"Unterleuten" am DNT Weimar "Unterhaltsames Volkstheater" nach Juli Zeh

Juli Zehs Roman "Unterleuten" aus dem Jahr 2016 war nicht nur ein Bestseller, er wurde auch vom Feuilleton gefeiert: als großartiger Gesellschaftsroman, als Kriminalroman, als kapitalismuskritischer Gegenwartsroman und sogar als ein Dorf-Western. Am Samstag ist eine Bühnenfassung von "Unterleuten" am Nationaltheater Weimar uraufgeführt worden.

von Matthias Schmidt, MDR KULTUR

Die Inszenierung erweist sich, soviel gleich vorab, als über weite Strecken unterhaltsames Volkstheater über ein Dorf nach der Wende. Dieses Dorf Unterleuten, es könnte überall sein. Es kämpft ums Überleben, fast trotzig wirken die Flaggen, die im Halbrund die Bühne umrahmen: "Unser Dorf hat Zukunft!", steht darauf, während man in Wahrheit schnell spürt, dass das alles andere als sicher ist.

Als ein Investor aus dem Westen auftaucht, könnte sich das ändern, aber nun brechen zahlreiche Konflikte aus alten Zeiten aufs Neue auf. Allerdings, und das ist der Preis der für die Bühne nötigen Vereinfachungen und Kürzungen, wird das alles mehr oder weniger in Oberflächen-Klischees verpackt.

Zunächst findet Regisseurin Jenke Nordalm eine sehr gute Idee, um den Stoff überhaupt für das Theater zu strukturieren. Eine Romanfigur wird auf der Bühne zur Erzählerin. Krönchen, im Buch ein Kindergartenmädchen, ist hier eine junge Frau, die die Zuschauer quasi rückblickend mitnimmt in das Dorf ihrer Kindheit. Mit ihrer Hilfe werden bis zur Pause die aktuellen Konflikte im Dorf ziemlich prägnant mitgeteilt.

Jede Person auf ihre Art schrullig und komisch

Zugegeben, mit recht großem Unterhaltungswert. Die Handlung wird zügig und fast kabarettistisch zugespitzt abgehandelt: Da ist der Grundbesitzer aus Ingolstadt, der nach der Wende bei der Treuhand hektarweise "Osten" eingekauft hat. Er fährt Mercedes, trägt Anzug und spricht feinstes Besitzerdeutsch. Da sind die nach Unterleuten zugezogenen "Wessis": leicht weltfremd wirkende Umweltschützer und von einer ländlichen Idylle träumende Stadtflüchter.

Es gibt die alten DDR-Seilschaften im Dorf und die Affären und dunklen Geheimnisse dieser kleinen Welt. Und natürlich den Investor, der viel Wind um seine Windräder macht und um Versprechungen nicht verlegen ist. Jede der Personen ist auf ihre Art schrullig und komisch, und jeder im Publikum weiß schnell, was gemeint ist.

Es wird viel gelacht, aber was sich bei Juli Zeh zu einem faszinierenden Mikrokosmos aufbaut, der im Kleinen zeigt, was ebenso im Großen gilt, bleibt auf der Bühne meistenteils nur eine Karikatur.

Matthias Schmidt MDR KULTUR-Theaterkritiker

Da ist zum Beispiel Gombrowski, ein Unternehmer, dessen Familie bei der Bodenreform zwangskollektiviert wurde und der nun, nach der Wende, versucht, den Betrieb unter dem Dach der Ökologica GmbH neu zu erbauen. Dafür macht er alles, besticht den Bürgermeister, instrumentalisiert Leute, scheinbar skrupellos. Warum? Er wähnt sich im Recht, glaubt, nur so das Dorf retten zu können. Die anderen glauben, er mache das aus Gier oder Rachsucht oder anderen niederen Beweggründen.

Sein ärgster Feind, Kron, denunziert ihn sogar. Fake News, sozusagen. Das alles kann man sich im Roman erlesen, erarbeiten, in Zwischentönen erspüren. Auf der Bühne hingegen gelingt es nicht, dieser Person Gombrowski nahe zu kommen. Sebastian Kowski gibt alles, im Grunde beherrscht er den Abend, und doch bleibt auch sein Gombrowski Oberfläche. Am Ende begeht Gombrowski eine Verzweiflungstat, die zutiefst bewegend ist. Und zugleich urkomisch. Auf der Bühne wird das von ihm selbst schnell heruntererzählt, man könnte sagen: abgehakt.

Das Stück erreicht nicht die Komplexität des Romans

Es gelingt Regisseurin Jenke Nordalm leider nicht, in die tieferen Schichten von Unterleuten vorzudringen, die Komplexität dieses Gebildes erlebbar zu machen. Beispielsweise gehört dazu eben auch die Topographie des Dorfes: wo wohnen die Personen, welche Wege gehen sie, wo geschehen Dinge. Nicht umsonst hatte der Verlag ja die Idee, diesem Dorf eigens eine ganze Website zu widmen, auf der man sich das ansehen kann.

Einer der Konflikte des Buches erwächst ja gerade daraus, auf wessen Grundstück die Windräder erbaut werden sollen. Wer davon profitiert und wessen Sicht dadurch beeinträchtigt würde. Ebenso dürfte es nicht ganz einfach sein, sich ohne Kenntnis des Romans die Feinheiten der Vorgeschichte zu erschließen, die brutale Kollektivierung der Landwirtschaft und deren aberwitzig schnelle Umstellung auf "Kapitalismus" nach der Wiedervereinigung.

Als Krönchen, die Erzählerin, den Abend beschließt mit der Hoffnung, dass es irgendwann ein neues Unterleuten geben werde, ohne die Altlasten und Klischees der Geschichte, möchte man es glauben und mit ihr darauf hoffen. Auf den Fahnen im Dorf steht inzwischen der Name des Windpark-Investors. So viel immerhin ist am Ende der Inszenierung erreicht: Man versteht, dass es so einfach nie sein wird, dass jeder neue "Wind of Change" neue Konflikte mit sich bringen wird. Großer Premierenapplaus.

Weitere Vorstellungen von "Unterleuten" am DNT Weimar

  • 26. November 2017
  • 09. Dezember 2017
  • 22. Dezember 2017
  • 05. Januar 2018
  • 28. Januar 2018
  • 10. Februar 2018
  • 17. März 2018
  • 20. April 2018
  • 25. Mai 2018
  • 24. Juni 2018

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 20. November 2017 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. November 2017, 07:50 Uhr

Auch interessant