Unterwegs in Mitteldeutschland Entdeckungen im Unstruttal

Leise und sanft schlängelt sich die Unstrut durchs Thüringer Becken. Unaufgeregt durchfließt sie seit Jahrhunderten eine Landschaft deutscher Geschichte von Kefferhausen im Eichsfeld bis nach Naumburg. Wir haben die einzigartige Kulturlandschaft mit dem Kanu, per Rad und zu Fuß erkundet. Eine kleine Auswahl sehenswerter Orte stellen wir hier vor.

Als Bächlein nimmt sie ihren Lauf durch Thüringen nach Sachsen-Anhalt und mündet bei Naumburg in die Saale. Bis dahin schlängelt sich die Unstrut vorbei an Landschaften, plätschert zwischen Ackerbürgerstädtchen Mitteldeutschlands, schmiegt sich an die Wände von jahrhundertealten Fachwerkhäusern, umfließt Mühlen, raunt in Buchenwäldern und reicht in Ufernähe ganz nah an zauberhaften Orchideenwiesen und Weinterrassen heran. Ein Fluss durchzieht eine Landschaft deutscher Geschichte. 

Kefferhausen

Die Unstrut entspringt unweit von Kefferhausen im thüringischen Eichsfeld. Am Dorfrand ist die Quelle der Unstrut in einer gemauerten Grotte eingefasst. Ganz flach tritt dort das Wasser drei Unterarme breit und zwei Handbreit ans Tageslicht. Die Tafel nebenan verrät:

Unstrutquelle. 368 Meter über Meereshöhe;  4,5 Liter Wasser pro Sekunde. Die Ersterwähnung der Unstrut als 'Onestrudis" erfolgte im 6. Jahrhundert. Der Name Unstrut setzt sich zusammen aus dem Wort 'struth' (Sumpf) und der Wortsilbe 'un' (Böses, Übles, Unangenehmes).

Unstrutquelle Kefferhausen

Unstrutquelle bei Kefferhausen
Unstrutquelle bei Kefferhausen Bildrechte: Uwe Petzl

Mühlhausen

Nach etwa 25 Kilometern fließt die Unstrut durch die mittelalterliche Reichsstadt Mühlhausen. Die Stadtmauer mit den Wehrtürmen, die elf mittelalterlichen Kirchen und viele Bürgerhäuser prägen das historische Stadtbild. In St. Marien predigte 1525 der radikale Reformer Thomas Müntzer, der Mühlhausen zu einem Zentrum des Bauernaufstandes ausbaute. Nach der "Schlacht bei Frankenhausen" wurde Müntzer am 27. Mai 1525 vor den Toren der Stadt enthauptet.

In Divi Blasii, der gotischen Hallenkirche am Untermarkt, hat Johann Sebastian Bach seine Spuren hinterlassen. Der Komponist war hier von 1707 bis 1708 als Stadtorganist tätig. Die Mühlhäuser Museen zeigen Ausstellungen zur reichsstädtischen Geschichte, zu Reformation und Bauernkrieg, zur Ur- und Frühgeschichte des Unstrut-Hainich-Kreises und Thüringer Kunst des 20. Jahrhunderts.

Blick auf die Divi-Blasii-Kirche am Untermarkt und Museum am Lindenbühl Gesellschaft in Mühlhausen.
Mühlhausen, Blick auf die Divi-Blasii-Kirche am Untermarkt und Kulturhistorisches Museum Bildrechte: imago/Karina Hessland

Burgen und Schlösser

Auf den Hügeln rechts und links der Unstrut erheben sich zahlreiche Burgen und Schlösser, von der mittelalterlichen Wehrburg bis zur prachtvollen Barockanlage. Ob als Ruine oder nahezu vollständig erhalten, lassen sie die wechselvolle Geschichte der Region lebendig werden.

