Tristan Tzara
Tristan Tzara (1896-1963) - der ganz große "Dada-Tzar" Bildrechte: imago/United Archives International

9. Dezember 1918 Tristan Tzara veröffentlicht sein Manifest Dada oder: Viel Lärm um "Nichts"

Dada - das klingt nach Kleinkind-Gebrabbel, harmlos irgendwie, steht aber für einen Urknall, eine Revolution der Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Auch wenn verschiedene Künstler die Namenserfindung für sich reklamieren, so ist es doch vor allem Tristan Tzara, der "Dada" mit seinem Manifest berühmt und zur internationalen Bewegung macht. Vor 100 Jahren veröffentlichte er sein Dada-Manifest, obwohl er im Prinzip gegen Manifeste war, aber gegen Prinzipien eben auch.

von Hartmut Schade / Katrin Schlenstedt, MDR KULTUR

Tristan Tzara
Tristan Tzara (1896-1963) - der ganz große "Dada-Tzar" Bildrechte: imago/United Archives International

Selten nur lässt sich die Geburtsstunde einer Kunstrichtung so ganz genau, geschweige denn auf Jahr und Tag festschreiben. Bei Dada ist das anders. Die Revolution der Kunst, die keine sein will, beginnt am 5. Februar 1916 im Zürcher Cabaret Voltaire. In der neutralen, sicheren Schweiz suchen damals nicht nur Pazifisten oder revolutionäre Emigranten wie Lenin Zuflucht, in den Zürcher Cafés und Cabarets wimmelt es von Künstlern und Intellektuellen, die fassungslos sind angesichts des Gemetzels, das der Erste Weltkrieg bringt. Millionen junge Männer sterben in den Schützengräben, die Zeitungen sind voll von nationalistischem Wahnsinn, dem eine Gruppe junger Exilanten zwischen 20 und 30 mit anarchischem Nonsens beizukommen sucht.

Der Name "DADA" taucht im April das erste Mal auf. Auch wenn verschiedene Künstler die Namenserfindung für sich reklamieren, so ist es doch vor allem Tristan Tzara, der "DADA" mit seinem Manifest berühmt und zur internationalen Bewegung macht. Öffentlich verlesen hat er sein Manifest schon im Sommer. Abgedruckt wird es am 9. Dezember 1918 in "Dada 3" - "größer im Format" als die beiden Vorgänger-Ausgaben und "typographisch ausgesprochen experimentell".

Um ein Manifest zu lanzieren, muss man das ABC wollen, gegen 1,2,3 wettern.

Tristan Tzara

Warum überhaupt ein Manifest?

Mit Dada ist eine Bewegung geboren, die sich von allem abgrenzen will und nur ein Programm hat: keins zu haben. Das klingt nicht nur anstrengend. Gespielt wird im Zürcher Cabaret Voltaire jeden Abend, außer freitags. Zu erleben sind seltsame Performances mit Lautgedichten, beides Begriffe, die es damals dafür noch nicht gibt. Tzara beispielsweise rezitiert, unterbricht sich selbst jedoch durch Schreien oder Schluchzen. Zudem wird auf leere Kisten geschlagen oder anderweitig getrommelt. Manchmal tragen bis zu 20 Personen simultan Verse vor, teilweise begleitet von grotesken Tanzvorführungen mit Masken und schrägen Musikspektakeln. Das Prinzip der Gleichzeitigkeit entspricht dem neuen Lebensgefühl in einer Zeit, in der sich alles zu beschleunigen scheint. Nach vier Monaten sind alle Beteiligten erschöpft, das Cabaret Voltaire schließt. Doch der Netzwerker Tristan Tzara übernimmt, er korrespondiert über die Schweiz hinaus mit Künstlern und Literaten, die Bewegung wird international. Dass PR ihm liegt, zeigen die vielen Anzeigen in auffallender Typographie und auch Zeitungsenten, die platziert werden, um die Bewegung im Gespräch zu halten. Warum eine Bewegung, die eigentlich keine sein will, ein Manifest braucht, beantwortet Tristan Tzara so:

Ich schreibe dieses Manifest, um zu zeigen, daß man mit einem einzigen frischen Sprung entgegengesetzte Handlungen gleichzeitig begehen kann.

Tristan Tzara

Dada - ein Wort, das laut Tzara nichts bedeutet. Oder eben Non-Sense, "fortgesetzten Widerspruch".

