Zum 90. Geburtstag Werner Tübke: Maler-Fürst in der DDR

Ein Schlachtengemälde mit heroischen Bauern wollten die SED-Genossen in den 70ern, Werner Tübke malte ihnen mit dem Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen eine große Passionsgeschichte. Trotzdem gilt er vielen bis heute als Staatskünstler. Das könnte sich ändern. Abgesehen davon: Der Maler, der am 30. Juli 2019 90 Jahre alt geworden wäre, dachte sowieso in anderen Dimensionen. Er war ein herausragender Könner, hin- und hergerissen zwischen quälenden Zweifeln und überbordendem Selbstbewusstsein. Ein Porträt.

von Katrin Schlenstedt, MDR KULTUR

"Wissen Sie", meinte Werner Tübke mal, "wenn ich durch ein Museum gehe und mir die Arbeiten eines anderen Künstlers ansehe, denke ich, den müsstest du mal besuchen, und dann stelle ich fest, der lebt ja gar nicht mehr!" Auch die Werke des Leipziger Malers, der am 30. Juli 90 Jahre alt geworden wäre, scheinen auf den ersten Blick wie aus der Zeit gefallen.

Altmeisterlich, zeitgenössisch, singulär

Kein Wunder, seine Vorbilder hießen Albrecht Dürer oder Lucas Cranach, Matthias Grünewald, Pieter Bruegel oder Hans Baldung Grien. Dabei "bediente" er sich bei den altdeutschen und italienischen Meistern, um einen auf seine Art realistischen Bildkosmos zu schaffen. Gegenwart war für den Künstler erinnerte Vergangenheit – wie sein Opus magnum, das kurz vor der Wende eingeweihte Bauernkriegspanorama auf dem Schlachtberg bei Bad Frankenhausen zeigt.

Über den "großen Unzeitgemäßen" (Eduard Beaucamp) sagt der Leipziger Kunsthistoriker Frank Zöllner im Gespräch mit MDR KULTUR, die figürliche Malerei sei oft für tot erklärt worden, doch wie Tübke aktuelle Zeitzeugenschaft und altmeisterlichen Stil zusammenbringe, das sei singulär. Seine Werke zeichneten sich aus durch hohe zeitgenössiche Relevanz und technisches Können, auf einem Niveau, das man heute im 21. Jahrhundert in einer solchen Brillanz kaum mehr finde.

Großes Welttheater und "eine Viecherei"

Dabei war Tübke sowohl zu DDR-Zeiten als auch danach nicht unumstritten. Nach der Wende musste er sich den Vorwurf gefallen lassen, ein Auftragsmaler gewesen zu sein, der sich vom Zyklus "Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung" (1960/1961) über "Arbeiterklasse und Intelligenz" (1973) bis zum Bauernkriegspanorama in die Programmatik der DDR-Obrigkeit eingefügt habe. Tatsächlich sollte Tübke in Bad Frankenhausen, wo die aufständischen Bauern unter der Führung von Thomas Müntzer 1525 vom Adels- und Landsknechtsheer vernichtend geschlagen wurden, ein Gemälde zur "Frühbürgerlichen Revolution in Deutschland" erschaffen. Um zu illustrieren, dass erst mit der DDR-Bodenreform von 1946 die Ziele der Aufständischen eingelöst worden seien.

Tübke indessen schuf in elf Jahren – zwischen 1976 und bis zur Einweihung am 14. September 1989 – ein epochales Gemälde über die Geburt der Neuzeit mit mehr als 3.000 Figuren. Sieben Jahre dauerten allein die Vorstudien und Modellzeichnungen. Danach stand der Maler mit seinen Helfern täglich zehn Stunden auf den Gerüsten, eine "Viecherei", wie er selbst sagte. Der Kritiker Eduard Beaucamp interpretierte das vollendete Werk als "Welttheater". Das 14 x 123 Meter große Rundbild ohne Anfang und Ende transzendiere die historische Wirklichkeit des Bauernkrieges "in die Zeitlosigkeit der apokalyptischen Entstehung der Welt oder deren Untergang". Über die DDR-spezifischen Lebenserfahrungen des Künstlers hinaus werde das Werk zum Spiegel einer von Utopien enttäuschten Übergangszeit.

