Gespräch zum 50. Todestag des Philosophen "Es gibt kein richtiges Leben im falschen" – Warum Adorno zu lesen lohnt

Als Freund der Vernunft gilt Theodor. W. Adorno. Zu Zeiten der Studentenbewegung lag der Vertreter der "Kritischen Theorie" durchaus im Streit mit den jungen Rebellen; nicht darüber ob, sondern wie man Opposition ausüben sollte, etwa gegen die neu erstarkende Rechte. Einer seiner Vorträge aus dem Jahr 1967 entwickelt sich jetzt zum Bestseller. Was den Philosophen so aktuell macht, fragen wir Detlev Claussen, der in den Sechzigern bei ihm studierte und später eine Adorno-Biografie geschrieben hat.

Heinrich Böll, Theodor Adorno und Siegfried Unseld 1968
Nicht ob, sondern wie Widerstand zu leisten sei, darüber stritt Theodor W. Adorno (M.) mit seinen Studenten. Hier sehen wir ihn zusammen mit Schriftsteller Heinrich Böll (links) und Suhrkamp-Verleger im Mai 1968 bei einer Veranstaltung gegen die Notstandsgesetze. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Sie haben bei Adorno studiert in den Sechziger Jahren, war das eine gute Zeit für Sie?

Detlev Claussen: Ja, eine wunderbare Zeit. Ich hatte einen Vortrag von ihm gehört, über Fortschritt, da wusste ich sofort, dass ich bei ihm studieren wollte.

Warum?

Es war die Klarheit des Vortrags. Er war außerdem auch derjenige, der an der vorherrschenden Philosophie in Westdeutschland Kritik übte, nämlich an Heidegger.

Die Sechziger waren die wilde Zeit der Studentenbewegung, mit der Adorno allerdings durchaus auch Probleme hatte, oder?

Ja, man müsste eher sagen Konflikte. Ich war einer unter den Vielen, die extra wegen Adorno nach Frankfurt/Main gekommen waren. Es gab Auseinandersetzungen auf der Ebene, wie und nicht ob Opposition ausgeübt werden kann. Da hat er der Studentenbewegung oder uns, den Leuten vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), vorgeworfen, dass wir zu aktionistisch seien und zu wenig die Folgen sähen, worauf das hinausläuft, was wir tun. Da muss ich ihm nachträglich in vielem Recht geben.

Was würden Sie sagen, sind seine Bücher, seine Gedanken und Theorien heute interessant auch für Menschen aus dem nicht-akademischen Milieu?

Auf jeden Fall sollte man Adorno heute lesen!

Was sollte man lesen, wenn man sich neu mit ihm befassen möchte?

Wer ernsthaft einsteigen möchte, sollte sich die Vorlesungen von ihm ausleihen. Darin führte er ja seine Studenten an sein Denken heran, so bieten sie einen sehr guten Einstieg. Unbedingt lesen sollte man auch seine Essay-Bände "Prismen", "Stichworte" oder "Eingriffe". Das sind alles kleine Bände. Wer ein Verhältnis zur Literatur hat, für den lohnen sich seine "Noten zur Literatur". Das sind auch Essays. Man muss erstmal gar nicht zu den großen Werke zu greifen, um sich dem Denken von Adorno zu nähern.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Theodor W. Adorno, Minima moralia

Einer seiner Vorträge aus dem Jahr 1967 machte jetzt Furore, nämlich seine Gedanken zu "Aspekten des neuen Rechtsradikalismus", die auch den Nerv unserer Zeit zu treffen scheinen ...

Ja, dieser Vortrag zeigt vor allem sehr schön, dass man über Rechtsradikalismus nachdenken kann, ohne in unmittelbare Polemik zu verfallen.

Gibt er uns denn Mittel an die Hand, um gegen Rechtsradikalismus vorzugehen? Es scheint so, dass seine Vorstellung von einem mündigen Menschen in einer vernünftigen Gesellschaft an der Irrationalität des Hasses und der Ausgrenzung auch scheitern könnte.