Blick auf ein Dorf, das von Getreidefeldern umgeben ist. In der Mitte des Ortes steht ein großes Schloss.
Blick auf Dorf Kannawurf und Schloss Bildrechte: MDR/Romy Miska

Zwischen Bilzingsleben und Heldrungen, im Thüringer Landkreis Sömmerda, liegt das kleine Dorf Kannawurf, im 13. und 14. Jahrhundert Stammsitz der "von Kannewurfs". Schloss Kannawurf, ein dreiflügeliger Renaissancebau, wurde 1564 von Georg II. Vitzthum von Eckstedt errichtet. Durch Zufall entdeckten der Landschaftsarchäologe Roland Lange und seine Mitstreiter 2007 bei einer Ortsdurchfahrt das beeindruckende Bauwerk. Mit dem Verein "Künstlerhaus Thüringen" kümmern sie sich seitdem um die Instandsetzung des Schlosses und bringen mit Lesungen, Konzerten und Theateraufführungen Kultur in die Region.

Wasserburg Heldrungen
Wasserburg Heldrungen Bildrechte: imago/imagebroker

In Heldrungen, am Südrand der Goldenen Aue, steht ein beeindruckendes Zeugnis mittelalterlicher Festungsbaukunst - die Wasserburg Heldungen, deren Geschichte bis ins 12. Jahrhundert reicht. Zu Beginn des 16. Jahrhundert errichtete Graf Ernst II. ein Renaissanceschloss, das anschließend mit zwei Wassergräben und Festungsgürteln umgeben wurde. Nach der Schlacht bei Frankenhausen wurde Thomas Müntzer hier bis zu seiner Hinrichtung gefangen gehalten. Im Schloss befindet sich heute eine Jugendherberge.

Burg Wendelstein über dem Tal der Unstrut bei Memleben-Wendelstein in Sachsen-Anhalt.
Burg Wendelstein Bildrechte: imago/Werner Otto

Auf einem Gipsfelsen hoch über der Unstrut, kurz hinter der Grenze von Thüringen und Sachsen-Anhalt, steht die Burgruine Wendelstein. Wahrscheinlich diente die Burg schon im Mittelalter als Grenzfeste der Sachsen gegen die Franken. Wälle und Festungsgräben zeugen von der einstigen Wehrhaftigkeit. Im 16. Jahrhundert wurde die Burg zum Wohnschloss umgebaut. Das alte Renaissanceschloss ist heute nur noch als Ruine erhalten.

Schloss Vitzenburg
Schloss Vitzenburg Bildrechte: imago/Michael Handelmann

Bei Querfurt liegt weithin sichtbar die Vitzenburg auf einem Buntsandsteinplateau überm Tal. Das Renaissance- und Neorenaissanceschloss geht auf eine Burg aus dem 9. Jahrhundert zurück. Sein heutiges Aussehen erhielt das Schloss unter Graf Heinrich Moritz II. von der Schulenburg, der es im 19. Jahrhundert im Stile der Neorenaissance und des Neobarock umbauen ließ. In den letzten Jahren diente das malerische Ensemble mehrmals als Filmkulisse. Georg Freiherr Baron von Münchhausen, ein Nachfahre der letzten Besitzer, hat 2016 den Weinberg mit spätbarockem Gartenpavillon erworben und mit Hilfe eines Vereins die Sanierung begonnen.

Schloss Burgscheidungen mit in Terassen angelegtem Barock Schloßgarten, Unstruttal,
Schloss Burgscheidungen Bildrechte: imago/imagebroker

Zwischen Nebra und Freyburg erhebt sich am linken Ufer hoch über der Unstrut das imposante Barockschloss Burgscheidungen. Im 9. Jahrhundert als "Scidingeburg" erstmals urkundlich erwähnt, wurde die Burg im 16. Jahrhundert zum Renaissanceschloss ausgebaut. Ab 1724 ließ der sardinische Generalfeldzeugmeister Freiherr Levin Friedrich von der Schulenburg Schloss und Park im Stile des Barock umgestalten. Eine berühmte Bewohnerin von Burgscheidungen war Anna Constantia von Brockdorff (1680-1765), die spätere Reichsgräfin von Cosel.

Auf einer Hochfläche über Freyburg liegt Schloss Neuenburg. Ende des 11. Jahrhunderts von Graf Ludwig dem Springer gegründet, war sie eine der wichtigsten Burgen des hohen Mittelalters. Schon Kaiser Barbarossa und Elisabeth von Thüringen weilten in ihren Mauern.

