Interview Warum Stille gut tut

Die Arbeit nimmt überhand, die Kollegen nerven und zuhause geht der Stress weiter. Es ist nicht einfach, zur Ruhe zu kommen. Die wachsende Sehnsucht nach Stille hat inzwischen einen Markt geschaffen: von Meditationsbüchern über Yogakurse bis hin zur Auszeit im Kloster. Dass Menschen Rückzugsmöglichkeiten brauchen, bestätigt auch Psychologin Britta Hölzel. Momente der Stille seien überlebenswichtig. Im Interview erklärt sie unter anderem, wie Meditation auch bei Depressionen, Ängsten und Schmerzen helfen kann.

MDR KULTUR: Was passiert in unserem Kopf, wenn ich beispielsweise Dauerlärm ausgesetzt bin, etwa weil ich an einer viel befahrenen Straße wohne oder auf einer Baustelle arbeite?

Britta Hölzel: Lärm ist tatsächlich ein großer Faktor, der Stress erzeugt. Stress beeinflusst die Funktionsweise des Gehirns und kann richtig Schaden anrichten: Regionen, die mit Angst- und Stressverarbeitung zu tun haben, werden stärker beansprucht. Wenn das chronisch wird, man also dauernd in Anspannung ist, kann es zu einer Gewebeschädigung kommen. Da wissen wir zum Beispiel, dass in der Region, die sich Hippocampus nennt, Nervenzellen absterben können.

Welchen Effekt bringen Ruhepausen, also ein Spaziergang, ein paar ruhige Gymnastikübungen oder einfaches Dasitzen und Löcher in die Luft gucken?

Es gibt Untersuchungen, die zeigen, das Ruhe gut tut und Meditation echte Effekte hat. Wir haben gerade vom Hippocampus gesprochen. Eine aktuelle Studie hat gerade ergeben, dass sich das Gewebe in dieser Region bereits nach acht Wochen wieder regenerieren, also verdichten kann. Bei Menschen, die regelmäßig meditieren.

Das ist eine gute Nachricht!

Ja, eine Supernachricht, denn sie bedeutet, dass es Möglichkeiten gibt, Schäden wieder zu beheben, wenn man entsprechende Praktiken lernt.

Viele Menschen nehmen sich nicht die Zeit für solche kleinen oder größeren Pausen. Zumal in Zeiten des Smartphones, da gibt es immer noch eine Nachricht zu checken. Warum fällt es uns so schwer, wirklich abzuschalten?

Es ist einfach Standard in unserer Kultur, dass wir dauernd erreichbar sein sollen oder wollen. Und der Griff zum Telefon ist auch viel einfacher, als sich aktiv eine Auszeit zu nehmen. Das geht natürlich auch über unser inneres Belohnungssystem. Wenn wir irgendwas Spannendes, Neues, Interessantes sehen, dann kommen entsprechende Signale. Und so bleiben wir dran.

Jetzt frage ich Sie als Achtsamkeitstrainerin: Lässt sich Still-Halten lernen?

Absolut ja, es lässt sich lernen, und es ist auch sehr lohnenswert, wie Studien zeigen. Es gibt dafür Kurse, ein Standardprogramm dauert meist acht Wochen. Die Leute lernen darin, wie sie trotz all der Gedanken, die ihnen vielleicht im Kopf rumschwirren, in die Entspannung kommen können.

Sie sagen, Tagträumen, einfach nur in die Luft gucken, die Stille genießen, das sei alles andere als verlorene Zeit. Was gewinnen wir dabei?

Wir sehen in der Forschung, dass es gut für die psychische Gesundheit ist. Achtsamkeits- und Meditationsübungen können helfen bei Depressionen, Angsterkrankungen, auch bei Schmerzen. Es ist insgesamt gut, sich Auszeiten zu nehmen. Oft ist es nur nicht so einfach, denn der Kopf rattert ja weiter. Wir sind als Menschen ein Stück weit so gebaut, dass wir immer schon überlegen, was als Nächstes zu tun sei oder wie wir Schwierigkeiten angehen könnten. Das ist normal, aber führt dazu, dass wir nicht in die Ruhe kommen, die wir bräuchten, um richtig zu entspannen. Denn das Gedankenkarussel hält den Körper weiter im Stress. Deswegen ist es sinnvoll zu lernen, wie man damit so in Kontakt treten kann, dass Entspannung möglich wird.

In den großen Religionen suchen Gläubige oft bewusst die Abgeschiedenheit. Wir haben alle von Eremiten gehört oder von der Wüste, in der man Gott nahe zu kommen sucht. Was steckt aus Sicht der Hirnforscherin hinter diesen Konstrukten, Gott oder sich selbst so näherkommen zu wollen?

Ich kenne dazu keine wissenschaftlichen Studien. Aber was da passiert, ist ja, dass man in dieser Abgeschiedenheit dennoch eine Verbundenheit empfindet, Vertrauen in eine höhere Macht, dass man zur Ruhe kommt. Das bedeutet neurowissenschaftlich betrachtet, dass man nicht mehr so angetrieben ist, nicht so impulsgesteuert, wie wir das in unserer heutigen Zeit häufig sind in unseren Hamsterrädern, sondern dass man wieder in Kraft kommt, aus anderen Antrieben und mit anderen Intentionen zu handeln.

Das Gespräch führte Ilka Hein für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Februar 2020 | 18:05 Uhr

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