Blick auf eine Kreuzung im Stadtbezirk Shinjuku in Tokio während der Dämmerung.
Bunt, hektisch und voll: Japan ist für viele Touristen erst einmal ein Kulturschock. Bildrechte: dpa

MDR-Sinfonieorchester auf Japan-Tour Warum Japaner klassische Musik lieben

Das MDR-Sinfonieorchester tourt durch Japan – und steht damit in einer langen Tradition Leipziger Musikensembles. Dabei stellt sich die Frage: Warum sind die Japaner so vernarrt in westliche klassische Musik?

von Felicitas Förster, MDR KULTUR

Blick auf eine Kreuzung im Stadtbezirk Shinjuku in Tokio während der Dämmerung.
Bunt, hektisch und voll: Japan ist für viele Touristen erst einmal ein Kulturschock. Bildrechte: dpa

100 Tage würde es dauern, würde man von Leipzig nach Tokio laufen. Man dürfte dabei keine einzige Pause einlegen. Mit dem Flugzeug überwindet man die Strecke – etwa zehntausend Kilometer – natürlich wesentlich schneller, an etwa einem halben Tag. Und doch berichten Besucher immer wieder, wenn sie einmal den Fuß auf japanischen Boden gesetzt haben: Die gefühlte Entfernung könnte kaum größer sein; es ist eine andere Welt:

Die Straßenschilder: für das touristische Auge eher Kunst statt Wegweiser. Der Niedlichkeitswahn, die vor Kitsch nur so triefende Anime-Kultur. Die Neongewitter in Tokios Vergnügungsviertel Shinjuku. Überhaupt Tokio, ein menschlicher Ameisenstaat. Am Flughafen Haneda – einem der größten Flughäfen der Welt – findet selbst die Religion ihren Platz. Zwischen einer Bank und einem Zahnarzt: ein Schrein zum Beten.

Nirgendwo sonst wird Beethovens Neunte so häufig aufgeführt

Allerdings: Wenn jetzt das MDR-Sinfonieorchester durch Japan braust – von Fukuoka über Sapporo und weitere Stationen geht es nach Tokio – da wird ihm nicht nur die Fremdartigkeit entgegenschlagen. Es wird auch eine starke Verbundenheit vorfinden, nämlich in der klassischen Musik. Denn die Japaner lieben Klassik.

Gemälde von Johann Sebastian Bach
Die Japaner verehren ihn: Johann Sebastian Bach Bildrechte: dpa

In kaum einem Land stehen so viele erstklassige Konzerthallen (wie die Sapporo Concert Hall oder die Suntory Hall, in beiden spielt auch das MDR-Sinfonieorchester). Nirgendwo sonst wird Beethovens neunte Sinfonie so häufig aufgeführt wie in Japan. Musiker aus Deutschland sind da natürlich höchst willkommen, insbesondere solche aus Leipzig. Denn Leipzig ist die Stadt Johann Sebastian Bachs – und den, so wird gesagt, verehren die Japaner wie einen Heiligen.

Längst ist Japans Liebe zur klassischen Musik nach Westen geschwappt: kaum ein Konzertsaal ohne Flügel von Yamaha, keine gute CD-Sammlung ohne Alben von Sony Classical. Japaner studieren an deutschen Musikhochschulen, spielen in deutschen Orchestern, auch im MDR-Sinfonieorchester. Manch ein Gewandhausmusiker heiratete eine Japanerin. Das berühmteste Beispiel: Kurt Masur und seine Frau Tomoko, die mittlerweile in Leipzig sein künstlerisches Erbe verwaltet.

Aber warum? Drei Theorien

Bleibt die Frage: Warum lieben die Japaner westliche Klassik? Dazu gibt es allerhand Theorien.

Die Schmeichelhafte:

"Dort steckt in allem so viel Sorgfalt, von der traditionellen Kunst bis hin zur Einrichtung der Wohnung," sagte die amerikanische Violinistin Anne Akiko Meyers, die selbst japanische Wurzeln hat. Sie sieht die Ursache in der japanischen Liebe zum Detail. "Darum verstehen sie die Sorgfalt, mit der wir Musiker etwas kreieren."

Die Sozialkritische:

Kristjan Järvi, Dirigent des MDR-Sinfonieorchesters auf dieser Reise, stellt in Japan eine Affinität zu Hierarchien fest: "Japan ist in dieser Hinsicht extrem traditionell." Eine Hierarchie sei auch in der Musik zu finden. Bach, Beethoven, Brahms und Konsorten stünden darin ganz oben – und daher bei Japanern hoch im Kurs.

Die Historische:

Ende des 19. Jahrhunderts führt die Meiji-Restauration zu einer Öffnung Japans nach Westen. Aus Deutschland wurden Musiklehrer angeworben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der Schule fast nur noch klassische Musik unterrichtet, die traditionelle japanische Musik in den Hintergrund gedrängt. So ist es mehr oder weniger bis heute.

Die Liebe der Japaner zu klassischer Musik lässt sich nicht leicht ergründen. Auch das MDR-Sinfonieorchester wird sie wohl nicht ganz begreifen können. Aber es darf während seiner Tournee gut zwei Wochen nun darin baden.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Oktober 2019 | 06:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2019, 17:37 Uhr

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