Gewinneract - S!STERS, Carlotta Truman und Laurita stehen auf der Bühne und jubeln.
Carlotta Truman und Laurita sind die S!STERS Bildrechte: imago images / Sven Simon

ESC-Kenner Jan Feddersen im Interview Eurovision Song Contest: Wie klingt ein Gewinnertitel?

Der Eurovision Song Contest galt als angestaubt, aber spätestens seit Lena Meyer-Landrut 2010 gewann und den ESC nach Deutschland holte, ist der Rummel wieder groß. 2019 hat die ESC-Karawane ihr Lager in Tel Aviv aufgeschlagen, weil der Siegertitel im vergangenen Jahr aus Israel kam. Ob das eine besondere Location ist, welche Chancen S!sters aus Deutschland haben und welche Rolle Madonna als "Pausenfüller" spielt, erklärt ESC-Kenner und Musikkritiker Jan Feddersen, für den der ESC auch ein "europäisches Selbstgespräch" ist, im Interview.

Gewinneract - S!STERS, Carlotta Truman und Laurita stehen auf der Bühne und jubeln.
Carlotta Truman und Laurita sind die S!STERS Bildrechte: imago images / Sven Simon

MDR KULTUR: Sie beobachten den ESC seit Jahren und man könnte denken, egal, wo er stattfindet, es ist immer derselbe Zirkus. Woran erkennen wir, dass wir diesmal in Israel sind und nicht in Schweden?

Jan Feddersen: In Schweden, die sind einfach wahnsinnig industriell drauf, das war perfekt. Hier gibt es auch mal kleine menschliche Schwächen. Hier sind die Leute wahnsinnig gut gelaunt und lebenszugewandt. Schon jetzt scheint klar, heute Nacht wird wohl überzogen, die Vier-Stunden-Grenze überschritten. Für deutsche Gemüter herrscht hier vielleicht schon zu viel gute Laune, aber das kann einem auch gefallen.

Macht sich das auf den Straßen oder am Strand bemerkbar?

Tel Aviv ist ohnehin nicht die Stadt der ausufernden Depression. Anders als es die deutsche Berichterstattung nahelegt, herrscht hier nicht andauernd Furchtsamkeit. Es ist eine sehr gut geschützte israelische Metropole. Es ist die Parytstadt am Mittelmeer und das auf eine anspruchsvolle Art und Weise. Heute ist Shabbat, da ist ein bisschen weniger Verkehr, aber alle wissen, der ESC findet statt und sie sind auch stolz darauf.

Und auch Madonna weiß das, sie kommt für sehr viel Geld, das ein kanadischer Unternehmer zur Verfügung stellt. Wer ist wichtiger: Madonna oder der ESC?

Madonna weiß schon, wo die Trauben hängen, die sie unbedingt keltern möchte, sie hat schließlich eine neue CD am Start. Aber sie liebt den ESC, das weiß man. Sie lebt ja teilweise inzwischen in Portugal. Sie hat die legendäre ESC-Sieger-Band ABBA mal angefragt, ob sie ein paar Samples benutzen darf. Das war dann auch gleich ein Hit in "Hung Up". Hier beim ESC ist sie eine Pausen füllende Angelegenheit, aber das macht sie gerne. Dafür ist der ESC viel zu spannend, viel zu rivalisierend aufgeladen, als dass ihr Auftritt den Wettbewerb überstrahlen würde.

Sie kennen die Favoriten. Was sagen Sie als Musikkritiker: Was für Qualitäten braucht ein ESC-Song, damit er Chancen hat?

Jetzt geht es ins Sphärische, das lässt sich nicht wissenschaftlich messen. Ich würde sagen, ein Lied muss berühren können. Man kann auch aus Beethovens Neunter ein Rummelplatz-Gedrummse machen. Nach meinem Eindruck ist es der Niederländer Duncan Lorenz, der – man könnte sagen – eine moderne Variante von Udo Jürgens verkörpert. Er sitzt allein am Klavier und singt. Er wird von keiner Pyroshow abgelenkt. Das ist sehr fein inszeniert und ich schätze mal, er wird der Gewinner dieses Abends sein.

Der ESC ist auch ein europäisches Selbstgespräch.

Jan Feddersen über den ESC

Im letzten Jahr konnte Michael Schulte einen akzeptablen vierten Platz für sich gewinnen, in diesem Jahr sehen die Buchmacher den deutschen Beitrag der S!sters schon vor dem Finale auf dem letzten Platz. Ist es wirklich so schlimm?

Ach schlimm, wissen Sie. In jedem Wettbewerb gibt es jemanden, der den letzten Platz belegen wird. So ist es nun mal in demokratischen Verhältnissen. Bei Michale Schulte war es im vergangenen Jahr kurz vor dem Wettbewerb so, dass er in den Wetten auch nur auf Platz 17 war. Insofern gebe ich nicht viel darauf. Aber, es fällt auf, dass "Sister" ein sehr schönes Lied ist, ein sehr fein konstruierter Act, dass Laurita und Carlotta sehr gut singen können und miteinander harmonieren. Aber auch andere Mütter und Väter haben schöne Töchter und Söhne. Gute Popmusik ist nicht unbedingt eine deutsche Angelegenheit. S!sters gehören sicher nicht zu den Favoriten, aber als alter Verfassungspatriot würde ich sagen: Top Ten, das müsste drin sein.

Nun sagen Sie einem, der lange ESC-Karenz geübt hat: Kann es sein, dass diesem Wettbewerb nochmal eine politische Bedeutung zuwächst, so kurz vor der Europa-Wahl?

Natürlich. Es geht nicht nur um Show und seltsame Punkte. Der ESC ist eben auch ein europäisches Selbstgespräch, mit Nachbarn wie Israel oder Australien neuerdings. Der ESC ist eine Verständigung darüber, wie man sich sieht, ob man gesehen wird, ob man sich wertschätzt. Da spielen nationale Gefühle im kollektiven Maßstab eine Rolle. Das war schon immer so, in diesem Jahr hat es eine besondere Qualität.

Das Gespräch führte Alexander Mayer für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Mai 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Mai 2019, 10:48 Uhr

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