 Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien aufzunehmen. Kurz danach tritt Putin in den Krieg ein, bombardiert das Land, sorgt somit für weitere Flüchtlinge. Gleichzeitig manipuliert seine Medienmaschinerie die öffentliche Meinung in Deutschland, indem sie über vergewaltigende muslimische junge Männer berichtet wie im so genannten "Fall Lisa". Womit Putin der AfD in die Hände gespielt hätte, und zwar um Deutschland zu destabilisieren. Weil Deutschland für Sanktionen gegen Russland ist. Wegen der Krim-Krise.

Der Westen nur Opfer?

Schwierig ist auch, dass Snyder bei seinen Thesen außer Acht lässt, dass es ja auch eine zweite Seite gibt: uns, die Europäer, die Amerikaner. Die sind im Buch meist nur existent als Bedrohung für Putin, als Kulisse für seine Aktivitäten. Welche Verantwortung die westlichen Demokratien selbst am Werteverfall und am Rechtsruck tragen könnten, kommt mir zu kurz. Immerhin ist es das, was Snyder heraufbeschwört: dass unsere Demokratien verschwinden könnten und autoritäre Regimes entstehen.

Dass auch eine Menge dagegenspricht, sagt er mir ehrlich gesagt auch nicht laut genug. So toll die Verknüpfungen sind, die Snyder aufzeigt, so anspruchsvoll die Terminologie, in der er die Geschichte des 20. Jahrhunderts bis heute neu und anders erzählt, am Ende sehe ich für eine wirklich genaue Analyse zu viele alte bzw. neue alte Feindbilder.

Angaben zum Buch Timothy Snyder: "Der Weg in die Unfreiheit - Russland, Europa, Amerika"
Erschienen bei C.H. Beck
376 Seiten
ISBN: 978-3-406-72501-2

Zum Weiterlesen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 10. Oktober 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2018, 07:55 Uhr