Bürgerwissenschaftliches Projekt Uni Erfurt startet Datenbank zum DDR-Kino

Die Uni Erfurt hat eine interaktive Internetplattform gestartet, die Wissen zum "Kino in der DDR" sammeln und dauerhaft frei zugänglich machen möchte. Künftig sollen Zeitzeugen der Filmszene in der DDR, Hobbyforscher und Cineasten sich aktiv am Forschungsprozess beteiligen und dazu beitragen, dass dieses Wissen erhalten bleibt.

Ein Archiv von alten Filmuntensilien
DDR-Kultfilm: An "Die Legende von Paul und Paula" hat so jeder seine persönlichen Erinnerungen. Bildrechte: dpa

Im Erfurter Haus Dacheröden treffen sich am Samstag Menschen, die früher gerne ins Kino gegangen sind. Normalerweise ist das nichts Ungewöhnliches. In diesem Fall aber folgen sie einem Aufruf der Uni Erfurt, an einem bürgerwissenschaftlichen Projekt teilzunehmen. Es geht um "Kino in der DDR" – genau genommen um Alltagsgeschichte aus dem Kino der DDR: Wie sehen heute die Erinnerungen an jene Filme aus? Was hat beeindruckt, bis heute einen Nachhall und welcher Film hat manchmal auch ein Stück Jugend geprägt?

Co-Projektleiter Patrick Rössler nennt den Film "Die Legende von Paul und Paula" als ein klassisches Beispiel. "Jeder, der sich an diesen Film erinnert, erinnert sich an eine gewisse Aufbruchsstimmung, an eine eigene Jugend, an eine Zeit, an die man sich auch gerne zurückerinnert. Der Film ist für viele so was wie ein Anker."

Ziel: Bürgerbeteiligung

Prof. Dr. Patrick Rössler, Lehrstuhlinhaber für Kommunikationswissenschaft an der Universität Erfurt.
Patrick Rössler, Lehrstuhlinhaber für Kommunikationswissenschaft an der Universität Erfurt Bildrechte: MDR/ExtraVista/Bernd Sahling

Rössler lehrt an der Universität Erfurt empirische Kommunikationsforschung und gehört zum Team derer, die das Projekt auf den Weg gebracht haben, gemeinsam mit wissenschaftlichen Mitarbeitern und Studierenden. Das Ziel: Eine Plattform schaffen, ein bürgerwissenschaftliches Projekt, an dem jeder mitarbeiten kann: "Wir wünschen uns sehr, dass die Menschen ihre persönlichen Erinnerungen durchforsten, über Fotos verfügen von besonderen Aufführungen. Kino ist damals auch über die Dörfer getingelt und in die Betriebe gekommen." Für das Projekt seien alle Fotodokumente von Interesse.

Der wissenschaftliche Mitarbeiter René Smolarski konzipiert die digitale und interaktive Plattform "Kino in der DDR". Von Studierenden der TU Ilmenau programmiert, wird die Seite mit Kommunikationswissenschaftlern und Historikern stets weiterentwickelt. Über die Online-Plattform sollen sich interessierte Bürgerinnen und Bürger aktiv in den Forschungsprozess einbringen.

Wir wünschen uns sehr, dass die Menschen, ihre persönlichen Erinnerungen durchforsten, über Fotos verfügen von besonderen Aufführungen.

Patrick Rössler, Projektleitung "Kino in der DDR"

Smolarski hofft auf einen großen Austausch und viel Beteiligung. "Ich denke, dass Wissenschaft keine Sache des Elfenbeinturms sein sollte, auch Geisteswissenschaft nicht. Gerade geschichtswissenschaftliche Projekte sollten – mehr als sie das bisher tun – Bürger involvieren, sowohl bei der Fragestellung als auch bei der Bearbeitung der Themen, und in den Dialog treten."

Kinoerlebnis als Alltagserfahrung

Den Dialog mit Kinogängern sucht auch Projektmitarbeiterin Anna-Rosa Haumann – mit dem Blick der Historikerin: "Was mich fasziniert, dass die Zeitzeugen im Laufe des Gesprächs eine totale Begeisterung über ihre Kinoerfahrungen kommunizieren und das am Ende des Gespräches ganz viele tolle Geschichten entstanden sind zu unterschiedlichen Perspektiven."

Haumann zufolge steht bei dem bürgerwissenschaftlichen Projekt die Alltagserfahrung des Kinoerlebnisses im Fokus: Wie wurde Kino in der DDR als soziales Event erlebt? Wo hat Kino stattgefunden – in der Schule, im Hort, auf FDJ-Veranstaltungen, in kleinen Kinoklubs? Dabei zielt das Projekt auf persönliche Geschichten, Erinnerungen ab – vielleicht sogar aus dem Tagebuch, aus dem Fotoalbum, mit einem alten Kinoticket, einem Filmplakat oder aber einem Erlebnis. Gefragt sind alle Erinnerungen – jene an ungewöhnliche Orte und an besondere Filme, die heute noch im Kopf präsent sind. 

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Oktober 2020 | 12:10 Uhr