Luftbildaufnahme der Neuenburg in Freyburg an der Unstrut.
Neuenburg in Freyburg Bildrechte: IMAGO

Heutzutage wird die Neuenburg alljährlich im Juni von den Freunden mittelalterlicher Musik beim Musikfestival "montalbâne" gestürmt. Im Netz wirbt das Schloss mit dem Spruch: "Glanzvolles Zentrum höfischer Kultur". Dort zu finden sind Zeugnisse zur hochmittelalterlichen Geschichte, zum Weinbau, der Schlossanlage und eine Sammlung vornehmlich historischer Taschenuhren.

Memleben – Kloster und Kaiserpfalz

Unweit der Burgruine Wendelstein auf der anderen Flussseite liegt der kleine Ort Memleben, der heute zur Gemeinde Kaiserpfalz gehört und kaum 700 Einwohner zählt. Im 10. Jahrhundert war die Pfalz Memleben ein wichtiges Zentrum der ottonischen Herrscher. Der ostfränkische König Heinrich I. und sein Sohn Otto I. hielten sich hier auf. Und beide starben in Memleben. Otto II. gründete für das Seelenheil seiner Vorfahren ein Benediktinerkloster, das sich zu einer bedeutenden Reichsabtei entwickelte.

Von der einstigen Pfalz sind bisher keine baulichen Reste nachgewiesen. Von einer Monumentalkirche aus dem 10. Jahrhundert, die König Otto I. errichten ließ, gibt es noch einige Mauerteile, wie den monumentale Eingang zum Querhaus, im Volksmund "Kaisertor" genannt. Von der Klosteranlage sind die Ruine einer kleineren Klosterkirche aus dem 13. Jahrhundert und die eindrucksvolle Krypta erhalten.

Für den Archäologen Holger Groenwald, Grabungsleiter in Memleben, steht die geschichtliche Bedeutsamkeit der Region außer Frage:

Es ist eine irrsinnige Kulturlandschaft, dicht besetzt mit Baustrukturen, Burgen, Pfalzen, Klöstern, die schnell erkennen lassen, dass hier ein absoluter Schwerpunkt lag. Die Ottonen haben sich hier als sächsische Herrscher nicht grundlos niedergelassen.

Holger Groenwald, Archäologe

Kloster Memleben
Kloster Memleben Bildrechte: privat

Nebra

Auch in der kleinen Stadt Nebra im Burgenlandkreis bewegt man sich auf geschichtsträchtigem Boden. Bereits in karolingischer Zeit lag hier ein mehrfach bezeugter Königshof.

Die Himmelsscheibe von Nebra steht in einer Glasvitrine
Himmelsscheibe von Nebra Bildrechte: dpa

Als vor mehr als 20 Jahren, am 4. Juli 1999, die sogenannte Himmelsscheibe von Nebra zusammen mit einem Bronzeschatz von zwei Raubgräbern auf dem Mittelberg ausgegraben wurde, war das eine Weltsensation, der die kleine Stadt berühmt machte. Die Scheibe aus der unmittelbaren Umgebung Nebras gilt als früheste bekannte Himmelsdarstellung der Menschheitsgeschichte. 2007 wurde in der Nähe des Fundortes das multimediale Besucherzentrum Arche Nebra eröffnet.

Die Arche Nebra
Besucherzentrum Arche Nebra Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Freyburg

Die Sektkellerei Freyburg an der Unstrut.
Sektkellerei in Freyburg Bildrechte: IMAGO

In einem engen Tal an einer Biegung der Unstrut liegt die Stadt Freyburg. Hier ist das Zentrum des Weinbaugebiets Saale-Unstrut. Was der Flaneur am Ufer der Unstrut, an den Weinhängen, nicht mehr sieht, sind "Gänsefüßer" oder "Rubellane" - Rebsorten aus der Hochzeit des Weinbaus vor 500 Jahren, als 10.000 Hektar mit Rebstöcken bepflanzt waren. Heute wachsen auf nur noch einem Zehntel der Fläche Weiß- und Grauburgunder, Riesling, Dornfelder oder Müller-Thurgau. Berühmter noch ist der Sekt aus Freyburg, der eine wundersame Metamorphose vom kaiserlichen Sekt zum Lieblingssekt der Deutschen durchlebte.

