Innovativer Unterricht Universitätsschule Dresden: digitaler Unterricht der Zukunft

In den Zeiten des Coronavirus und den damit verbundenen Schulschließungen ist die Digitalisierung ein Segen. Neue Unterrichtsformen testet und entwickelt bereits seit diesem Schuljahr die Universitätsschule in Dresden – fächerübergreifend, mit individuellem Lerntempo und vor allem: mit digitaler Technik.

von Regine Förster, MDR KULTUR

Die Universitätsschule Dresden.
Die Universitätsschule Dresden Bildrechte: dpa

Auf den ersten Blick wirkt die Universitätsschule Dresden wie eine ganz normale Grundschule. Doch in dem 70er-Jahre-DDR-Schulbau läuft einiges anders. Der 11-jährige Tjark sitzt schon zu Schulbeginn vor seinem Laptop. Es ist ein Gerät der Schule, alle haben das gleiche.

Wir haben ein Schulportal, da ist unser Stundenplan drin, wir können auch Nachrichten von den Lehrern kriegen. Und wir geben da unsere Arbeitsmaterialien ab.

Tjark, Schüler der Universitätsschule Dresden

"Das ist schon ein anderes Lernen, aber ich finde sehr spannend, dass wir Laptops haben", so Tjark. Auch die anderen Kinder schauen am Morgen zuerst in ihren Rechner und finden dort ihren individuellen Stundenplan für den Tag. Der orientiert sich an dem, womit die Schüler sich beschäftigen möchten, was sie ausgewählt haben. Aber auch andere Lerngebiete dürfen nicht zu kurz kommen. Denn der Lehrplan muss auch hier erfüllt werden.

Jeder lernt in seinem Tempo

"Wir möchten individuelle Lernwege für alle Schüler und Schülerinnen ermöglichen", erklärt die Erziehungswissenschaftlerin Anke Langner von der TU Dresden zur pädagogischen Grundidee dahinter. Das solle aber nicht vereinzelt geschehen, indem etwa jeder seinen Skype-Lehrer habe. Stattdessen sollten die Schüler "in kooperativen Prozessen miteinander" lernen, sagt Langner.

Jeder soll in dem Lerntempo und mit der Unterstützung lernen können, die er braucht.

Anke Langner, Erziehungswissenschaftlerin

Neu ist dieser Ansatz nicht – bereits vor 100 Jahren formulierten Reformpädagogen ganz ähnlich. Nun aber soll die digitale Technik diesen Prozess für die Lernenden und Lehrenden transparenter und effektiver machen. Noch ist die Schule am Anfang, aber nach und nach sollen individuelle Lernaufgaben und Übungen auf jedem Laptop eingestellt werden. Die "Lernbegleiter", wie sie hier heißen, erstellen sie aus der genauen Kenntnis des jeweiligen Leistungsstands. Denn wie weit ein Kind bereits gekommen ist und wo es noch Hilfe braucht, sehen sie anhand der hochgeladenen Ergebnisse.

Bei mir war das so, wenn mir langweilig war, dann habe ich Mamas Handy bekommen, so mit fünf. Wir haben schon viel früher angefangen, uns Spiele herunterzuladen.

Eine Schülerin der Universitätsschule Dresden

Wie beeinflusst digitale Technik die Entwicklung der Kinder?

Ein Schüler sitzt am Rande einer Eröffnungsveranstaltung mit Kopfhörern in einem Klassenzimmer der Universitätsschule und spielt auf einem Smartphone ein Videospiel.
Digitale Technik ist an der Universitätsschule Dresden allgegenwärtig. Bildrechte: dpa

Digitale Technik gehört für die meisten Kinder der Schule schon lange zum Alltag, quer durch alle soziale Schichten, aus denen sie kommen. Welche Auswirkungen das digitale Aufwachsen auf die Entwicklung des Gehirns bei Kindern hat, darüber ist die Wissenschaft uneins. Die einen stellen eine schnellere Auffassungsgabe fest, weil die Kinder schon früh viele Dinge simultan tun. Andere wiederum befürchten, dass sich neuronale Netze, die für die Mustererkennung bei Symbolen und Zeichen verantwortlich sind, nur unzureichend herausbilden – was ein schlechteres Textverständnis und weniger flüssiges Lesen zur Folge hätte.

Also doch lieber raus mit der Technik aus der Grundschule? Anke Langner meint: "Da müssen wir Wissenschaftler ran und schauen: Wie können wir Kinder anders unterstützen, damit die anders in solche Mustererkennungsprozesse wieder reinkommen als Kinder, die vor 20 Jahren in die Schule gegangen sind? Ich glaube nicht, dass Wegschließen hilft."

Manchmal aber wird in der Universitätsschule genau das getan. Auch hier wird musiziert, gemalt, gewerkelt und Theater gespielt, das Schreiben mit dem Stift im Heft gelernt. Letztlich geht es darum, auch zu vermitteln, wann der Computer-Einsatz sinnvoll ist und wann nicht.

Lernen muss ich immer noch mit meinem Kopf.

