Pankow
Andre Herzberg von der Gruppe Pankow bei einem Konzert in Berlin im August 1987. Bildrechte: IMAGO

30 Jahre Friedliche Revolution Wie sich der Sound der Wende wirklich anhörte

Hatte die Wende einen besonderen Klang? Gab es einen Soundtrack für die Jahre 88-89-90? Musik, die all das wilde politische Treiben nicht nur begleitete, sondern womöglich sogar mitbestimmte? – Es soll ja Menschen geben, die glauben tatsächlich, dass "Wind Of Change" oder gar "Looking For Freedom" die Mauer eingerissen hätten. Welche Musik den Menschen in den letzten Atemzügen eines untergehenden Landes tatsächlich am meisten aus der Seele sprach, war (wie sollte es anders sein) eine ganz individuelle Entscheidung. MDR KULTUR-Musikredakteur Hendryk Proske hat seine Top 10 dieser Zeit zusammengestellt.

Pankow
Andre Herzberg von der Gruppe Pankow bei einem Konzert in Berlin im August 1987. Bildrechte: IMAGO

Es gibt Studien, die belegen, dass sich zum Ende der DDR nur noch eine mikroskopisch kleine Zahl der Ost-Kids für die Musik des eigenen Landes interessierte. Den Wenigen, die immer noch zuhörten, sprachen Pankow mit dem 88er-Album "Aufruhr in den Augen" sprichwörtlich aus Bauch und Seele. Dass so was damals "offiziell" auf AMIGA erschien, war genauso verblüffend wie die Tatsache, dass die Wende nach Zeilen wie "Dasselbe Land zu lange gesehn … zu lange die alten Männer verehrt" noch so lange auf sich warten ließ.

AG Geige – "Maximale Gier"

Bei Wikipedia läuft dieses Musikensemble aus Karl-Marx-Stadt unter Elektropop! Selten so daneben gelegen! AG Geige waren Dada, Quatsch und feiner Hintersinn. Die Damen und Herren sahen "Zeychen und Wunder" und stapelten eigentümliche Wortkaskaden ("RUNDSTRICKWARE") auf Trickbeats. "Maximale Gier" vom ersten offiziellen Album (1989) nahm in fast schon düsterer Vorahnung den Konsumrausch der Zeiten voraus, die alsbald nach dem Mauerfall alle Gedanken an eine "bessere DDR" vergessen machten. 

Sandow – "Born in the G.D.R."

Entstanden am Tag nach Springsteens legendärem Konzert in Ost-Berlin im Sommer '88. "Recht schnell, war in drei Stunden fertig" gestand Sandows Sänger Kai-Uwe Kohlschmidt später. Protest, Kommentar und Spott in reichlich drei Minuten. "Bitterer Spott" ergänzt Kohlschmidt im Interview, "der davon ausgeht, dass sich das Land vermutlich nicht ändert." Aber weil sich dann doch etwas änderte, änderte sich auch die Bedeutung dieser Underground-Hymne über die Jahre. Aus Spott wurde Trotz und später Nostalgie.

Wenn ich den Klang dieser Zeit aus der Perspektive meiner Ohren tatsächlich ganz konkret benennen müsste, dann mit dem Basslauf zu Beginn dieses Songs. Der ruft sofort all die Bilder wieder hervor. Zum Beispiel die eines wütenden, aufbrausenden Mobs von EKs einer NVA-Einheit irgendwo im brandenburgischen Wald. Das Ende des Landes fiel mit dem Ende einer sinnlosen Dienstzeit zusammen. Und innerhalb von nur wenigen Minuten musste der Clubraum einer Kaserne mit seinem Inventar für alles Aufgestaute her- und hinhalten. Während Die Art aus Leipzig im Radio sangen, ging das Meiste zu Bruch!

Silly – S.O.S.

Das Besondere an diesem besonderen Album war der Spagat. Silly als geförderte, etablierte Band mit dem Willen und den Möglichkeiten, Dinge mal offen auszusingen: "Wir bezwingen Ozeane mit nem gebrauchten Narrenschiff" – schon mit dieser Eingangszeile war der Kurs klar und bemerkenswert offen und vor allem unmissverständlich. Lag es daran, dass Gundermann mitgeschrieben hatte, oder dass die Platte schon im "Westen" produziert wurde? Egal: "Februar" klang schon nach November!

Jade – Sky

Nicht alles damals war politisch. Dieser '89er "Radio-Hit" zum Beispiel. Bei dem wollte man auch nicht irgendwas zwischen den Zeilen suchen. Nein, diese wavige Nummer klang schlicht verblüffend einfach nach mehr "Welt" als man das bisher vom DDR-Pop gewohnt war. Und trotzdem begrüßte der Sänger bei einem Open Air im Sommer '89 im Vorprogramm der Band The Name neben den Fans auch "die, die heute Abend dienstlich hier sind." War eben doch alles irgendwie politisch …

человек - I need my beer

Eine dieser Bands, deren Kassetten-Album in meinem Umkreis damals die Runde machte. Ein bisschen Aufruhr, ein wenig Punk. Und für ein paar "Eingeweihte" ein Gassenhauer für ein paar Wochen! Eine dieser Bands, die kurz lebten – und offenbar schnell verschwanden. Tatsächlich nicht im Netz zu finden…

Herbst In Peking – Backschischrepublik

Wie Sandows "Born in the GDR" zweifelsfrei ein Stück Pop-Geschichte. Auf dem Punkt und ein Zeugnis seiner Zeit. Und genau wie "Born in the GDR" eben dann auch etwas, was noch nach dem Mauerfall sowohl Wucht als auch Gültigkeit behielt. "Schwarz-Rot-Gold ist das System – Morgen wird es untergehn!" ließ sich in manchen Kreisen später immer noch prima grölen.

Gerhard Schöne – Mit dem Gesicht zum Volke

Passt der sanfte Barde in diese Liste? Absolut! Neben all dem Aufruhr, der Wut, dem Wilden und Aufbrausenden lag dieser Zeit vor allem eines inne: Hoffnung! Und Schönes '88 erschienenes Live-Album war in so vielen Liedern vor allem das: gesungene, ehrliche, fast schon zauberhafte, reine und ironiefreie Hoffnung

Naiv – Sag mir wo Du stehst

Punkbands waren schon immer gut darin: Man nehme einen Pop-Gassenhauer, bügle einmal schräg drüber und prügele das Original mit Vollgas ordentlich durch. Fertig ist ein kleiner Hit. Was die Thüringer von Naiv im Kopf hatten als sie so einen typischen Oktoberklub-Kampf-Song auf aggro bürsteten wissen wir nicht. Aber diese Version traf voll ins Schwarze des Moments!

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 06. November 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2019, 04:00 Uhr

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