Neurologe Eckart Altenmüller im Interview Warum Musik gut tut, aber auch krank machen kann

Bald sitzen wir unterm Tannenbaum, die Kinder sollen ein Lied singen oder Blockflöte spielen. Sollen? Der Neurologe Eckart Altenmüller rät, die Hausmusik nicht zur Leistungsschau zu machen. Doch wenn sie aus Spaß an der Freude gelingt, "dann finden wir im Klang zusammen", sagt der Musikermediziner. Im Gespräch verrät der Professor, warum gemeinsames Musizieren gesund ist. "Überromantisieren" dürfe man das Ganze aber nicht, sagt er in Erinnerung an einen Auftritt seiner Brüder, der eskalierte.

Eckart Altenmüller sitzt mit dem Modell eines Gehirns in den Händen an einem Klavier.
Prof. Eckart Altenmüller ist Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Immer von Musik umgeben zu sein, ist gar nicht so selbstverständlich. Noch im 19. Jahrhundert war es gang und gäbe, dass man, wenn man Musik wollte, entweder ins Konzert gehen oder sie selber machen musste. Heutzutage haben wir sie ständig bei uns, auf dem Smartphone, im Radio. Aus Ihrer Sicht ist das ja eigentlich eine negative Entwicklung, oder?

Eckart Altenmüller, Neurologe und Musiker: Es ist in jedem Fall besser, aktiv Musik zu machen. Mit dem Aufkommen von Schallplatte, Radio oder den Neuen Medien gab es da eine Veränderung. Obwohl das eigene Musizieren für uns viel wichtiger ist, für die Gedächtnisbildung, für die Vernetzung der verschiedenen Hirnareale.

Was passiert im Gehirn, wenn ich musiziere?

Sehr viel. Das fängt mit dem Hörzentrum in den Schläfenlappen an. Dann haben wir die Regionen, die für die Bewegungsprogrammierung zuständig sind. Dann kommen über die Körper-Eigenwahrnehmung auch Gefühle ins Spiel. Da wir oft Noten lesen müssen, ist das Sehzentrum aktiv. Dann bewerkstelligt unser Kleinhirn die feinmotorische Koordination. Darüber hinaus kommt es darauf an, die ganzen Steuerprogramme im richtigen Moment zu starten und zu beenden. Das läuft über die so genannten Basalganglien. Da wir gefühlvoll spielen wollen, ist unser limbisches System angesprochen. Eigentlich ist also gesamte Gehirn in Aktion, wenn ich Musik mache.

Was daran ist gesund?

Ein Instrument zu spielen oder auch zu singen, das ist ja etwas sehr Körperliches. Wenn jemand ein Instrument oder singen lernt, dann lernt er auch, seinen Körper kennen und beherrschen. Dazu gehört eine gute Haltung, ein guter Stand, eine gute Wahrnehmung der eigenen Spannungen, dass man die Schultern nicht hochzieht, wenn man nervös ist. Auf eine gute, durchlässige Atmung kommt es ebenso an, beim Gesang oder bei Blasinstrumenten. Schließlich muss die feinmotorische Koordination stimmen, die Muskulatur richtig arbeiten. Nicht zu vergessen führt die Freude, die Motivation zur Ausschüttung von positiven Neurohormonen wie Dopamin, die wiederum die Körperabwehr stärken. So wissen wir zum Beispiel, dass Chorsänger, vor allem Amateur-Chorsänger durch ihre Gemeinschaftserlebnisse mehr Abwehrstoffe bilden. Man könnte also sagen, Chorsingen stärkt das Immunsystem. Ob es auch gegen Grippe hilft ... Wahrscheinlich ist eine Impfung trotzdem gut, wenn sie so viele Menschen bei Proben oder Konzerten treffen.

Landläufig heißt es ja auch, dass Musizieren intelligent mache. Was ist da dran, kann man das so pauschal sagen?

Kommt drauf an, was man unter Intelligenz versteht. Was sich auf jeden Fall bei musizierenden Kindern und Erwachsenen verbessert, ist die Kontrolle der sogenannten exekutiven Funktionen, die mit der Planung, mit der Aufmerksamkeitssteuerung zu tun haben, mit dem Umsetzen von Dingen, die man sieht, in Bewegungen. Das alles wird durch das Musizieren gefördert, und dann auch im Alltag abrufbar.