In der malerischen Altstadt von Freyburg sind das im 15. Jahrhundert erbaute Rathaus und die Stadtkirche St. Marien sehenswert. Im letzten Wohnhaus des als "Turnvater Jahn" bekannten Pädagogen, Politiker und Publizisten, der von 1825 bis zu seinem Tod 1852 in Freyburg lebte, befindet sich das Friedrich-Ludwig-Jahn-Museum.

Unstruttal bei Freyburg
Unstruttal mit Blick auf Freyburg Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn


Max Klinger Weinberg

Romantisch gelegen ist der Max-Klinger-Weinberg in Großjena bei Naumburg am Saale-Unstrut-Tal. Das ehemalige Anwesen des bekannten Bildhauers, Malers und Grafikers (1857-1920) wird von einem gepflegten Weinberg, einem kleinen Museum und dem ehemaligen Wohnhaus sowie seinem Grab geprägt.
Max-Klinger-Weinberg Bildrechte: dpa

Am Blütengrund, wo die Unstrut in die Saale fließt, erwarb der Leipziger Bildhauer und Grafiker 1903 einen Weinberg mit Weinberghäuschen, dass er als Atelier nutzte. Später kaufte er weitere Teile des Weinbergs dazu und lies ein Wohnhaus einrichten. Zahleiche Radierungen, Zeichnungen und Aquarelle entstanden hier. Am 4. Juli 1920 starb Klinger auf seinem Weinberg bei Großjena. Seine Grabstätte sowie das Museum mit Werken sind dort zu besichtigen.

Informationen zu Museen, Sehenswürdigkeiten und kulturellen Einrichtungen

Mühlhäuser Museen
Haupthaus Kulturhistorisches Museum
Kristanplatz 7
99974 Mühlhausen
Tel. 03601 - 85 660

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag
10 – 17 Uhr
Museum Allerheiligenkirche ist wegen interimistischer Umnutzung vorübergehend geschlossen.

Schloss Kannawurf
Künstlerhaus Thüringen e.V.
Schlossplan 1
06578 Kannawurf

Wasserburg Heldrungen
Schloßstr. 13
06577 Heldrungen
Tel. 034673 - 91 224
Die Öffnungszeiten werden angepasst, eine Besichtigung ist derzeit nicht möglich. Die Jugendherberge ist geöffnet.

Burg Wendelstein
06642 Kaiserpfalz
Koordinaten: 51.277162°, 11.468391°

Schloss Vitzenburg
06268 Querfurt
Koordinaten: 51.299224°, 11.568501°
Eine Besichtigung ist derzeit nicht möglich.

Barockschloss Burgscheidungen
Schloßbergstraße 56
06636 Burgscheidungen
Tel. 034462 - 69 650
Besichtigungen derzeit sonntags um 14 Uhr, im Winter sind keine Besichtigungen möglich.

Schloss Neuenburg
Schloß 1
06632 Freyburg

Öffnungszeiten Museum:
Mittwoch bis Sonntag
10 – 12 Uhr
13 – 15 Uhr
16 – 18 Uhr
Führungen werden derzeit nicht angeboten.

Museum Kloster und Kaiserpfalz Memleben
Thomas-Müntzer-Straße 48
OT Memleben
06642 Kaiserpfalz
Tel. 034672 - 60 274

Öffnungszeiten:
15.03. bis 31.10.
täglich 10 – 18 Uhr
01.11. bis 14.03.
täglich 10 – 16 Uhr
nur Außenanlage

Arche Nebra
An der Steinklöbe 16
06642 Nebra

Öffnungszeiten:
April bis Oktober
täglich 10 – 18 Uhr
November bis März
Dienstag bis Freitag 10 – 16 Uhr
Sa/So/Feiertage 10 – 17 Uhr
montags und am 24. Dezember geschlossen

Freyburger Fremdenverkehrsverein e.V.
Markt 2
06632 Freyburg (Unstrut)
Tel. 034464 - 27 260

Max-Klinger-Weinberg
Blütengrund 3
06618 Naumburg
Tel. 03445 - 20 23 24

Öffnungszeiten Museum
Dienstag bis Sonntag 10 - 17 Uhr
(bis 01. 11. 2020)

Alle Angaben ohne Gewähr.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Klangfarben der Unstrut" | 23. September 2020 | 22:00 Uhr

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