Neue Erzählformen True Crime: Warum wahre Geschichten so fesseln

Krimis sind seit jeher beliebt. Doch derzeit boomen vor allem True-Crime-Formate wie "Serial", "Zeit Verbrechen" oder "Die Spur der Täter" – also Podcasts, Serien und Magazine über wahre Verbrechen. Woher kommt die Faszination, und ist das Format wirklich so neu?

von Anne Sailer, MDR KULTUR

Eine Patronenhülse und ein Aufsteller mit einer Drei werden auf einem Fußboden mit Kreise eingekreist 5 min
Bildrechte: Colourbox.de

Die Faszination für wahre Verbrechen ist kein neues Phänomen. Tatsächlich ist sie als Unterhaltungsform schon älter als die Massenmedien, sagt Jens Ruchatz, Professor für Medienwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg: "Es ist Teil des Bänkelsangs. Da wurden Moritaten vorgeführt, das heißt, man hat ein Gedicht in Gesangsformel vorgetragen und dazu Bilder gezeigt. Also das ist schon viel älter." Aber auch in den frühen Massenmedien, also den Zeitungen, hätten Verbrechen eine große Rolle gespielt, weil darüber ständig etwas zu berichten sei.

Krimis dienen der Unterhaltung. Sich mit realen Verbrechen zu beschäftigen, hilft uns, unser persönliches Wertesystem zu definieren und zu manifestieren, sagt Ruchatz: "Man denke daran, dass es bis vor 150 Jahren auch im Westen üblich war, Menschen öffentlich hinzurichten." Das schwinge gewissermaßen in den neueren True-Crime-Formaten mit, "wo wir das nicht mehr wirklich tun, sondern wo wir diesen Taten und ihrer Bestrafung dann nur noch in einer mediatisierten Form, in einer verschrifteten Form beiwohnen", so Ruchatz.

Beim Gruseln werden Glückshormone ausgeschüttet

Wir gruseln uns gern, das ist mittlerweile hirnphysiologisch belegt. Unser Lust-System wird aktiviert, was Glückshormone ausschüttet. Die wiederum bewirken, dass wir uns immer wieder gruseln wollen. Außerdem schweißen uns Angst und Schrecken zusammen. Auch das ist natürlich nicht neu.

Jens Ruchatz ist allerdings erstaunt über den True-Crime-Hype. Die wahren Verbrechen haben die Schmuddelecke der Massenmedien wieder verlassen. Denn vor Jahren habe es noch als unschicklich und wenig kultiviert gegolten, sich etwa für derartige Phänomene oder für Reality-TV zu interessieren. "Das hat sich in den letzten Jahren auf jeden Fall ganz stark geändert", stellt Ruchatz fest. Dafür seien Podcasts wie "Zeit Verbrechen" wichtig gewesen – "das sind alles Sachen, die es für einen größeren Personenkreis, also für Leute, die sich eigentlich dem Reality-TV auf RTL vielleicht gar nicht zugehörig fühlen, möglich machen, das anzuschauen", so Ruchatz.

Der Medienwissenschaftler der Uni Marburg wundert sich außerdem, dass das Phänomen noch nicht grundlegend wissenschaftlich untersucht worden ist. Besonders interessieren ihn dabei die verschiedenen Darstellungsformen. Heute werden Verbrechen in den Medien nicht mehr klassisch von der Polizei aufgeklärt. Sie werden aus Sicht der Täter, der Opfer und deren Angehörigen, der Forensiker, der Kriminologen, ja sogar mit einem kritischen Blick auf den Umgang der Medien mit der Tat beschrieben.

Neue Perspektiven auf Tat und Täter

Die Spielarten sind unendlich, und damit geht auch die Rezeption über das bloße Zuschauen hinaus, meint Jens Ruchatz: "Wie schuldig ist jemand, was ist die psychische Motivation? Warum hat die Person es getan? Es geht eigentlich darum, das zu verstehen, dann irgendwie die Person zu verstehen. Warum dieser Bruch mit der Gesellschaft, den das Verbrechen darstellt, warum es dazu überhaupt kommen kann inmitten der Gesellschaft, das wird dann in mehr oder minder künstlerischer Form aufgearbeitet."

Ein Aspekt der Faszination auch wahrer Verbrechen lässt Jens Ruchatz allerdings ratlos zurück: Während Millionen Menschen versuchen, die Psyche von Serienmördern wie Ted Bundy zu verstehen und darüber nachdenken, welche Motive wohl einen unauffälligen Ehemann dazu gebracht haben könnten, seine Familie umzubringen, interessiert sich die True-Crime-Gemeinde wenig für Steuerhinterziehung, Banden-Kriminalität oder Korruption. Aber das kann sich ja noch ändern.

Mehr zum Thema Hören

Es zeigt Laura Wohlers und Paulina Krasa von Mordlust. 15 min
Bildrechte: Westdeutscher Rundfunk
Bild aus der Serie "Making a Murderer" 6 min
Bildrechte: Netflix

Das könnte Sie auch interessieren

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Februar 2020 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Februar 2020, 09:06 Uhr

Abonnieren