Travestiestar Georg Preuße, alias Mary
Travestiestar Georg Preuße, alias Mary Bildrechte: dpa

Leben für eine Kunstfigur Georg Preuße: "Mary war für viele eine Galionsfigur"

Geschminkte Männer in Frauenkleidern – das hatte in Westdeutschland lange den Ruch von Halbwelt, sieht man mal von Peter Alexanders Aufritt als "Charlies Tante" ab. Doch dann kam Anfang der 80er-Jahre plötzlich Georg Preuße. Als "Mary" holte er die Travestie aus der Subkultur und wurde ein Fernseh-Star. Er verstand seine Rolle als Hommage an die Frauen, die Travestie als Kunstform.

Travestiestar Georg Preuße, alias Mary
Travestiestar Georg Preuße, alias Mary Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: In den letzten Jahren konnte man sie in ganz anderen Rollen erleben, im "Jedermann", als Mackie Messer oder als Papst Pius XII. in Hochhuths "Der Stellvertreter", ist Ihre "Mary" seit dem 30-jähriges Bühnenjubiläum 2005 in Rente?

Georg Preuße: Ich würde nie sagen, ich höre auf. Man weiß ja nicht, wie lange man lebt. Ich habe niemanden gefragt, ob ich anfangen soll und ich frage auch niemanden, ob ich aufhören soll. Deswegen habe ich gesagt: Ich unterbreche.

Ihre Autobiografie heißt "Mein Leben in ihrem Schatten", was hat Ihnen die "Mary", die ihnen so ungeheure Popularität brachte, geschenkt?

Georg Preuße
Georg Preuße heute Bildrechte: dpa

Sehr viel Glück, Freude, vor allem auch sehr viele Erkenntnisse. "Mary" war ja immer auch ein bisschen politisch, nicht partei-, sondern sozialpolitisch. Ich habe immer überlegt: Was kann "Mary" jetzt sagen? Was geht in unserer Gesellschaft schief, was muss man ankreiden, was kann man anstoßen? Das war nie belehrend gemeint, aber immer mit satirischem Biss und charmant so wie das schon bei Mary Poppins heißt: "Mit 'nem Teelöffel Zucker ..."

Das war fast schon ein Alleinstellungsmerkmal, dass sie nicht unpolitisch war wie viele andere Travestiekollegen ...

Ich wäre natürlich schon froh gewesen, wenn andere nachgekommen wären und ich wäre eigentlich stolz, wenn es jemanden gäbe, der in meine Fußstapfen treten könnte.

Sehen sie den gerade nicht so?

Nein, leider nicht. Es ist mir heute zu oberflächlich, vom Aufbau her, von der Denkweise. Viele Travestiekünstler, die wollen da auf der Bühne eine Frau ersetzen. Mir ging es darum, mich zu verbeugen vor den Frauen und vor allen Dingen, eine Rolle zu spielen und zu wissen, dass es eine Rolle ist.

Was gibt "Mary" der neuen Generation von Travestie-Künstlern im TV mit? Denn wenn wir an Figuren wie Olivia Jones oder Conchita Wurst denken, die sind ohne eine "Mary" als emanzipatorische Vordenkerin wahrscheinlich gar nicht vorstellbar, oder?

Wohl weniger, würde ich sagen. Man darf natürlich nicht vergessen: "Mary" ist jetzt keine Dragqueen, sondern Travestie und das heißt komisch-satirische Gattung. Ich habe sie wie eine Rolle vom Theater her aufgerollt, so wie den Beckmann im "Jedermann", Mackie Messer oder Papst Pius, um dann mit dieser Rolle zu verschmelzen. So kam das bei den Leuten an, wenn sie "Mary" gesehen und dann nicht mehr gesagt haben: ER, sondern plötzlich SIE.

Martin Seifert (Kardinal), Georg Preusse (Papst Pius XII.), Mario Ramos (Der Apostolische Nuntius) bei Proben zu dem Stück «Der Stellvertreter» im Schlosspark Theater in Berlin Steglitz.
Georg Preuße als Papst Pius XII. bei den Proben zum Stück "Der Stellvertreter" im Schlosspark-Theater in Berlin-Steglitz Bildrechte: dpa

Mary war die perfekte Illusion einer Frau. War Ihnen das selber gelegentlich unheimlich?

