Findbuch zur DDR-Raubkunst vorgelegt Wie in der DDR private Kunstsammler enteignet wurden

Auch in der DDR gab es eine Kunstsammlerszene. Klein, aber interessant für die Stasi! Die geheime Mission: Kulturgut konfiszieren und für harte Devisen in den Westen verkaufen. Erstmals liegt nun eine Dokumentation vor, die auf das Vorgehen, aber auch auf die ehemals enteigneten Besitzer schließen lässt. Ralf Blum und Arno Polzin recherchierten das Findbuch und stellten es kürzlich mit Uwe Hartmann vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Leipzig vor.

Satchmo im Ost-Berliner Friedrichstadt-Palast, anno 1965. Eine amerikanische Jazz-Ikone erwies der DDR die Ehre. Das hatte seinen Preis. West-Devisen waren knapp. Doch es gab einen Ausweg, wie Uwe Hartmann vom Deutsches Zentrum Kulturgutverluste erklärt:

Statt Devisen bald Gagen in Kunst

"Louis Armstrong war der erste Künstler, der klar machte, wie stark der Haushalt der DDR belastet wird, wenn einem Weltstar die Gage in Dollar zu zahlen ist. Bei späteren Gastspielen wurde ein Teil der Gage durch Kunst und Antiquitäten erstattet."

In Leipzigs einstiger Stasi-Zentrale, im heutigen Museum in der "Runden Ecke" wurde kurz vor dem Corona-bedingten, generellen Veranstaltungsverbot eine brisante Studie vorgestellt, die den Weg tausender vom Staat verscherbelter Kunstwerke und Antiquitäten akribisch nachzeichnet. Damit lässt sich erstmals ermessen, wie systematisch die DDR-Staatssicherheit auf dem Kunstmarkt Regie führte. Mancher dürfte nun von der Sisyphos-Arbeit profitieren, sagt Uwe Hartmann, der Leiter des Fachbereichs Provenienzforschung beim Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg ist. Denn verzeichnet seien darin Kunstwerke und Objekte, "die in ihrer Provenienz Namen aufweisen könnten von ehemaligen Besitzern, denen sie in der DDR unrechtmäßig weggenommen wurden". Das sei das grundlegend Neue.

Private Sammler penibel ausgespäht

Kunstraub in der DDR - Findbuch veröffentlicht
Ralf Blum recherchierte mit für das Findbuch. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Erschlossen wurde das Findbuch von zwei Wissenschaftlern der Stasi-Unterlagenbehörde. Die von Ralf Blum und Arno Polzin entdeckten Aktenstücke und heimlich erstellten Fotografien belegen: Die Kunstsammlerszene der DDR – ein kleiner verschworener Zirkel – wurde von Mielkes Gefolge penibel ausgespäht, um für den Staat devisentaugliches Kulturgut zu konfiszieren. Das Schema war dabei meist das gleiche, wie Ralf Blum von der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin erläutert: "Die Stasi erhielt einen Hinweis aus der Szene, sozusagen von Freund zu Freund: 'Aha, ich habe gesehen, da hängen überall Ölgemälde, da ist eine kleine Porzellansammlung, eine schöne Büchersammlung, wohlmöglich eine Briefmarkensammlung, eine Münzsammlung noch im Schrank – das ist doch interessant.' Dann hat die Stasi eine Wohnungsskizze in Auftrag gegeben."

Kunstraub in der DDR - Findbuch veröffentlicht
Arno Polzin, Mitautor der Studie zum Kunstraub in der DDR Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sammler werden zu Staatsfeinden aufgeblasen. Die Aktenvermerke stammen von Banausen. Von Wertschätzung der Kunst gegenüber keine Spur, vielmehr scheint ein eiskalt eingespieltes Netzwerk von Geheimpolizei und Zollfahndern agiert zu haben. Scheinbar ganz legal. Arno Polzin von der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin erklärt das Vorgehen: " Es wurde ein Konstrukt von Steuervorwürfen gemacht, in dem man sagte: 'Hier ist Vermögen vorhanden, also ist Vermögenssteuer fällig.' Dann wurde geprüft, ob es mal Austausch gab von Gegenständen, Ankauf und Verkauf. Das wurde als Gewerbe interpretiert, also, hieß es, sei Gewerbesteuer fällig."

