"Together!"-Ausstellung im Grassimuseum "Together": Leipziger Ausstellung zeigt neue Wohnkonzepte

Überall Baustellen, aber kaum bezahlbarer Wohnraum - so geht die Klage. Wie wir künftig unsere Wohnung mit anderen "teilen" könnten und warum manche es schon tun, zeigt jetzt die Ausstellung "Together!" im Leipziger Grassimuseum: In begehbaren Räumen, anhand von Modellen und Fotos. Analysiert werden die Ursachen der Wohnungsnot, zu sehen sind Gegenentwürfe aus Europa, den USA oder Asien. Auch Hausprojekte aus Leipzig stehen für die neue "Architektur der Gemeinschaft".

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artour Do 29.11.2018 22:05Uhr 05:32 min

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"Make love, not lofts!" - mit diesem Slogan trat einst die Hippie- und Hausbesetzerszene gegen die Wohnungsnot in den großen Städten an. Dass das Bauen für die Gemeinschaft nicht nur eine Geschichte, sondern vielleicht sogar wieder eine Zukunft hat, zeigt jetzt die Ausstellung "Together!" im Leipziger Grassimuseum. Zu sehen sind Dokumente, Filme oder Modelle als Beispiele für das soziale Bauen in Geschichte und Gegenwart. Zu erleben sind aber auch im Maßstab 1:1 gestaltete Wohnräume, die nicht mehr viel gemein haben mit unserer alten Idee von den eigenen vier Wänden.

Moriyama House in Tokio
Zu Besuch im offenen Wohnzimmer - Moriyama House in Tokio Bildrechte: Vitra Design Museum / Foto: Dean Kaufman

Kuratorin Ilka Ruby erklärt die nüchternen Gründe, die dafür sprechen, heute nicht mehr nur Autos und Ferien-Appartements zu "teilen": "Der Druck ist größer geworden in den Städten, die Mieten steigen. Zugleich haben wir immer mehr Single-Haushalte in einer alternden Gesellschaft. Wir brauchen Wohnformen, die diesen neuen Lebensbedingungen angepasst sind."

Mehr als ein neuer Grundriss

Die Ausstellung informiert - mit Fotos und vielen Erläuterungen - über Gemeinschafts-Architekturen in Europa, den USA oder Asien. Für ihre Geschichte steht das Londoner Barbican-Center, das einst Wohnen und Kultur - mit dem später berühmten Theater, mit Kino und Museum, vereinte. Spektakuläre Entwürfe gibt es weiterhin, als Beleg dafür zeigt die Schau ein Appartmenthaus für Obdachlose in Los Angeles.

Wohnprojekt Wien: einszueins Architektur 2013
Wohnprojekt in Wien Bildrechte: Vitra Design Museum / Foto: Hertha Hurnaus

Heute aber, so Ruby, geht es um die komplette Neu-Organisation des immer knapper werdenden Raumes in den großen Städten. Daraus ergebe sich die Notwendigkeit einer "neuen Grundriss-Typologie", die für einen Moment vielleicht an die Kommunalka aus Sowjetzeiten - oder eben auch ans Kloster erinnert, denn: Im sogenannten Cluster-Grundriss "hat jeder Bewohner eine Art Miniappartement, das besteht aus kleinen Privaträumen, ein bis zwei, plus einem eigenen kleinen Badezimmer und auch einer Kochnische. Und diese kleinen Miniappartements gruppieren sich um einen Gemeinschaftsbereich mit großer Küche und großem Wohnzimmer." Olaf Thormann, Direktor des Grassimuseums, erklärt: "In vielen der Projekte, die wir vorstellen, gibt es ein Miteinander der Menschen, die in der Nachbarschaft wohnen. Man kann gemeinschaftlich Höfe nutzen, Kitas ... Es gibt keine Uniformierung. Das ist auch sehr wichtig, wenn man an die schwierigen Erfahrungen der sowjetrussischen Kommunalkas denkt, wo eine Zwangskollektivierung über die Wohnform ausgeübt wurde. Das ist der Punkt, wo das Ganze schnell kippt."