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Dadaisten
Die Dadaisten, Lenin und die Weltrevolution Das sind sie alle verewigt im Wandfries, die ersten Protagonisten des Cabaret Voltaire in der Spiegelgasse 1. Ganz links rutscht Lenin aus dem Bild, er wohnte ein paar Hausnummern weiter und spann in seinem Zürcher Exil an der Weltrevolution. Angeblich schaute er ab und an auch beim Tingeltangel vorbei, wenn Hugo Ball lautierte oder Emmy Hennings sang. Bildrechte: dpa
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Dada in Zürich
Das Cabaret Voltaire heute Ein Blick ins Cabaret Voltaire heute, dass es noch so existiert, ist keine Selbstverständlichkeit, wie Direktor Adrian Notz erklärt: Bis in die 1970er-Jahre hinein war es immer noch das gleiche Restaurant, das hieß Meierei. In den 1970/80er-Jahren war es ein Pub, in den 1990er-Jahren war es mehr oder weniger geschlossen. 2001 wurde es besetzt von Künstlern, nachdem das ganze Gebäude von der Versicherungs-GmbH Swiss live gekauft worden war: "Da hatte man Befürchtungen, dass es Luxuswohnungen gibt und eine Apotheke reinkommt. Die Luxuswohnungen sind jetzt hier, aber die Apotheke konnte quasi verhindert werden. Durch diese Besetzung. Dass die Schweizer, Züricher überhaupt mal ein Bewusstsein dafür kriegten, dass sie ein kulturelles Erbe haben." Bildrechte: dpa
Die Skulpturen "Blatt-Torso" und "Michstraßenträne" von Hans Arp sind im Arp-Museum in Remagen-Rolandseck vor einem Portrait des Künstlers zu sehen
Hans Arp erfindet zufällig die Collage Hans Arp (1886-1966), der sich hier im Hintergrund hält, ist einer der wenigen bildenden Künstler in der Zürcher Runde. Er erfindet zufällig die Collage. In einer Zeit, in der die Futuristen gerade die Welt des maschinellen Fortschritts feiern, zerreißt er Papier, lässt die Einzelteile fallen, um sie in abstrakten Mustern wieder zu fixieren - als Collage. Ein Prinzip, das der Deutsch-Franzose, der einst in Weimar studiert hatte, dann auch auf die Lyrik überträgt, indem er aus Zeitungen Worte oder Sätze ausschneidet und mehr oder minder zufällig kompiliert. Später wird er vor allem mit seinen Großplastiken Erfolge feiern. Bildrechte: dpa
Undatierte Aufnahme zeigt das Werk "Fountain" von Marcel Duchamp aus dem Jahr 1917
Duchamps "Brunnen" Noch radikalere Nicht-Kunst sind die ready mades von Marcel Duchamp, der die Kriegsjahre u.a. in New York verbringt. Für Aufsehen sorgt er 1917, als er ein Porzellanurinal umgekehrt aufstellt, es als "Brunnen" tituliert und mit "R. Mutt" signiert. So werden Gebrauchsgegenstände zu Kunst, nur indem sie der Künstler dazu erklärt. Damals eine Revolte gegen alle Regeln, heute würde man Konzeptkunst dazu sagen. Bildrechte: dpa
Eine Doppelbelichtung der Dada-Künstlerin Hannah Höch (Fotografie um 1930)
Von Heartfield bis Höch - Die Fotomontage oder Dada als Küchenmesser In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg experimentieren Hannah Höch, ihr Lebensgefährte Raoul Hausmann und John Heartfield mit den neuen Möglichkeiten der Fotografie. Scheinbar willkürlich angeordnete Fragmente aus Fotos und Zeitungen montieren sie zu Bildwerken, denen man "das Gemachte" ansehen soll. Furore macht Hannah Höchs "Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche" 1919/1920. Fotos aus der "Berliner Illustrirten Zeitung" von Albert Einstein bis Kaiser Wilhelm montiert sie in einer medialen Materialschlacht zum "Welt-Dada" - grotesk und chaotisch wie die Zeit. Bildrechte: dpa
DADA-Almanach
Flüstern und Schreien mit Buchstaben Vom Lautgedicht und der Performance über die Collage bis hin zur Fotomontage reicht das Spektrum der neuen Formen, die uns die Dadaisten schenkten. Damit zerlegten sie die Welt in ihre Bestandteile und setzten sie wieder neu zusammen. Da sie bei Wort und Laut anfingen, entdeckten sie auch die Typographie als Mittel, um mit Buchstaben zu flüsten und zu schreiben. Davon lässt sich die Werbung anregen. Die Dadaisten um ihren Netzwerker und PR-Strategen Tristan Tzara selbst schalten auffällige Anzeigen und fabrizieren Zeitungsenten, um sich ins Gespräch zu bringen. Echt viral. Bildrechte: Manesse Verlag
John Heartfield: Hurra, die Butter ist alle
Richard Huelsenbeck hat die Dada-Bewegung aus Zürich im Januar 1917 nach Berlin getragen, wo man im Begriff ist, "Brot aus Stroh zu backen", die Kohlrübe als "Torte, Hasenbraten und Malzbier" aufzutragen und "jede moralische Hemmung" fällt. Angesichts der Umstände wird die Dada-Bewegung in der deutschen Hauptstadt direkt politisch, sie richtet sich gegen Militarismus, Monarchie und Untertanengeist. John Heartfield kämpft auch nach dem Ende des Dada 1923 mit den Mitteln der Fotomontage weiter gegen den Wahnsinn der Zeit. Bildrechte: IMAGO
Die Titelseite der Arbeiter Illustrierten Zeitung (AIZ) hängt mit der Fotomontage "Mimikry" aus dem Jahr 1934 von John Heartfield
Heartfields Werke - hier die der Fotomontage "Mimikry" - erscheinen in der Arbeiter Illustrierten Zeitung (AIZ). Am Ende halten sie den Nationalsozialismus, der freilich auch die Dadaisten als entartet verfemen wird, nicht auf. Sie werden erneut zu Emigranten. Bildrechte: dpa
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Der Würfel und die Mutter in einer gewissen Gegend Italiens: Dada. Ein Holzpferd, die Amme, doppelte Bejahung im Russischen und Rumänischen: Dada.