Nein, das war ja meine Aufgabe. Wenn ich aus der Garderobe oder vom Schminken kam und Mitarbeiter traf, dann sagten sie zu mir "Mary". Da wusste ich: Ich bin in der Rolle drin. Denn tagsüber haben sie immer Georg zu mir gesagt.

"Mary" war anfangs nicht allein, sondern im Duo mit "Gordy", ihrem Bühnenpartner Reiner Kohler. Schon "Mary & Gordy" wurden legendär. Wie kam das? Was machte die Travestie Anfang der 80er tv-tauglich? Plötzlich war das eine akzeptierte Kunstform, Massenunterhaltung ...

 Das Travestieduo Mary und Gordy, 1983
Das Travestieduo "Mary & Gordy", 1983 Bildrechte: dpa

Wenn man das so genau wüsste. Es war wohl der richtige Zeitpunkt, in der sexuellen Selbstbestimmung, im Frauenverständnis veränderte sich einiges. Dann stand da plötzlich eine Frau auf der Bühne. Vorher kannte man weibliche Comedians wie Trude Herr oder Helga Feddersen. Durch "Mary & Gordy" wurden die plötzlich hübsch und machten Witze auf Kosten der Männer.

Ich glaube, es war auch viel Bewunderung dabei, dass da jemand auf der Bühne steht, der so lebt, wie er will, ohne angepasst zu sein. "Mary" war für viele eine Galionsfigur: Frech, mutig, selbstbewusst, emanzipiert sagte sie die ungeschminkte Wahrheit. Liebevoll und charmant, in Glanz und Glimmer verpackt. Kratzend, aber nie verletzend. Das war ein anstrengender Drahtseilakt.

Wenn ich gewusst hätte, durch welchen gesellschaftlichen Morast ich gehen muss, dann hätte ich mir keine Stöckelschuhe angezogen, sondern lieber Gummistiefel.

Mary alias Georg Preuße

Mussten Sie Türen aufstoßen, gegen Vorurteile ankämpfen oder ging das alles organisch?

Nein, ich musste schon sehr kämpfen. Ich habe später mal gesagt, wenn ich gewusst hätte, durch welchen gesellschaftlichen Morast ich gehen muss, dann hätte ich mir keine Stöckelschuhe angezogen, sondern lieber Gummistiefel. Aber es ging mir auch darum, gut zu sein auf der Bühne, den Leuten zu beweisen, dass das nicht das ist, was sie vielleicht noch gelernt haben: Psychisch kranke Leute, die man behandeln müsste oder in irgendwelchen Anstalten unterbringen. Auch mein Vater hatte diese Ansicht. Ich wollte beweisen, dass Travestie eine Kunstform ist, kein sexuelles Bedürfnis.

Das dürfte Ihnen gelungen sein ...

Es gab allerdings auch nach den ersten Fernsehsendungen noch Beschwerden, Briefe in der "Hörzu". In einem hieß es: Würde "Mary & Gordy" gern bald wieder sehen. Im nächsten: Habe gerade gehört, dass "Mary & Gordy" homosexuell sind, und ziehe hiermit mein Lob zurück.

Das waren wirklich noch andere Zeiten ...

Dann heißt es immer: Kopf hoch und nicht unterkriegen lassen.

Das war sicher die große Aufgabe damals. Wenn wir ins Jetzt wechseln, da geht es ja auf der Bühne sehr zur Sache, da sind Zoten an der Tagesordnung, so wird es ja auch erwartet. Das war Ihre Sache nicht, auch wenn Sie vom Leder zogen, ihre künstlerischen Mittel reichten von Gesang, Tanz zu Conference. Wie sehen Sie das heute?

Mir wäre es lieber, wenn es ein bisschen feiner wäre. Diese totalen Tabu-Brüche finde ich nicht gut. Man soll schon kratzen, aber nicht verletzen. Mir ist das zu platt. Es geht eigentlich nur noch darum zu schockieren. Das hat "Mary" nie gewollt.

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Kabarettexpertin Ilka Hein.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. April 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. April 2019, 04:00 Uhr

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