Der eigentliche Intelligenzquotient setzt sich aus sehr vielen Faktoren zusammen. Viele der üblicherweise getesteten Faktoren, etwa die visuell-räumliche Intelligenz, werden durch das Musizieren nicht in bedeutsamer Weise beeinflusst. Viel wichtiger ist, dass das Musizieren bei Kindern, Jugendlichen und eigentlich auch bei Erwachsenen zu mehr emotionalen Kompetenzen führt, zu mehr Selbstbewusstsein. Es erlaubt eine bessere Einsicht in die eigene Gefühlslage und eine erhöhte Aufmerksamkeit für die Gefühle anderer Menschen. Das ist vielleicht der Punkt, der das gemeinsame Musizieren so wertvoll macht.

Andreas Kern am Piano 6 min
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Die Hausmusik-Iniative zum Beethoven-Jubiläum 2020 startete der Pianist Andreas Kern vor einem halben Jahr. Er wollte den 250. Geburtstag zum Anlass nehmen, um auch den Humanisten und also die Gemeinschaft zu feiern.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 13.12.2019 08:40Uhr 06:22 min

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Kann man sagen, dass eine bestimmte Musikrichtung gut fürs Gehirn ist? Sehnt es sich nach einer bestimmten Art von Musik?

Es ist nicht ganz klar, wie Vorlieben für bestimmte Musikrichtungen in uns entstehen. Ein Teil ist sicher frühkindliche Prägung. Ein Teil kann sogar angeboren sein, sodass wir von unserer Hörrinde her zum Beispiel hohe oder tiefe Frequenzen bevorzugen. Da gibt es Hinweise dafür. Auch die sogenannte Peergroup, also Klassenkameradinnen und Klassenkameraden, Freundinnen und Freunde, nimmt Einfluss. So formt sich unser Geschmack im Laufe der Persönlichkeitsbildung. Das lässt sich mit unserer Handschrift vergleichen. Die entsteht im Alter zwischen zwölf und 14, 15 Jahren. Die Unterschrift kristallisiert sich da beispielsweise heraus ...

Es ist eigentlich gleichgültig, ob ich Black Metal oder Monteverdi spiele. In allen Genres gibt es sehr gute Musik. Das bedeutet, sie ist vielfältig, mehrschichtig, besitzt viele Ebenen. Das finden Sie bei Black Metal ebenso wie bei Monteverdis "Orfeo". Für die Interpretinnen und Interpreten ist es immer so, dass sie sich auf höchstes Leistungsniveau begeben müssen, egal welches Genre sie pflegen. Das ist fürs Gehirn gleichermaßen anstrengend. Beziehungsweise gut, wenn die Musik es ist und ich sie auch positiv bewerte. Dann werden die Veränderungen im Gehirn viel deutlicher und nachhaltiger sein.

Gibt es aus Ihrer Sicht als Mediziner, der sie ja auch sind, konkrete Erkrankungen, wo Sie Hausmusik auf Rezept verordnen würden?

Das Musizieren ist für viele Menschen ein Kraftquell für die Seele. Gerade wenn sie sonst viel allein sind, fiebern sie die ganze Woche auf den Quartett-Abend hin oder freuen sich auf die Freundin, die vierhändig Klavier mit ihnen spielt. Das Musizieren ist wichtig für Menschen, die einsam und melancholisch gestimmt sind. Da haben wir in unserer Gesellschaft inzwischen viele. Das gemeinsame Musizieren kann ein wichtiger sozialer Ankerpunkt sein, der uns zeigt, dass wir nicht allein sind. Was uns Menschen erhält, ist das Netzwerk von Menschen, die mit uns sind.

Was kann Hausmusik innerhalb der Familie dazu beitragen?