Tristan Tzara

Der "Dada-Tzar" als Netzwerker und Medien-Profi

Dada ist in jenen Jahren ohnehin die ganze Welt. In Zürich endet die letzte Dada-Soiree am 9. April 1919 im Tumult. Der Krieg ist vorbei, Zürich passé. Tzara geht nach Paris, der Deutsche Richard Huelsenbeck - Schriftsteller und Arzt und wichtiger Chronist des Dada - ist schon im Januar 1917 nach Berlin zurückgekehrt, wo man im Begriff ist, "Brot aus Stroh zu backen", die Kohlrübe als "Torte, Hasenbraten und Malzbier" aufzutragen und "jede moralische Hemmung" fällt. Angesichts der Umstände wird die Dada-Bewegung in der deutschen Hauptstadt direkt politisch, sie richtet sich gegen Militarismus, Monarchie und Untertanengeist in einer Zeit, in der "die Feldherren mit Blut malen", wie George Grosz es formuliert.

Der Grundsatz 'Liebe deinen Nächsten' ist Heuchelei. (…) Kein Mitleid. Nach dem Blutbad bleibt uns die Hoffnung auf eine geläuterte Menschheit.

Tristan Tzara

Tristan Tzara, geboren 1896 als Samuel Rosenstock im rumänischen Moinești, ist der jüngste unter den Zürcher Dada-Künstlern, doch er sieht als erster das Potenzial eines scheinbar leeren Wortes:

Tzara hatte die Suggestivität des Wortes Dada als erster begriffen.

Richard Hülsenbeck

So urteilt später Richard Hülsenbeck, der wie einige aus dem Zürcher Kreis auch ein Dada-Manifest verfasst und mit "En avant Dada" bereits 1920 die "Geschichte des Dadaismus" veröffentlicht. Über Tzara heißt es darin: "Von nun an arbeitete er unermüdlich als Propagator eines Wortes, daß sich erst spät mit einem Begriff füllen sollte."

Tzara schreibt Dada-Chansons, verschickt Dada-Kunstwerke und verteilt allerorten seine Visitenkarten mit dem Aufdruck: "Directeur Tristan Tzara". Sein erster Anlauf, den Dadaismus zu manifestieren, kündigt die "Zürcher Post" am 23. Juli 1918 mit den Worten an: "Heute 8½ Uhr abends wird Tristan Tzara in der Meise aus eigenen Werken und ein Manifest Dada vorlesen. Das Wesen der in den literarischen Kreisen viel umstrittenen dadaistischen Bewegung  wird hier durch einen ihrer Begründer erläutert." Drei Tage später druckt die Zeitung ein Poem, das mit "schüler tzaras" unterschrieben ist.

verdunkelt verschwindet erlischt licht
meister tritt tzara ein
astronomie geometrie
liest manifest
rhythmus sprache lyrik
unsinn professoren
wahr kunst einzig freiheit absolute
empfindung güte hufhuf
tzara rumäne macht französisch
nix korrekt aussprak schlecht
liest
hackt Worte
leise
laut
astronomie elefant anatomie stop

schüler tzaras, Zürcher Post vom 26. Juli 1918

Die irritierten Leser werden am nächsten Tag mit dem Hinweis beruhigt, Tzaras Vortrag habe "unseren Mitarbeiter so begeistert, daß er nur noch in dadaistischen Versen seinen Gefühlen Ausdruck geben konnte." Als der Krieg endet, viele der nach Zürich geflohenen Künstler wieder in ihre Heimatländer zurückkehren, da veröffentlicht Tzara sein Manifest in Druckform. Voller Hoffnung für die neue Kunstrichtung. Er trommelt vergebens. Die dadaistische  Bewegung zersplittert sich, ihre Protagonisten bekämpfen sich untereinander. Raimund Meyer urteilt in "Dada in Zürich" über Tzara:

Wo und wann auch immer Tzara Werbung betrieb, er tat es immer für Dada&Tzara und wurde der ganz große 'Dada-Tzar'.

Raimund Meyer in: "Dada in Zürich"

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Dezember 2018 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Dezember 2018, 04:00 Uhr

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