Abtransport nach Mühlenbeck ins Depot von Schalck-Golodkowski

Kunstraub in der DDR - Findbuch veröffentlicht
Penibel dokumentiert Bildrechte: BSTU / MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Den ganz praktischen Ablauf kennt auch Ulf Bischof, als Anwalt für Kunstrecht, beschäftigt er sich schon lange mit dem Kunstraub in der DDR: "Man besprach sich mit den Finanzbehörden und legte Tag und Uhrzeit fest, früh morgens war das meistens, 6, 7 Uhr, und dann parkten die LKW vor dem Haus." Sie wurden beladen, danach fuhren sie meist auf direktem Weg nach Mühlenbeck, in die geheime Kunst- und Antiquitäten GmbH, ins millionenschwere Depot des Devisenhändlers Alexander Schalck-Golodowski. Ob Bilder, Teppiche, Porzellan und Möbel – das Angebot war weit gefächert.

Zeitzeugen wie der ehemalige Direktor des Dresdner Grünen Gewölbes, Joachim Menzhausen, gab 1990 im DDR-Fernsehen zu Protokoll: "Es kamen Gruppen in Omnibussen aus Westberlin, es gab also einen spezieller Kunsttourismus nach Mühlenbeck."

Ringen um Schadenersatz: Langer und teuer Weg

Auch 30 Jahre dem Zusammenbruch von Schalcks Imperium werden Schadensersatz-Ansprüche der unrechtmäßig enteigneten Familien geltend gemacht. Das sind, auch wenn die ursprünglichen Besitzer oft verstorben sind, schmerzhafte Prozesse, nicht nur im juristischen Sinn, wie Ulf Bischof weiß: "Da geht's nicht mal immer unbedingt um den materiellen Wert, den diese Dinge verkörpern, sondern um die Familiengeschichte, um eine Auseinandersetzung mit den Vorgängen, auch um eine Art späte Genugtuung und Anerkennung des Unrechts, das den Familien widerfahren ist."

Kunstraub in der DDR - Findbuch veröffentlicht
Anwalt Ulf Bischof vertritt Betroffene Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Beispielsweise im Fall des Kunstliebhabers Heinz Dietel aus Erfurt. Er wurde 1973 nahezu seiner kompletten Sammlung beraubt und verhaftet, derweil seine Schätze nach Mühlenbeck abtransportiert wurden. Er kam wieder frei, doch er konnte den Schmerz nicht verwinden und starb zwei Jahre später. Nicht alles übrigens landete im Depot, einiges auch im Erfurter Angermuseum. Nach der Wende habe man sich mit der Rückgabe an die Familie sehr schwer getan, weiß Bischof: "Wir haben mehr als zehn Jahre verhandelt und schließlich auch prozessiert, um da letztlich da zum Erfolg zu kommen."

Ein langer und teurer Weg. Die Hartleibigkeit von Sammlern und Museen bei der Rückgabe hat leider Methode. Das große Feilschen hält an, berichtet Bischof weiter: "Wir haben mit mehr als einem Dutzend solcher Fälle zu tun, wobei das dann mitunter auch sehr große Fälle sind. Da kann es um bis zu 1.000 Kunstgegenstände aus einer Sammlung gehen."

Gewiss, das hilfreiche Findbuch kommt reichlich spät. Aber die Fahndung nach den entwendeten, weltweit verstreuten Kulturgütern wird nun, da die Beutezüge der Stasi erfasst sind, ein wenig leichter. Das ist zur Abwechslung mal eine gute Nachricht.

Kunstraub in der DDR - Findbuch veröffentlicht
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Angaben zum Buch Ralf Blum, Helge Hei-demeyer und Arno Polzin
Auf der Suche nach Kulturgutverlusten. Ein Spezialinventar
Neues Recherchemittel zur Provenienzforschung in Kooperation mit dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste
Berlin 2020, Preis: 2,00 €., 115 Seiten plus 650 Seiten Dokumentenverzeichnis
ISBN: 978-3-946572-45-9
Ab sofort als Download und zum Bestellen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 19. März 2020 | 22:05 Uhr

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