Aschesäule des Zentrums für Politische Schönheit
Die Gedenksäule wurde im Berliner Regierungsviertel ausgestellt. Bildrechte: dpa

Debatte um Umgang mit menschlichen Überresten Volkhard Knigge: Aschesäule des ZPS wirft Fragen auf

Das Zentrum für Politische Schönheit hat in Berlin eine Stahlsäule mit der Asche von Holocaust-Opfern errichtet, begleitend mit dem Vorwurf, dass sich bislang niemand um diese menschlichen Überreste kümmere. Vom Internationalen Auschwitz-Komitee ernteten die Aktionskünstler dafür Kritik, diese Art der Demonstration sei pietätlos, erklärte es in einer Pressemitteilung. Und auch der Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Volkhard Knigge, kann sich im Interview mit MDR KULTUR nicht mit der Aschesäule anfreunden.

Aschesäule des Zentrums für Politische Schönheit
Die Gedenksäule wurde im Berliner Regierungsviertel ausgestellt. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Herr Knigge, wie ist Ihre Haltung - begrüßen Sie die Aktion des Zentrums für Politische Schönheit?

Volkhard Knigge: Ich sehe es als ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite haben wir von den Gedenkstätten uns europaweit, insbesondere aber auch in Auschwitz, mit der Frage der menschlichen Überreste beschäftigt. Sowohl mit denen, die sich in ganz traditionellen Museen befunden haben, als auch mit diesen überall zu findenden Leichenbrandresten aus den Krematorien. Ich erinnere mich an große Tagungen in Auschwitz, als es um die Restaurierungen ging, wo man, sobald man mit dem Spaten – etwas banal gesagt – in die Erde stach, immer auf menschliche Aschereste stieß.

Volkhard Knigge
Volkhard Knigge leitet seit 1994 die Gedenkstätten-Stiftung. Bildrechte: dpa

Die Kollegen dort haben Rabbiner hinzugezogen, mussten ständig bestatten. Deswegen: Diese Frage ist in den 90er/2000er-Jahren sehr intensiv diskutiert worden. Dann ist sie ein Stück weit in Vergessenheit geraten. Deswegen sehe ich das eben auch als zweischneidiges Schwert: Es geht einerseits um den Respekt vor den Toten, die Nichtinstrumentalisierung der Toten und die Nichtstörung der Totenruhe. Aber es geht andererseits auch darum, das Schweigen der Nachlebenden und diese Ruhe zu stören. Die Frage ist nur, ob das Mittel dafür das richtige ist.

Sie kritisieren also die politische Vereinnahmung, die nun stattfindet?

Das Zentrum für Politische Schönheit ist jetzt herausgefordert, sehr genau zu belegen, zu argumentieren und auch zu dokumentieren: Woher stammen diese menschlichen Überreste? Wie sind sie geborgen worden? Hat man Rücksicht auf die jüdischen religiösen Belange genommen? Wie ist man mit diesen menschlichen Überresten auf dem Transport nach Berlin umgegangen? Und wie wird man mit ihnen umgehen, wenn man dieses ephemere Denkmal wieder abbaut?   

Es geht wirklich um die Dokumentation. Es ist richtig, dass die Nationalsozialisten menschliche Überreste, Asche, breit verstreut haben. Wir hatten auch in Buchenwald ein zu DDR-Zeiten komplett aus den Augen verlorenes Aschegrab, das wir Anfang der 90er-Jahre wieder entdeckt und dann zum Denkmal umgestaltet haben. Das gehört zu diesen Massenverbrechen dazu. Aber es gehört eben auch diese kriminologisch-genaue Dokumentation der Fundstellen dazu. Es geht also um Genauigkeit, um ethische Sorgfalt. Und da sehe ich das Zentrum für Politische Schönheit in einer auch ethisch begründbaren Auskunftspflicht.  

Das Zentrum für Politische Schönheit passt natürlich perfekt in unsere Aufmerksamkeitskultur: Alle schauen plötzlich hin. Könnten Sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen? Sie beschäftigen sich ja mit dem gleichen Themenfeld.

Die Gedenkstätten arbeiten mit ruhiger Hand, nicht mit dem Schrillen. Auch, wenn wir provokative Aktionen in diesen Zeiten durchaus für geboten halten. Wir sehen ja, dass die politischen Gifte, die zum Nationalsozialismus beigetragen haben, wie das völkisch-autoritäre und antidemokratische Denken, Stichwort AfD, um sich greift. Aber das Schrille hat eben immer auch den unerwünschten Effekt, dass es sehr schnell verpufft und verraucht und dass man an den eigentlichen Sachverhalten vorbei diskutiert.

Philipp Ruch
Das Zentrum für Politische Schönheit ist ein Projekt des Aktionskünstlers Philipp Ruch. Bildrechte: Candy Welz

Zum Schrillen gehört hier, dass man im Zentrum für Politische Schönheit offenbar nicht mehr vor Augen hat, dass dieses Thema tatsächlich kein neues Thema ist, sondern dass man sich damit europaweit intensiv auseinandergesetzt hat. Wie geht man zum Beispiel mit dem Frauenhaar in Auschwitz um, von dem man nicht wusste, wie man es konserviert? Wir in Buchenwald mussten diskutieren, wie man mit den tätowierten Hautstücken umgeht, die ein SS-Arzt gesammelt hat, um damit abstruse rassistische Theorien zu belegen.

Sie sagen also, die Diskussion ist in den Gedenkstätten und Museen schon längst angekommen?

Es wird breit diskutiert! Und ich glaube, es hat keinen Sinn, die Gesellschaft insgesamt aus den Gründen der Schrillheit zurück zu definieren als eine "Totalverdrängungsgesellschaft". Das ist nicht mehr der Fall, die Situation ist differenzierter. Es gibt auch Gegenwehr in der Gesellschaft gegen das Wiederaufkommen dieses völkisch-nationalen, rassistischen Denkens.

Was mir an diesem Projekt ebenfalls zweifelhaft erscheint – und da wird es dann schwierig – ist, dass es sich automatisch nur gegen konservative Abgeordnete richtet. Wir wissen aus der Nachgeschichte nach 1945, dass so gut wie alle Parteien ehemalige Nationalsozialisten in der Bundesrepublik integriert haben. Das haben Sozialdemokraten gemacht, das hat die FDP gemacht. Es ist also keine Geschichte, die jetzt nur CDU-Abgeordnete angeht. Auch hier müsste man also treffschärfer argumentieren.

Das Interview führte Tino Dallmann für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kultur kompakt | 04. Dezember 2019 | 06:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Dezember 2019, 04:00 Uhr

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