Autos im Stau
Mobilität? Bildrechte: IMAGO/Ralph Peters

Neues Sachbuch "Vollbremsung" – Warum wir ohne Autos besser leben

Werden wir künftig mit E-Autos in den nächsten Stau brettern? Der Soziologe Klaus Gietinger hält nichts davon. Er empfiehlt in seinem Buch die "Vollbremsung", um unser Konzept der Mobilität grundsätzlich neu zu denken. Denn der Preis – etwa mit Blick auf die Zahl der Verkehrstoten oder die Abgasbelastung – sei zu hoch. Das Argument, dass Aufschwung und Wohlstand in Deutschland nur mit der Autobranche gewährleistet werden können, lässt er nicht gelten. Dafür sei viel zu gewinnen.

von Hans-Michael Marten, MDR KULTUR

Autos im Stau
Mobilität? Bildrechte: IMAGO/Ralph Peters

"Das Auto muss weg, damit wir überleben können", sagt der Soziologe Klaus Gietinger. Das klingt verwegen, weil das Auto den Deutschen doch so viel bedeutet: Vollgas, linke Spur, am besten ohne Tempo-Limit, sind wir doch "freie Bürger". Aber bitte mit Assistenzsystemen, die sicherstellen, dass wir trotz Fahrfehler nicht aus der Spur getragen werden. Draußen die Landschaft bei 190 vorbeigleiten sehen. Wie romantisch! Das Auto als erweitertes Ich. Unantastbar.

Soziologe Klaus Gietinger empfiehlt die "Vollbremsung".
Warum das Auto keine Zukunft hat und wir trotzdem weiterkommen, sagt uns Klaus Gietinger. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Missverständnis, meint Gietinger, noch dazu ein gefährliches, das unser Leben zerstört.

Er fordert in seinem Buch eine "Vollbremsung".

Er hält das Auto für eine "Fehlentwicklung der Moderne":

Es gaukelt einem Individualität und Freiheit vor, die gar nicht so vorhanden ist. Es ist darüber hinaus gefährlich, man könnte es sogar als Massenvernichtungswaffe bezeichnen.

Klaus Gietinger, Soziologe

Der Preis der Auto-Mobilität

Soziologe Klaus Gietinger empfiehlt die "Vollbremsung".
Weltweit 1,3 Mio. Unfalltote Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Deutschland sterben etwa zehn Menschen am Tag bei einem Verkehrsunfall – vielleicht genau jetzt wieder einer. Weltweit sind es 3.700 Menschen, also rund 1,3 Millionen im Jahr. So bilanziert die Weltgesundheitsorganisation den Preis der Mobilität. Irre Zahlen, wenn wir darüber nachdenken würden. Wieviel Stickoxide und Feinstaub in unsere Atemluft gelangen, lässt sich nur schätzen. 13.000 vorzeitige Todesfälle durch Abgase sollen es im Jahr allein in Deutschland sein. Selbst wenn es weniger sind – der Preis ist hoch.

Man verbringt Stunden im Auto und nennt das Mobilität. Auch das: Ein Paradox. Denn die Straßen in den Ballungsgebieten sind immer verstopft. Hingegen geht auf dem Land heute, mangels Nahverkehr, ohne Auto nichts mehr, wird immer wieder beklagt. Dennoch kommen Studien zu dem Ergebnis, dass nur 20 Prozent aller Fahrten notwendig sind, der Rest ist so genannter Einkaufs- und Spaßverkehr: "Mobilität heißt eigentlich nur, dass man sich bewegen kann. Das muss man aber nicht unbedingt mit einem Motor tun. Wir wurden so getrimmt, dass wir immer schneller und immer weiter fahren wollen. Es ist eine Art Droge, wir sind Junkies und die Autoindustrie ist eine Art Drogenkartell."

Polemik? Mag sein. Aber wer sich Auto-Werbung genauer anschaut, hat den Eindruck, sie ziele auf die Vernebelung klaren Denkens. Inzwischen wissen wir, dass die Auto-Industrie uns täuscht, Abgaswerte fälscht, Verbrauchswerte schönredet, Gesundheitsrisiken hinnimmt. Auch mit dem Argument, dass das Ende des Verbrennungsmotors 600.000 Arbeitsplätze in Deutschland vernichten würde. Zehn Prozent der Industriebeschäftigung. Das sei verlogen, kontert Gietinger. Die Industrie könne zum Beispiel mit dem Ausbau des Nahverkehrs ebenso große Profite machen.