Maria Schmager, "Lernbegleiterin" an der Universitätsschule Dresden

Lernen in Gruppen

Maria Schmager, eine der "Lernbegleiterinnen", meint auch, dass nicht jeder einsam vor seiner Kiste sitzen soll. Fünf bis sechs Kinder arbeiten deshalb gemeinsam in den fächerübergreifenden Projekten. Das füllt die meiste Zeit des Tages.

Die Projekte werden mit der Unischul-Software geplant, organisiert und abgerechnet. Die digitale Technik unterstützt die Kooperation. Wie das am besten und effektivsten geschehen kann, auch das soll erforscht werden an der Unischule. "Das heißt, es gibt immer diese Phasen, wo wir den Kindern noch den Impuls geben müssen: Macht jetzt den Laptop zu, sprecht miteinander", betont Maria Schmager.

Manches muss wachsen. Aber Erziehungswissenschaftlerin Anke Langner macht auch auf Probleme aufmerksam, die ihrer Meinung nach schnell gelöst werden müssen, wenn  Digitalisierung von Schule gelingen soll. So fehlen bisher spezielle Datenschutzkonzepte. Die Unischule hat sich Hilfe beim Sächsischen Institut für Datenschutz geholt. Und wenn hier einmal bis zur 10. Klasse gelernt wird (so das Konzept), dann müssen 750 Rechner gewartet werden. Eigentlich bräuchten sie einen 24 Stunden Service, sagt Langner. Die Schule allein ist damit überfordert.

Zum Digitalpakt Schule Am 15.03.2019 wurde mit der Grundgesetzänderung (Aufhebung des Kooperationsverbots der Länder in Sachen Bildung) der Weg freigemacht für den Digitalpakt des Bundes. Der Digitalpakt trat am 17. Mai 2019 in Kraft. Bund und Länder stellen dafür fünf Milliarden Euro zur Verfügung.

Digitalpakt in Sachsen

Der Freistaat Sachsen fördert die Digitalisierung der Schulen im Land mit 250 Millionen Euro. Davon kommen 225 Millionen Euro vom Bund. Die restlichen 25 Millionen Euro teilen sich das Land und die verschiedenen Schulträger. Die Gelder werden vorrangig in den Ausbau der digitalen Infrastruktur der Schulen investiert. Daneben ist es Kultusminister Christian Piwarz wichtig, auch das nötige medienpädagogische Knowhow zu fördern.

Voraussetzung für eine Zuwendung aus dem DigitalPakt Schule ist ein ausgefüllter Fördermittelantrag sowie ein funktionierendes Medienbildungskonzept. Hierzu bietet das Kultusministerium gemeinsam mit dem Sächsischen Landkreistag und dem Sächsischen Städte- und Gemeindetag den Schulen Orientierungshilfe an. Antrag und Medienbildungskonzept müssen die Schulträger bis einschließlich 30. Juni 2020 bei der Sächsischen Aufbaubank (SAB) einreichen.

Um eine möglichst gerechte Verteilung der Fördermittel zu gewährleisten, hat sich Sachsen für einen festen Schlüssel entschieden. Er orientiert sich an der Klassenstärke, der Art und Zügigkeit der jeweiligen Schule.

Digitalpakt in Sachsen-Anhalt

Rund 137.600.000 Euro an Fördermitteln können in Sachsen-Anhalt für eine Schulbildungsinfrastruktur und Lehrerweiterbildungen investiert werden. Um die Fördermittel abrufen zu können, muss jede Schule unter anderem ein eigenes Medienbildungskonzept erarbeiten. Auf dessen Basis entwickeln die Schulen ein technisch-pädagogisches Einsatzkonzept. Die Förderanträge müssen bis zum 30. Juni 2021 am Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt (LISA) in Halle eingereicht werden. Bisher wurden zehn Anträge gestellt, 900 hätten es sein können.

Digitalpakt in Thüringen

Seit Anfang März 2019 gibt es die "Digitalstrategie Thüringer Schule – DiTS". Das Kultusministerium formuliert darin, was alles bis zum Ende des "Digtalpakts Schule" im Jahr 2024 getan werden soll. Dabei geht es um den Ausbau der schulischen Infrastruktur, die notwendigen Lehrplangrundlagen zum Erwerb von digitalen Kompetenzen, die Fortbildung der Lehrkräfte und den Ausbau eines landesweiten digitalen Managmentsystems für alle Schulen. Um Mittel aus dem Digitalpakt zu bekommen, bedarf es der Vorlage eines schulischen Medienkonzepts. Dafür wird den Schulen und Schulträgern individuelle Beratung angeboten.

Aus dem Digitalpakt stehen zusammen mit den Landesmitteln zur Ko-Finanzierung rund 147.100.000 Euro zur Verfügung. 90 Prozent dieser Mittel werden unmittelbar an die Schulen zur Verbesserung der IT-Bildungsinfrastruktur einschließlich IT-Ausstattung fließen. Die Anträge müssen bis zum 31.Oktober 2020 eingereicht werden.

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Digitaler Unterricht in der Regelschule Warza (Staatliche Regelschule "Nessetalschule" Warza.) Bildrechte: MDR/Cine Impuls Leipzig

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. März 2020 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. März 2020, 11:50 Uhr

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