Zwei Darsteller stehen auf einer Treppe, im Hintergrund das Ensemble
Premiere von "Vanessa" war am 19. Januar 2019. Bildrechte: Andreas Lander

Opernkritik Oper "Vanessa" in Magdeburg: Musik Top, Inszenierung Flop

"Vanessa" von Samuel Barber wurde 1958 in New York uraufgeführt. In den USA ist die Oper bis heute recht erfolgreich, hierzulande jedoch blieb sie weitestgehend unbekannt. Ähnlich wie der Komponist, der ein so origineller wie kraftvoller Vertreter der amerikanischen Musik ist. Nun hat "Vanessa" an der Oper Magdeburg Premiere gefeiert - MDR KULTUR-Opernkritiker Uwe Friedrich aber nur teilweise überzeugt.

Zwei Darsteller stehen auf einer Treppe, im Hintergrund das Ensemble
Premiere von "Vanessa" war am 19. Januar 2019. Bildrechte: Andreas Lander

Die Oper beginnt düster: Titelheldin Vanessa hat sich zurückgezogen in ihr Haus irgendwo im hohen Norden und trauert ihrem Liebhaber Anatol hinterher. Sie hat alle Bilder und Spiegel verhängen lassen, da sie ihr Leben verschenkt hat im Warten auf diesen Liebhaber, der sie aber verlassen hat.

Dann betritt ein Anatol die Bühne, es stellt sich aber heraus, dass er der Sohn des anderen Anatol ist. Und schon nehmen die Dinge wieder ihren Lauf: Vanessas Nichte Erika verliebt sich in diesen Anatol, der offenbar eine sehr windige Person ist, aber dennoch eine große Ausstrahlung besitzt. Sie bekommt ein Kind von ihm, das sie verliert. Am Ende geht Vanessa dann mit dem viel jüngeren Anatol weg und Erika bleibt zurück im Haus und verhängt wieder die Bilder.

Es ist ein gruseliger Schluss, denn es ist klar, dass auch sie ihr Leben verschenken wird im Warten auf die Rückkehr des Verführers. Vielleicht auch auf die Rückkehr des Vergewaltigers, denn ein Geheimnis ist der faszinierende Kern dieses Stücks: Man weiß einfach nicht, was passiert ist. Gab es einen Missbrauch, oder eine Vergewaltigung? Warum will Erika den jungen Anatol, warum kann sie ihn nicht heiraten?

Ein musikalisches Schauermärchen

Im Vordergrund steht eine Darstellerin im weißen Kleid, im Hintergrund ein Darsteller im Frack
Szene aus "Vanessa". Bildrechte: Andreas Lander

Samuel Barber ist einer der bedeutendsten US-amerikanischen Komponisten, er klingt wie ein behutsam modernisierter Puccini. Wir haben also einen großen aufrauschenden Orchesterklang, riesige Emotionen. Es ist ein bisschen das Gegenstück zu einem Hollywood-Melodram in Breitwand und Technicolor aus der Zeit der 50er. Man kann sich in diese Musik richtig hereinfallen lassen.

So ist es musikalisch auch ein großartiger Abend. Svetoslav Borisov dirigiert und holt alles aus dieser Partitur heraus. Er hat aber nicht nur Gespür für das Große, sondern auch für die Passagen, bei denen es in einen Erzählstil, in ein Parlando hereingeht. Noa Danon als Vanessa gibt diese geheimnisvolle Frau wirklich großartig und auch Emilie Renard als Erika ist überzeugend: Wie sie diese Sehnsüchte, Illusionen, das Verfallen diesem Anatol gegenüber darstellt. Die Sänger überzeugen allesamt.

Bei der Inszenierung hakt es

Inszeniert hat die Oper Intendantin Karen Stone – und sie kann leider nicht überzeugen. Stone setzt gemeinsam mit ihrem Ausstatter Ulrich Schulz auf farbenfrohe Kostüme, die auch hell ausgeleuchtet werden. Und das bedeutet: Das Geheimnisvolle in der Musik wird in der Inszenierung nicht aufgegriffen. Zudem müssen die Darsteller ohne ersichtlichen Grund immer wieder treppauf, treppab laufen. Es gibt eine Menge Gänge und Läufe der Sänger, die auch der Musik nicht helfen: Wenn sie irgendwo hinten ihre großen Ausbrüche zu singen haben, verpufft es einfach.

Bei dieser Geschichte muss sich eine Regisseurin eigentlich entscheiden, was sie NICHT erzählen möchte – was für eine Geschichte im Hintergrund steht – um sie dann nur anzudeuten. Hier dagegen ist alles hell ausgeleuchtet, orientiert an 50er-Jahre-Oberklasseeleganz. So fragt man sich also: Wo ist denn das Problem? Erika bleibt jetzt da, hat ein schönes Haus, ihr ist halt der Liebhaber abhandengekommen, irgendwann kommt ein Neuer. Das ist aber genau nicht die Handlung des Stücks. Eigentlich müsste es einen die ganze Zeit über gruseln.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Januar 2019 | 09:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Januar 2019, 11:13 Uhr

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