Mit der Idee von Aufschwung und Wohlstand verknüpft

Adolf Hitler begutachtet auf der Rückbank sitzend den ersten Wagen vom Typ Käfer, der 1936 bei der Gesellschaft zur Vorbereitung des deutschen Volkswagens in Stuttgart nach den Entwürfen des Automobilkonstrukteurs Ferdinand Porsche (M, ohne Kopfbedeckung) gebaut wurde (undatiertes Archivfoto).
Hitler begutachtet den ersten Wagen vom Typ Käfer, der 1936 bei der Gesellschaft zur Vorbereitung des deutschen Volkswagens nach Entwürfen von Ferdinand Porsche gebaut wurde. Bildrechte: dpa

Das leicht irrationale Verhältnis der Deutschen zum Auto begründen Experten mit seiner Geschichte. Schließlich wurde es in Deutschland erfunden. Der dreirädrige Benz Patent-Motorwagen von 1886 gilt als erstes Automobil. Später kreierten Ferdinand Porsche und Adolf Hitler gemeinsam den "Volkswagen" zur Massenmobilisierung. An Privatleute wurde der dann nicht, dafür das Modell "Kübelwagen" in Kriegsdienste gestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielt das Auto eine zentrale Rolle für das Wirtschaftswunder im Westen Deutschlands nach dem Krieg. Im kollektiven Unterbewusstsein scheint das Auto mit der Idee von Aufschwung und Wohlstand verknüpft zu sein. Doch diese Erfindung ist natürlich auch ein Welterfolg und damit ein globales Problem, wie der Soziologe Klaus Gietinger deutlich macht.

Also weiter so: Jetzt mit E-Autos in den nächsten Stau?

Soziologe Klaus Gietinger empfiehlt die "Vollbremsung".
Was kommt nach dem Auto? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vor wenigen Jahren noch waren es 50 Millionen Autos im Jahr, 2018 wurden 100 Millionen Autos produziert. Die Zahl hat sich also in wenigen Jahren verdoppelt. Es wird einem vorgegaukelt, dass allein die Technik unsere Verkehrsprobleme lösen könnte. Das ist völlig falsch meiner Ansicht nach. Es hat keinen Wert, den Motor auszutauschen, aus einem Benziner oder Diesel ein Elektroauto zu machen und zu glauben, man könnte weiter die ganze Welt mit Autos bestücken. Doch genau daran arbeiten die Hersteller. Technologisch wird alles getan, um das Auto, egal mit welchem Antrieb, ob mit oder ohne Fahrer, zu erhalten.

Mobilität ohne Auto, wie Gietinger sie fordert, ist ein Tabu, scheint unvorstellbar. Der Glaube ans Auto ist Weltreligion. Wer sie in Frage stellt, gilt als Spinner. Zu Recht?

Ich finde, wir müssen uns den Stadtraum zurückerobern, so dass wir in dieser Stadt auch leben können und nicht immer Stau und Lärm und Dreck und Verkehrstote haben.

Klaus Gietinger, Soziologe

Angaben zum Buch Klaus Gietinger
Warum das Auto keine Zukunft hat und wir trotzdem weiterkommen
Westend, 160 Seiten
9783864892806
16,00 Euro

Stichwort: Das erste "Wagen ohne Pferde" 1886 erteilt das Reichsamt das Patent unter der Nummer 37435 – für ein dreirädriges motorbetriebenes Fahrzeug, ein so genanntes Tricycle. Das Gefährt hat eine Leistung von 0,8 PS und schafft maximal 18 km/h. Sein Erbauer ist der 42-jährige Ingenieur Carl Benz.

15 Jahre arbeitete er in Mannheim an einem selbstbeweglichen schienenlosen Fahrzeug, doch die Öffentlichkeit zeigt zunächst kein Interesse an dem "Wagen ohne Pferde".

Immerhin gewinnt das Fahrzeug dann doch noch Anerkennung, auch bei der Pariser Weltausstellung 1889. Benz arbeitet unermüdlich an der Verbesserung seines Vehikels und entwickelt zahlreiche Autokomponenten weiter, darunter Viertaktmotor, Zündkerzen, Vergaser und Kühler.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 04. Juli 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Juli 2019, 04:00 Uhr

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