Lichtfest Wie die Künstlerin Victoria Coeln die Friedliche Revolution in Leipzig beleuchtet

Sechs prägnante Orte der Leipziger Montagsdemonstrationen – von der Nikolaikirche bis zur Stasi-Zentrale am Ring – setzt Victoria Coeln jetzt in ein neues Licht, um an die Friedliche Revolution vor 30 Jahren zu erinnern. Gemeinsam mit der Bürgerrechtlerin Gesine Oltmanns entwickelte die Wiener Künstlerin das Konzept. Oltmanns würde sich freuen, wenn zum großen Jubiläum am 9. Oktober dann alle zum Lichtfest kommen, um die Demokratie zu feiern, auch die, "die damals hinter den Gardinen standen".

von Nancy Brandt, MDR KULTUR

Lichträume für Leipzig von Victoria Köln
Die Lichtkünstlerin Victoria Coeln Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sieht man einem Ort an, das sich dort, groß formuliert, Weltgeschichte zugetragen hat? Ist ihm dies als Aura eingeschrieben? In der Nikolaikirche in Leipzig nahmen 1989 mit den Friedensgebeten die Montagsdemonstrationen ihren Anfang.

Lichträume für Leipzig von Victoria Köln
Projektion in der Nikolaikirche Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

30 Jahre später lässt die Wiener Künstlerin Victoria Coeln diesen Ort in einem neuen Licht erleuchten und nutzt dabei das Licht als künstlerisches Mittel, um die Bedeutung eines Raumes widerzuspiegeln. "Für mich ist Licht ein Mittel, das beide Qualitäten hat. Das Metaphorische genauso wie das tatsächliche  Sichtbarmachen", sagt Coeln. "Wenn wir das Licht formen, formen wir tatsächlich auch die Sichtbarkeit der Welt und die Wirklichkeit. Und das ist ein Ansatz, der mir ganz wichtig ist."

Was ist geblieben von der Aufbruchsstimmung '89?

DDR - Friedensgebet in Nikolaikirche Friedensgottesdienst am 18.12.1989 in der Nikolaikirche in Leipzig mit Superintendent Friedrich Magirius. Die regelmäßigen Friedensgebete waren eine Vorstufe der ab Herbst 1989 in Leipzig stattgefundenen Montagsdemonstration und ein Meilenstein bei der friedlichen Revolution Ende der 1980er Jahre in der DDR.
Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche Bildrechte: dpa

Für das 30-jährige Jubiläum der friedlichen Revolution erschafft die Lichtkünstlerin an markanten Orten des einstigen Demonstrationszuges Lichträume in der Stadt. Ihr zur Seite steht die Leipziger Bürgerrechtlerin Gesine Oltmanns. Sie hatte am Montag dem 4. September 1989 vor der Nikolaikirche mit dem Transparent "Für ein offenes Land mit freien Menschen" protestiert.

Es war dieses unverzagte, montägliche Aufbegehren, das in den Demonstrationszug der 70.000 Leipziger am 9. Oktober 89 mündete.

Was ist geblieben von jener Aufbruchsstimmung vor 30 Jahren? Alles nur Erinnerung? "Ich hatte auch ein bisschen Sorge, dass jetzt eine Künstlerin in diese Konstellation hier in Leipzig hineinkommt", sagt Oltmanns. Denn in den letzten Jahren sei dort sehr viel um Deutungshoheit gekämpft worden, "was man tun darf und nicht tun darf mit der Geschichte".

Licht-Linien wie Lebensadern

Lichträume für Leipzig von Victoria Köln
Victoria Coeln schafft Lichträume. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Victoria Coeln sagt, Leipzig habe sie sehr gereizt als Thema. "Denn ich wusste um die Ausgangspunkte und die Wichtigkeit von Leipzig und der Nikolaikirche in Bezug auf die friedliche Revolution und den Fall der Berliner Mauer", sagt sie. "Ich wollte wissen, wie wirkt das heute in den Menschen nach. Was macht das mit einer Gesellschaft? Ist das noch zu spüren?"

Aus diesem Gedanken heraus entstand ihr Lichtfestkonzept. Ausgehend vom 4. September in der Nikolaikirche werden jeweils montags nach und nach immer mehr Lichträume rund um die Brennpunkte der Oktoberereignisse in Szene gesetzt. Wie zum Beispiel die einstige Bezirksverwaltung für Staatssicherheit stehen sie symbolisch für die schrittweisen Raumaneignungen der Demonstranten von '89. Immer wieder durchziehen Licht-Linien die Stadt, Spuren in die Geschichte, wie Lebensadern, die uns an die Ereignisse vor 30 Jahren binden.