Raum 3 in der Ausstellung "Together! - Die Neue Architektur der Gemeinschaft"
Der begehbare Raum 3 in der Ausstellung "Together!" Bildrechte: Vitra Design Museum/ Foto: Mark Niedermann

Trotzdem: Wer ins Cluster zieht, sollte seine Nächsten schon ein bisschen lieben. Dem Praxistest unterziehen sich die Mitglieder der Berliner Genossenschaft Spreefeld. 20 Personen - mit Kindern - teilen sich eine größere Wohnung. Einen Ansatz, der intensiven Austausch aber mehr Rückzug ermöglicht, verfolgen die zehn in der Schau präsentierten, genossenschaftlich organisierten Hausprojekte aus dem stetig wachsenden Leipzig. Dafür sprechen nicht nur individuelle Vorstellungen davon, wie und mit wem man leben möchte, sondern auch handfeste ökonomische Gründe: Für Gemeinschaftsflächen muss weniger bezahlt werden - und keine Heuschrecke kann die Genossenschaft zur Renditemaximierung zwingen.

Bewegung von unten

Dauerbrenner: Wohnungsnot und der Protest dagegen
Dauerbrenner: Wohnungsnot und der Protest dagegen - Auch davon erzählt die Ausstellung, in dem sie Ursachen analysiert und Gegenentwürfe zeigt. Bildrechte: Vitra Design Museum / Foto: Mark Niedermann

Nicht nur der Grundriss einer Wohnung oder der Grad an Privatheit ändert sich beim gemeinschaftlichen Wohnen und Bauen. Die Ausstellungsmacher sehen in der "Bewegung von unten" schon eine "stille Revolution der zeitgenössischen Architektur". Zumindest als Beispiel für eine gewisse Dynamik könnte ein Holzhaus mit steiler Nase im Leipziger Westen stehen, das Wohnen und Gewerbe vereint. Eine Eigentümergemeinschaft um den Architekten Dirk Stenzel kaufte ein schwieriges Grundstück günstig, um darauf das technisch ambitionierte Massivholzhaus, nachhaltig und ökologisch, zu errichten. Noch ist es nicht ganz fertig. Fest steht, dass die Dachterasse von allen gemeinschaftlich genutzt wird.

Ob tatsächlich eine Revolution im Gange ist oder nicht: Zumindest kann gemeinschaftliches Wohnen und Bauen gut fürs städtische Leben sein, argumentiert Ruby. Denn Wohn-Genossenschaften beförderten oft auch die Infrastruktur um die Häuser herum. Im besten Fall entstünden kleine Läden, Versorgung, Kultur- und Freizeitangebote.

Pöge-Haus in Leipzig
Pöge-Haus in Leipzig Bildrechte: Grassi - Museum für Angewandte Kunst Leipzig / Foto: Esther Hoyer

Zu den Beispielen, die zeigen, wie aus einer Wohngenossenschaft auch eine Kulturinstitution wurde, gehört das Pöge-Haus im Leipziger Osten, einem Stadtteil, der bis heute als schwierig gilt. Eine Gruppe enthusiastischer junger Leute machte aus einem heruntergekommenen Eckhaus einen Ort der Basiskultur - mit Raum für Ateliers und Tanz, Filmfest und Diskussionen - der Trend geht eindeutig weg vom guten alten Hobby- und Partykeller.

Service-Info: "Together! Die Neue Architektur der Gemeinschaft" | Bis 17.03.2019 | Grassimuseum Leipzig Konzipiert wurde "Together!" vom Vitra Design Museum in Weil am Rhein. Jetzt macht die Wander-Ausstellung zur Wohnungsfrage auf ihrem Weg quer durch Europa im Leipziger Grassi-Museum Station - als "erste Schau, die dieses Thema umfassend beleuchtet" und "in begehbaren Wohnsituationen" räumlich erfahrbar machen will. Gegliedert in vier Themenbereiche werden sowohl die Ursachen für den Mangel an bezahlbarem Wohnraum in den Städten analysiert als auch Modelle gemeinschaftlichen Wohnens und Bauens in Geschichte und Gegenwart präsentiert.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 29. November 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. November 2018, 09:00 Uhr

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