Volker Braun
Volker Braun 2014 bei einer Lesung in Berlin Bildrechte: imago/gezett

80. Geburtstag Volker Braun – Inspiriert von der Widersprüchlichkeit der Welt

Volker Braun gehörte zu den bedeutendsten kritischen Schriftstellern der DDR. Nach dem Mauerfall bewahrte er sich seine Produktivität und setzte sein Schaffen nahtlos fort. Seit 1990 veröffentlichte er mehr als 20 Bücher. Dabei erstaunt immer die Vielfalt der Genres, die er beherrscht: Neben Theaterstücken verfasste er unter anderem Lyrik, Erzählungen, Romane und Essays. Am Dienstag wird der Künstler 80 Jahre alt. Eine Würdigung.

von Ulf Heise, MDR KULTUR

Volker Braun
Volker Braun 2014 bei einer Lesung in Berlin Bildrechte: imago/gezett
Volker Braun 4 min
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Unbequem zu sein und gegen den Stachel zu löcken, war stets Volker Brauns erklärte Devise. Während der deutschen Teilung ließ er sich weder im Osten noch im Westen politisch instrumentalisieren. Als linker Intellektueller in der Tradition Bertolt Brechts glaubte er an die Idee des Sozialismus, sah sich aber täglich mit den Auswüchsen des Stalinismus konfrontiert, die seine Träume zunichte machten.

Der Schmerz, den er empfand, als die DDR 1990 versank, durchströmt sein wahrscheinlich berühmtestes Gedicht "Das Eigentum":

Volker Braun: "Das Eigentum" Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen.
KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN.
Ich selber habe ihm den Tritt versetzt.
Es wirft sich weg und seine magre Zierde.
Dem Winter folgt der Sommer der Begierde.
Und ich kann bleiben wo der Pfeffer wächst.
Und unverständlich wird mein ganzer Text
Was ich niemals besaß wird mir entrissen.
Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen.
Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle.
Mein Eigentum, jetzt habt ihrs auf der Kralle.
Wann sag ich wieder mein und meine alle.

Bei Gedichten ist er "am meisten bei sich"

Volker Braun ist in seinem Denken ein Dialektiker. Die treibende Kraft seiner Inspiration speist sich aus der Widersprüchlichkeit der Welt. Das verwundert kaum, denn ursprünglich studierte der Schriftsteller Philosophie in Leipzig. Damals entwarf er erste Texte, die allerdings noch sehr systemkonform wirkten.

Doch spätestens nach dem Scheitern des Prager Frühlings entfernte er sich von der Staatsdoktrin. Diese Wandlung schlug sich auch darin nieder, dass er 1976 zu den Befürwortern der Protestresolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns gehörte. Zu dieser Zeit galt Volker Braun neben Peter Hacks und Heiner Müller als wichtiger Theaterguru, doch für ihn standen die Bühnenstücke nie im Zentrum seines Schaffens, denn er begriff und begreift sich primär als Lyriker.

Bei denen, die auch Gedichte schrieben, so Braun, sei das der Kern der Arbeit. Goethe habe vom "Hauptgeschäft" gesprochen: "Aber das ist ja kein Geschäft, was man sozusagen hauptsächlich betreibt. Es ist ein ganz beiläufiges, unangestrengtes Geschäft. Aber es ist das Hauptgeschäft, in dem Sinn, dass man da vielleicht am meisten bei sich ist und versucht, sich wirklich auszusprechen", erklärt Braun.

Experimentelles mit spöttischer Note

Volker Braun, Schriftsteller
Volker Braun Bildrechte: imago/gezett

Unter den Gegenwartsautoren bewegt sich Volker Braun thematisch und gestalterisch auf einem Niveau mit Hans Magnus Enzensberger. Oft verleiht eine spöttische Note seinen experimentellen Arbeiten die Würze. Ganz egal, ob er nun Verse oder Prosa zu Papier bringt, seine Sprache mutet stets pointiert und zugespitzt an.

Das zeigt sich nicht zuletzt an seinen gerade unter dem Titel "Handstreiche" publizierten Aphorismen, die von klugen Vorbildern wie Karl Kraus oder Georg Christoph Lichtenberg künden. Wegen der ausnahmslos hohen stilistischen Qualität seiner Werke erhielt er bereits 2000 den Georg-Büchner-Preis. Das Feine an dem Preis ist für Volker Braun, dass damit immer wieder "an diesen Jüngling erinnert wird, der mit 22, 23 Jahren einzigartige Texte geschrieben hat, die in ihrer sozialen Entschiedenheit einer Herausforderung für alle Zeit bleiben."

Schönheit und Schrecken – das war unsere ästhetische Erziehung.

Volker Braun

Prägende Kindheit im Nachkriegs-Dresden

Als Quelle für Volker Brauns Dichten darf die Kindheit nicht unterschätzt werden. Der gebürtige Dresdner besaß einen kunstsinnigen Vater, der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges als Soldat fiel. Die Geschichte seiner Familie schilderte er 2007 in dem sehr berührenden Buch "Das Mittagsmahl". Bis heute verweist er immer wieder auf die prägenden Jahre im zerbombten Elbflorenz.

Er erzählt davon, wie er dort "in schönster Natur am Rand einer Trümmerstadt" aufgewachsen sei: "Selbst diese Ruinen in der Abendsonne, diese rosigen barocken Fassaden, hatten noch eine Würde. Man ahnte noch die Schönheit. Also: Schönheit und Schrecken – das war unsere ästhetische Erziehung."

"Training des aufrechten Ganges" hieß einer der frühen Gedichtbände von Volker Braun. Diese Formulierung ist der Nenner, auf den man das Leben und Schreiben dieses Nachfahren der Aufklärer ohne jeden Zweifel bringen kann.

Aktuelles Buch Aphorismensammlung "Handstreiche"
Suhrkamp
94 Seiten
18 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Mai 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Mai 2019, 10:56 Uhr

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