"Ich zähle mich nicht zur DDR-Kunst"

Das Gemälde "Selbstbildnis mit Palette" (1971) von Werner Tübke (1929-2004) betrachtet eine Frau in einer Ausstellung im Atrium der Verbundnetz Gas AG in Leipzig.
"Selbstbildnis mit Palette" (1971) Bildrechte: dpa

Als nach der Wende Stimmen aufkamen, die die Schließung des Panoramas forderten und Tübke einen Staatskünstler nannten, entgegnete er, unabhängig gelieben zu sein, gerade bei der Arbeit in Bad Frankenhausen. Sich selbst verewigte Tübke, der die Wende nicht als großen Umbruch sah, darin als Harlekin. Nach seinem Opus magnum eigentlich körperlich am Ende arbeitete Tübke nach der Wende an zwei großen Aufträgen; einem Bühnenbild für del Monacos Neuinszenierung von Webers "Der Freischütz" in Bonn (1990-1993) und an einem Flügelaltar für die St. Salvatoris-Kirche in Clausthal-Zellerfeld (1993-1996).

Außerdem entstanden viele eigenständige, meist kleinformatige Gemälde mit typischem Personal, Narren und Harlekine sowie Porträts. Auf die Frage, ob er sich beschwert habe, dass auch seine Bilder in der umstrittenen DDR-Kunst-Schau in Weimar 1999 auftauchten, konterte er in seiner bekannt trockenen Art: "Nein, ich registriere so etwas eigentlich nicht (...) Ich zähle mich nicht zur DDR-Kunst."  

Szenen aus dem Leben Christi zeigt der von dem Leipziger Künstler Werner Tübke geschaffene Flügelaltar, der 1997 in der von Pastorin Doris Ißmer feierlich eingeweiht wird.
Flügelaltar für die St. Salvatoris-Kirche in Clausthal-Zellerfeld (1993-1996) Bildrechte: dpa

Dabei gilt er gemeinsam mit Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer als Begründer der Leipziger Schule. Am 30. Juli 1929 in Schönebeck geboren, machte er zunächst eine Malerlehre. 1947 holte er das Abitur nach und studierte dann bei Ernst Hassebrauk und Elisabeth Voigt an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB). 1950 sattelte er auf Kunstgeschichte und Psychologie um, das Studium an der Uni Greifswald schloss er zwei Jahre später ab. Von 1955 bis 1957 war er Assistent an der HGB.

Als unbequemer Querdenker entlassen, arbeitete er bis zu seiner Wiedereinstellung Ende 1962 fast fünf Jahre freischaffend. 1964 erfolgte seine Berufung zum Dozenten, 1972 übernahm er den Lehrstuhl für Malerei an der HGB. 1973 bis 1976 trat er die Nachfolge von Albert Kapr als Rektor der HGB an. Lehrer dort sei er sehr gern gewesen, sagte Tübke rückblickend. Ein strenger allerdings: "Es war sehr schön. Der Unterricht begann um 8 Uhr. Im ersten halben Jahr kamen die Studenten dann so 8:30 Uhr – und durften wieder gehen."

Reisen für Valuta, Hommage in Frankenhausen und Schönebeck


Auf die Frage, ob er sich als Künstler zu DDR-Zeiten mehr beachtet gefühlt habe, erklärte er in einem Zeitungsinterview, er könne das so nicht beantworten. Die 50er- und 60er-Jahre seien ganz schwierig für die Kultur gewesen. "Doch dann brauchte die DDR Valuta. Da ich Valuta produzierte, hieß es: Sie müssen mal wieder nach Frankreich oder Italien, malen. Ich bekam 15 Prozent des Bildererlöses, der Staat 85. Auf diese Art hatte ich aber Gelegenheit, Europa kennenzulernen, jung genug."

Den "ganzen mediterranen Raum" betrachtete Tübke als seine "wahre künstlerische Heimat", die großen Renaissance-Maler als seine "Wahlverwandten". 1971 war er das erste Mal nach Italien gereist, der Mailänder Kunsthändler Emilio Bertonati hatte die Wanderausstellung organisiert, die Tübke international bekannt machte. Nachdem ihm die elf Jahre währende, körperlich zehrende Arbeit am Bauernkriegspanorama "seiner Gegenwart und Umwelt fast entfremdet" hatte, begab er sich auf Reisen in den Süden, um wieder an Licht und Luft zu kommen. Im Mai 2004 eröffnete das Panorama Museum in Bad Frankenhausen die Werkschau "Faszination Mittelmeer" mit Bildern aus mehr als 30 Jahren. Zur Eröffnung konnte er wegen seines Gesundheitszustandes nicht mehr kommen. Tübke starb am 27. Mai 2004 im Alter von 74 Jahren in Leipzig. Dort gibt es auch im Jahr seines 90. Geburtstages keine große Schau. Dafür wird in Schönebeck an den berühmten Sohn der Stadt erinnert; das Panorama Museum in Bad Frankenhausen zeigt bis Anfang November 2019 Bilder seiner ersten Reise in die Sowjetunion.