Eine singende Familie
Hausmusik tut gut und macht Spaß - sollte aber kein Leistungssport sein, sagt Eckart Altenmüller. Bildrechte: imago/Westend61

In der Verhaltenswissenschaft würden wir von einem Koalitionssignal sprechen. Das heißt, Hausmusik schweißt zusammen. Beim gemeinsamen Musizieren finden wir im Klang zusammen, nicht über die Sprache. Das ist ein emotionaler Zugang zum anderen, der mit Worten unter Umständen nicht zu finden ist. Also, wenn Sie gemeinsam mit ihren Eltern oder Geschwistern Musik machen, dann sehen Sie sofort, ob der andere jetzt gerade rechthaberisch ist, ob er humorvoll oder traurig und seelisch überfordert ist.

Man muss allerdings sehen, in welchem Rahmen musiziert wird. Als Berufsmusiker kann das Ganze schnell sehr anspruchsvoll werden, sodass sich Kinder beispielsweise unter Druck gesetzt fühlen. Da muss man ein bisschen aufpassen, ab wann man überfordert oder das gemeinsame Musizieren sogar dazu dient, innerfamiliäre Spannungen und Konflikte auszutragen. Ich habe sieben Geschwister, wir haben immer vier- oder auch mal sechshändig zusammen gespielt. Und ich weiß noch, dass zwei meiner Brüder bei einem Konzert bei irgendeiner Schumann-Fantasie eine Prügelei begannen, weil einer den Einsatz verpasst hatte. Das war natürlich sehr peinlich.

Wir müssen Hausmusik also auch nicht überromantisieren. In dem Moment, wo das Ganze leistungsorientiert wird und das eigentliche Erleben des Musizierens in den Hintergrund tritt zugunsten des Ziels, besonders gut zu sein, besonders schön spielen zu wollen, in dem Moment kann es zu einer erheblichen Belastung werden. So kann man Kinder und Jugendliche letztendlich in die Depression treiben. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass professionelle Chorsänger eben nicht wie Amateure die Proben genießen. Sie reichern nicht Abwehrstoffe, also Immunglobuline im Blut an und schütten Dopamin aus, sondern Stresshormone! Ich erlebe das sogar an der Musikhochschule oder bei jungen Berufsmusikern: Manche kommen aus Elternhäusern, in denen die Zuwendung nur über die musikalische Leistung kanalisiert wurde. Die können später in große Krisen stürzen, weil sie sich zum Teil gar nicht autonom für die Musik entschieden haben.

Das klassische Blockflötenspiel unterm Tannenbaum ist also ein nicht ganz ungefährliches Ritual?

Auch das kommt auf die Familie an. Entscheidend ist der Geist, der hinter diesem gemeinsamen Musizieren steht. Wenn es nur eine Leistungsschau ist nach dem Motto: Bitte, spiel das Lied fehlerfrei. Oder: Du kannst ja nicht mal "Alle Jahre wieder". Jetzt hast du schon zwei Jahre Flötenunterricht, und es geht immer noch nicht. Das wird natürlich schnell zur Belastung. Wenn die Erwachsenen singen und das Kind gewissermaßen mitziehen, dann kann es aber ein sehr, sehr positives Erlebnis sein. Es kommt immer drauf an, wie der emotionale Kontakt zu dem Kind ist, wie viel Liebe da ist. Insgesamt kann es enorm bereichernd sein, in der Familie Hausmusik zu machen. Es ist eine der Möglichkeiten, den Kindern Aufmerksamkeit und Zuwendung zu geben und sie gleichzeitig mit einer wunderbaren Welt vertraut zu machen. Das ist in jedem Fall unterstützungswürdig.

Das Gespräch führte Felicitas Förster für MDR KULTUR.

Unser Tipp: Notenspur-Fest der Hausmusik am 14. und 15. Dezember 2019 in Leipzig – Beethoven bei uns Musiker ohne geeigneten Spielort treffen auf Gastgeber ohne Musiker. Sie können als Gast dabei sein bei der Hausmusik-Aktion "Beethoven bei uns".
Die Leipziger Notenspur-Initiative hat sie anlässlich des 250. Beethoven-Geburtstages 2020 organisiert.

Die Besucheranmeldung endet am 13. Dezember, 13 Uhr!
Kontakt: hausmusik@notenspur-leipzig.de

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Dezember 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Dezember 2019, 04:00 Uhr

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