Es geht ihm nicht darum, unmittelbare Handlungsanweisungen zu entwickeln, sondern erstmal zu kapieren, wie es zu diesen Verhaltensweisen kommt.

Gibt es einen Kerngedanken, der uns hilft, Rechtsradikalismus zu verstehen bzw. wie sich eine so menschenverachtende Gedankenwelt verbreiten kann?

Ja, ich denke schon. Gerade für Menschen, die sonst eher nicht in der Position sind, Macht auszuüben, ist der Rechtsradikalismus sehr attraktiv. Die damit verbundene Gedankenwelt schafft die Möglichkeit, andere zu erniedrigen, das Erlebnis, dass es Spaß machen kann, Macht oder Gewalt auszuüben. Gleichzeitig verbunden ist die Spekulation darauf, dass etwas, was man selber tut oder worüber man spricht, dass man damit auf ein heimliches Einverständnis mit der Mehrheit spekulieren kann.

Das Interview führte Vladimir Balzer für MDR KULTUR.

Über Adorno - Buchtipps Detlev Claussen: "Theodor. W. Adorno - Ein letztes Genie"
Fischer Taschenbuch, 2019
512 Seiten
ISBN: 978-3-596-15960-4
12,00 Euro

Theodor W. Adorno: "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus – Ein Vortrag"
Mit einem Nachwort von Volker Weiß
Suhrkamp Verlag, 2019
ISBN: 978-3-518-58737-9
10,00 Euro

Suhrkamp gibt die Vorträge heraus, die Theodor W. Adorno, in den 50er-/60er-Jahren zu aktuellen Themen aller Art gehalten hat. In diesem Band entlarvt er den Rechtsradikalismus nicht als Geist der Ewiggestrigen, sondern als Symptom unserer eher Markt-, denn von Demokratie bestimmten Welt.

Zur Person: Theodor W. Adorno Der Philosoph, Soziologe und Kunsttheoretiker Theodor W. Adorno (1903-1969) gilt heute vielen als verstaubt, dabei war er ein Medienstar seiner Zeit.

Geboren in Frankfurt/Main und musisch erzogen, erwies er sich schnell als hochbegabt, machte als Jahrgangsbester Abitur, bekam schon mit 21 seinen Doktortitel in Philosopie. Danach ging er nach Wien, wo er bei Alban Berg Komposition studierte und flammende Plädoyers für Zwölftonmusik schrieb. Zurück in Frankfurt arbeitete er an seiner Habilitation über den dänischen Philosophen Søren Kierkegaard. 1933 entzogen ihm die Nazis wegen seines jüdischen Vaters die Lehrbefugnis.

Nicht sein zum Protestantismus konvertierter Vater, erst Hitler habe ihn zum Juden gemacht, sagte Adorno später. In der Emigration in den USA entstanden seine Hauptwerke "Dialektik der Aufklärung" und "Minima Moralia" mit seinem wohl berühmtesten Satz: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen."

1953 kehrte Adorno nach Frankfurt zurück und wurde Professor für Philosophie und Soziologie am Institut für Sozialforschung, der Geburtsstätte der Frankfurter Schule. Sein Einfluss auf die Studenten der 68er-Generation war enorm. Seinen Vortrag "Zur Aktualität des neuen Rechtsradikalismus" hielt er 1967 auf Einladung vor Studenten in Wien. Anlass waren die Erfolge der NPD, die nach ihrer Gründung 1964 in kurzer Zeit in die Landtage von Hessen, Bayern, Bremen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Schleswig-Holstein einziehen konnte. 1968 beteiligte er sich am Aufruf von Wissenschaftlern, Künstlern und Intellektuellen gegen die Notstandsgesetzgebung.

Das könnte Sie auch interessieren

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. August 2019 | 08:10 Uhr

Abonnieren