Demnächst in Düsseldorf: "Utopie und Untergang"

In der Galerie Schwind in Leipzig, geht eine Frau an dem Bild Jüngstes Gericht des Malers Werner Tübke vorbei
"Jüngstes Gericht", 1983 Bildrechte: dpa

Und 30 Jahre nach dem Mauerfall widmet sich der Kunstpalast in Düsseldorf demnächst in einer großen Sonderausstellung der DDR-Kunst: "Utopie und Untergang. Kunst in der DDR" heißt die Schau, die am 5. September 2019 eröffnet wird. Zu sehen sein sollen auch mehrere Hauptwerke "der seit der documenta 1977 als offizielle Maler der DDR wahrgenommenen Künstler Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer, Werner Tübke, Willi Sitte", um "tiefere Einblicke in deren Schaffen" zu ermöglichen. Dafür sei die Zeit nun offenbar reif, sagt Tübkes Galerist Karl Schwind im Gespräch mit MDR KULTUR.

Im westdeutschen Kunstbetrieb habe vielleicht lange das berühmte Zitat von Baselitz, der in den Westen gegangen war, nachgewirkt. Der Maler nannte seine ostdeutschen Kollegen, die blieben, einst "Arschlöcher", "ohne inhaltliche Argumente zu liefern", wie Schwind findet. Nun ändere sich die Situation, ein ehemaliger Frankfurter Museumsmann wage sich in Düsseldorf daran, DDR-Kunst zu zeigen. Schon dass der Bundespräsident zur Eröffnung komme, zeige, dass sie ein anderes Gewicht bekomme.

Der Begriff DDR-Kunst ist bei mir negativ besetzt. Ich verstehe darunter etwas nicht zu Definierendes: nicht ganz modern, nicht ganz altmodisch, ein bisschen plakativ, ein bisschen optimistisch, sehr vereinfacht gemalt, aber nicht expressiv, und ohne Substanz. Die Anfangsjahre waren dabei am schlimmsten. Und: Ich zähle mich nicht zur DDR-Kunst. Wenn man an die denkt, denkt man bestimmt nicht an meine Bilder.

Werner Tübke, 1999

Ausstellungstipps "Werner Tübke. Von Petersburg bis Samarkand – Unter fremden Menschen"
Bis 3. November 2019

Panorama Museum
Am Schlachtberg 9
06567 Bad Frankenhausen

Öffnungszeiten
Di – So: 10 –17 Uhr | feiertags 10 – 17 Uhr
Juli / August auch montags 13 – 17 Uhr
Vom 18.11. bis 13.12.2019 hat das Panorama Museum wegen Bauarbeiten geschlossen.
31. Dezember 10 – 15 Uhr

Tübke-Schau in Schönebeck: "Grafiken, Zeichnungen und Aquarelle"
Industrie- und Kunstmuseum
Ernst-Thälmann-Straße 5a
Bis 24. August 2019
Geöffnet Sa und So | jeweils 14 – 17 Uhr

"Utopie und Untergang. Kunst in der DDR"
5. September 2019 bis 5. Januar 2020
Museum Kunstpalast
Ehrenhof 4-5
40479 Düsseldorf

Öffnungszeiten:
Mo: geschlossen
Di–So: 11 – 18 Uhr | Do: 11 – 21 Uhr
Am 4. September 2019 bleibt der Kunstpalast geschlossen.
Am 3.10.2019: 11 – 18 Uhr

Buchtipp Werner Tübke: Mein Herz empfindet optisch
Aus den Tagebüchern, Skizzen und Notizen.
Hrsg. & Einl. von Annika Michalski & Eduard Beaucamp.
Wallstein Verlag, 2017. 396 Seiten mit Abb., gebunden.

Wie Staatsaufträge ausführen, ohne die eigene künstlerische Identität zu verraten, wie unter dem Dogma des sozialistischen Realismus andere und neue Wege gehen, als Maler und als Mensch? Wie er mit diesen Fragen und Konflikten gerungen hat, das zeigen seine Tagebücher.



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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR-Spezial | 30. Juli 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Juli 2019, 04:00 Uhr

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