Alfred Weidinger, Direktor des Museums der Bildenden Künste Leipzig
Alfred Weidinger ist seit einem Jahr Direktor des Leipziger Museums der bildenden Künste. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Chef des Leipziger Bildermuseums zu Kunstfreiheits-Debatte Fall Krause: So geht das MdbK Leipzig mit kritischen Künstlern um

Die Galerie Kleindienst hat sich vom Leipziger Maler Axel Krause getrennt, weil dieser AfD-nahe Äußerungen bei Facebook gepostet hatte. Alfred Weidinger, der Direktor des Leipziger Museums der bildenden Künste, findet diesen Schritt nicht ungewöhnlich - für öffentliche Einrichtungen gälten allerdings andere Regeln, erklärt er im Interview bei MDR KULTUR.

Alfred Weidinger, Direktor des Museums der Bildenden Künste Leipzig
Alfred Weidinger ist seit einem Jahr Direktor des Leipziger Museums der bildenden Künste. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR KULTUR: Herr Weidinger, was halten Sie von der Entscheidung der Galerie Kleindienst?

Alfred Weidinger: Es handelt sich dabei um eine völlig freie Entscheidung des Galeristen, das ist sein gutes Recht. Und es handelt sich hierbei nicht um einen Ausnahmefall, solche Trennungen gibt es häufig und sie beleben die Kunstszene. Beweggründe gibt es viele, persönliche, ökonomische oder eben politische. Spektakulär ist dieser Schritt deswegen nicht.

Eine Galerie ist ein privater Wirtschaftsbetrieb. Sieht es da bei öffentlichen Museen anders aus? Haben Sie ein Problem damit, wenn Künstler AfD-Positionen vertreten?

Hier bin ich durch meine österreichische Vergangenheit in der Hinsicht geläutert, als dass die Ausgrenzung kein probates Mittel ist, um einen politischen Verhinderungsprozess oder ein Umdenken zu bewirken. Künstler ist, wer sich als Künstler artikuliert, und als dieser wird er von uns grundsätzlich ernst genommen. Aber - und das hat sich geändert im Verlauf der letzten Jahrzehnte, will ich meinen - wir beschäftigen uns nicht mehr nur mit seinem Schaffen, sondern auch mit seiner Biografie. Wir interessieren uns für sein Verhalten in der Gesellschaft. Und das sind dann schon sehr relevante Punkte, die wir beachten. Und erst nach einem derartigen Sceening findet ein Entscheidungsprozess statt, wo wir dann sagen: "Okay, das ist ein interessanter Künstler, der wird aufgenommen in eine Ausstellung." Solange sich ein Künstler im gesetzlichen Rahmen bewegt, ist er von uns ernst zu nehmen.

Wollen wir denn nur noch Künstler im Museum, die sich vorbildlich verhalten? Oder wollen wir auch Störenfriede? Wollen wir Menschen die anecken und widerborstig sind?

Na klar wollen wir die. Und die zeigen wir auch. Solche Positionen sind ja wichtig. Wir können uns nicht zurück ziehen und sagen: "Wir zeigen jetzt nur noch schöne Bilder, die nicht wehtun". Das ist nicht unsere Aufgabe. Sondern unsere Aufgabe ist, zu einem gewissen politischen Diskurs auch beizutragen. Warum soll ich einen Künstler, der eine Partei wählt, die vielen anderen nicht genehm ist, nicht ausstellen? Aber: Wir würden diese Kunst kontextualisieren! Wir beschäftigen uns mit der Biografie, mit dem Verhalten der Künstler, und wir bilden das ab. Die Museumsbesucher haben ein Recht darauf, dies zu erfahren.

Spüren Sie als Museum denn Druck aus den Sozialen Medien, nur "politisch korrekt" zu arbeiten?

Axel Krause, Künstler, Maler
Axel Krause, geboren 1958 in Halle, lebt in Leipzig. Sein Werk "Wunschbilder" wurde in die Sammlung des MdbK aufgenommen. Bildrechte: Axel Krause

Es gibt keinerlei Druck aus dieser Richtung. Die Zeit der schönen Bilder ist vorbei. Heute geht es um Tiefe, um vielschichtigere Inhalte, die wir als Museen der Gesellschaft bieten müssen. Und dabei spielen eben die Künstlerbiografien eine große Rolle. Ich kann mich noch gut an eine Ausstellung des Schlafzimmers von Adolf Loos in Wien erinnern, ein Meisterwerk der internationalen Architektur und Kunstgeschichte. Und es gab einen Riesenskandal, weil das Museum versäumt hatte darauf hinzuweisen, dass der geniale Architekt Loos ein ziemlich schlimmer Kinderschänder war, und genau in diesem Bett, das ausgestellt worden ist, mehrere Kinder verführt hat. Das Schlafzimmer ist aber zwischenzeitlich längst zu einem elementaren Bestandteil der Kunstgeschichte geworden, man kann das nicht mehr auslöschen! Wenn man aber dieses Schlafzimmer öffentlich zeigen möchte, was legitim ist, dann ist es genau so wichtig, die Öffentlichkeit über die Schattenseite des Künstlers zu informieren. An einer gewissenhaften Kontextualisierung führt heute kein Weg mehr vorbei.

Das Gespräch führte Moderator Thomas Bille für MDR KULTUR.

Kurzporträt: Alfred Weidinger Der Österreicher Alfred Weidinger, Jahrgang 1961, ist im vergangenen Jahr vom Wiener Belvedere nach Leipzig gewechselt. Ab 2007 war er dort Kurator und Vizedirektor. Er arbeitet bis heute selbst als Fotograf. Aufgewachsen am Attersee, lernte er zunächst das Uhrmacherhandwerk und studierte von 1985 bis 1997 in Salzburg Kunstgeschichte und Klassische Archäologie. An der Universität Wien promovierte Weidinger über das Frühwerk von Oskar Kokoschka und war Chefkurator, Prokurist und stellvertretender Geschäftsführer in der Albertina in Wien.

Zuletzt aktualisiert: 17. August 2018, 12:00 Uhr