Thüringer Porzellangeschichte Das Projekt "Unverloren": Hommage an Weimar Porzellan

Thüringen war einst ein Land der Porzellanmanufakturen, dutzende Betriebe gab es im 19. Jahrhundert im Freistaat. Heute ist davon nur ein Bruchteil geblieben. Auch das traditionsreiche Unternehmen "Weimar Porzellan" musste 2018 dicht machen. Mit einem Bildband und der Neuproduktion eines früheren Designs sorgt eine Hamburger Fotografin nun dafür, dass dieses wichtige Kapitel Thüringer Porzellangeschichte nicht in Vergessenheit gerät.

Susanne Katzenberg
Fotografin Susanne Katzenberg in den verlassenen Werksräumen von Weimar Porzellan. Bildrechte: Susanne Katzenberg

Es begann alles durch einen Zufall: Beim Wandern stieß Susanne Katzenberg vor anderthalb Jahren auf die stillgelegte Fabrik von Weimar Porzellan. Am Werkstor in Blankenhain hing damals noch ein verblasstes Schild mit dem Hinweis auf den Räumungsverkauf. Das machte Katzenberg neugierig, und sie begann, in den verlassenen Räumen zu fotografieren. "Man konnte noch viele Spuren entdecken von den Menschen die dort gearbeitet haben: Schürzen, Werkzeuge, Kaffeetassen, Sektflaschen. Ich fand das sehr bedrückend: Dass man so klar sehen konnte – die Leute haben alles fallen lassen und sind gegangen."

Unverloren - Hommage an Weimar Porzellan
Hier wurde nie aufgeräumt - zurückgelassene Arbeitsutensilien im Werk. Bildrechte: Susanne Katzenberg

Diese Atmosphäre geben Katzenbergs Aufnahmen im Bildband "Unverloren" nun eindrucksvoll wieder. Im Kontrast dazu finden sich aber auch historische Fotos im Buch, Aufnahmen aus den 50er und 60er Jahren, als Hunderte Menschen im damaligen VEB beschäftigt waren. "Ich wollte kein Buch machen, das nur leere Räume zeigt", so Katzenberg. "Davon gibt es schon eine Menge, und das finde ich persönlich auch ein bisschen langweilig." So war es vielmehr ihr Ziel, das Leben zurückzuholen, das sie nicht mehr vorgefunden hatte. Ein Anliegen, das durchaus aufgegangen ist, der Bildband besticht durch seine Mischung aus alt und neu, und auch durch die zahlreichen Informationen über die historische Porzellanherstellung.

Formen, die in Vergessenheit gerieten

Porzellanmaler in den 1950er bei Weimar Porzellan
Ein Fund im Dokumentenarchiv: Ende der 1940er-Jahre wurde bei Weimar Porzellan wieder verstärkt Handmalerei ausgeübt. Bildrechte: LATh - HStA Weimar Porzellanfabrik Blankenhain (Übernahme 2019 ) Karton 51

Für die historische Einordnung holte Katzenberg Claudia Zachow mit ins Boot, langjährige Kuratorin am Porzellanikon, dem staatlichen Porzellanmuseum Selb. Gemeinsam arbeiteten sie sich durchs Dokumentenarchiv von Weimar Porzellan, das heute im Staatsarchiv in Weimar aufbewahrt wird. Außerdem begannen sie, das Formenlager von Weimar Porzellan in Blankenhain genauer zu begutachten: In dem rund 200 Quadratmeter großen Raum herrschte Chaos, unzählige Formen für Vasen, Teller oder Tassen aus der fast 230-jährigen Unternehmensgeschichte stapelten sich dort. "Dort zeigt sich, wie sich thüringische Tischkultur über die Jahrhunderte hinweg entwickelt hat", so Produktdesignerin Zachow. "Und das Spannende ist, dass man anhand dieser Objekte auch eine Kulturgeschichte ableiten kann."

Bereit für den Markt von heute

Unverloren - Hommage an Weimar Porzellan
Die Vase Tini - hier original aus den 60er-Jahren, mit Glasur und Dekor. Bildrechte: Susanne Katzenberg

Unter den Formen im Formenlager waren einige, die Susanne Katzenberg vom Design her ansprachen. Sie zögerte nicht lange, und fragte beim Insolvenzverwalter an, ob es möglich wäre, einige von ihnen zu übernehmen. So wurde die Fotografin aus Hamburg fast über Nacht auch zur Unternehmerin. Gemeinsam mit Mark Pohl, dem Besitzer eines Einrichtungsladens in Weimar, ließ sie die Vase "Tini" produzieren: einen Entwurf des Designers Peter Smalun aus den 60er-Jahren, der damals eine Referenz zum Bauhaus sein sollte. Die Vase besitzt eine zylindrische Form, ist nach oben hin etwas aufgebläht, ein nach innen gewölbter Hals bietet dazu ein optisches Gegenspiel.

Unverloren - Hommage an Weimar Porzellan
"Tini" in der Neuproduktion von Susanne Katzenberg: die Form ist die gleiche geblieben, allerdings besteht die Vase nun aus Biskuitporzellan und trägt kein Dekor mehr. Bildrechte: Susanne Katzenberg

Für Mark Pohl hat "Tini" eine zeitlose Gestaltung, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung sei es endlich Zeit für eine neue Wahrnehmung des DDR-Designs: "Diese Produkte haben das Zeug, wieder in den Markt zu kommen. Man sollte also wirklich selbstbewusst sein und sagen – das war wirklich gutes Design! Die Formen konnten damals vielleicht nicht politisch konkurrieren, als Produkt dagegen aber schon."

Die Produktion bleibt in Thüringen

Pohl, Katzenberg und Zachow haben beim Durchstöbern des Formenlagers allerdings auch viele Entwürfe entdeckt, die heute nicht mehr verkaufbar wären: barocke Suppenterrinen etwa, über und über mit Schnörkeln und Bordüren bedeckt. Hier müsse man ehrlich sagen, dass Weimar Porzellan den Zahn der Zeit verschlafen hätte, und die Insolvenz deswegen auch nachvollziehbar gewesen sei, sagt Einrichtungsfachmann Pohl: "Natürlich erzählt diese Geschichte ein Ende. Aber ich als Produzent bin am Ende des Buches auch die Brücke in das Jetzt: Mit einer geschlossenen Manufaktur in Thüringen können trotzdem noch andere Manufakturen weiter betrieben werden, weil wir die Auftraggeber sind."

Gefertigt werden "Tini" und drei weitere gerettete Vasen nun in einer kleinen Firma im Weimarer Stadtteil Legefeld, verkauft werden sie in ganz Deutschland. So schließt sich der Kreis in dieser Porzellangeschichte, die der Bildband "Unverloren" anschaulich und ansprechend nachzeichnet.

Audio

Unverloren - Hommage an Weimar Porzellan 4 min
Bildrechte: Susanne Katzenberg
Buchcover: Unverloren – Hommage an Weimar Porzellan
Bildrechte: Braus Verlag

Informationen zum Buch "Unverloren - Hommage an Weimar Porzellan Thüringen"
von Susanne Katzenberg (Hrsg.)
Braus Verlag
85 Abbildungen
128 Seiten
ISBN 9783862282135

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Oktober 2020 | 06:15 Uhr