Orte und Erinnerungen, die sich verweben

Lichträume für Leipzig von Victoria Köln
Wem die Stunde schlägt: Die Uhr am Krochhochhaus am Leipziger Augustusplatz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Lichtfragmente strukturieren und zerteilen den Raum", erklärt Coeln. "Und damit entsteht folgendes: Man muss nicht mehr alles gleichzeitig sehen und denken, sondern man kann schmale Elemente plötzlich besonders wahrnehmen, weil man nur auf diese eine Linie, die etwas freigibt, konzentriert ist und der Rest wird ausgeblendet." So entstünden Lichtfragmente, die einen Raum überschreiben und einen Ort völlig neu zeichnen. Im Lichtstudio zuvor erzeugte Schatten der Leipziger Bürgerinnen und  Bürger werden sich an den Fassaden der Häuser wiederfinden, ebenso wie Rasterprojektionen.

"Wenn sich Orte verweben, sei es durch die speziellen Gläser, die Diachrome, die ja auch da oder dort projiziert werden, aber auch durch die Raster eines Ortes, die an einem anderen Ort drüber projiziert werden, wie zum Beispiel Nikolaikirche überschreibt Stasi-Gebäude", sagt Coeln. "Dann, wenn das passiert, verweben sich natürlich nicht nur einfach Gebäude oder Lichtstrukturen miteinander, sondern die Erfahrungen, die Erlebnisse, die Emotionen des Menschen, Hoffnung."

Einer der Leipziger Lichträume

Die einstige Stasi-Zentrale am Ring überblendet mit einem Bild von der Nikolaikirche

Lichträume für Leipzig von Victoria Köln
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Lichträume für Leipzig von Victoria Köln
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Lichträume für Leipzig von Victoria Köln
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Zusammen die Demokratie feiern

Erinnerung an eine Revolution als Lebenshilfe für die Gegenwart. Ob die Lichträume ihre Wirkung entfalten? Finale ist am 9. Oktober und Gesine Olthmanns meint:

Lichträume für Leipzig von Victoria Köln
Victoria Coeln mit Gesine Oltmanns vor der Nikolaikirche Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich fände es schön, wenn die vielen, die so ganz verschiedene Rollen hatten am 9. Oktober – auch die, die hinter der Gardine standen, die die auf der Straße waren, die Bereitschaftspolizisten, die in den Kasernen waren ... wenn die Lust hätten, sich da mal am 9. Oktober hier einzufinden, um miteinander jetzt wirklich die Demokratie zu feiern.

Gesine Oltmanns, Bürgerrechtlerin

In Leipzig habe es ja schon mal geklappt, dass man beispielgebend friedlich miteinander etwas demonstriert habe und nicht nur miteinander demonstriert habe, findet Coeln. "Vielleicht gelingt es ja noch einmal. Die Welt wird's brauchen."

Lichträume für Leipzig von Victoria Köln
Blick auf die Leipziger Oper am Augustusplatz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die sechs Lichträume für Leipzig In der Leipziger Nikolaikirche ist Anfang September der erste von sechs Lichträumen eröffnet worden. Zur Erinnerung daran, dass bei der Montags-Demo am 4. September 1989 erstmals sowohl die Rufe der Ausreisewilligen – "Wir wollen raus" – als auch die Losung "Wir bleiben hier" zu hören gewesen sein soll. Zur Eröffnung gab es auch einen "Dialog der Generationen".

Bis zum 9. Oktober kommen fünf Lichträume dazu. Jeder steht dabei für ein Thema, das an die Forderungen und Losungen der Friedlichen Revolution erinnern soll. Am 9. Oktober soll das Licht den ganzen Ring umspannen.


04.09. - Lichtraum 1: Nikolaikirche - "Wir sind das Volk." "Offen für alle."
09.09. - Lichtraum 2: Nikolaikirchhof - "Wir wollen raus!" - "Wir bleiben hier!"
16.09. - Lichtraum 3: Schwanenteich - "Schließt euch an!"
23.09. - Lichtraum 4: Runde Ecke - "Keine Gewalt!"
30.09. - Lichtraum 5: Goerdeler-Denkmal am Neuen Rathaus - "Jetzt oder nie - Demokratie"
07.10. - Lichtraum 6: Schillerpark (Lenné Parkanlage) - "Für ein offenes Land mit freien Menschen"

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 19. September 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. September 2019, 12:59 Uhr

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