Tobias Hollitzer, der Vereinsvorsitzende des Bürgerkomitee Leipzig e.V., steht in der ehemaligen Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Leipzig.
Der Leiter des Museums in der "Runden Ecke", Tobias Hollitzer Bildrechte: dpa

"Runde Ecke" Warum das Leipziger Stasi-Museum in der Kritik steht

30 Jahre nach Wende und Mauerfall hat das Wort von der Erinnerung Hochkonjunktur. Gedenkstätten sollen sie lebendig halten. Auch um zu zeigen, wie Vergangenheit bis in Gegenwart und Zukunft wirkt. Dazu gehöre mehr als verstaubte Exponate, monieren Kritiker des Leipziger Museums in der "Runden Ecke", es reiche nicht, dass in der einstigen Stasi-Zentrale vieles noch authentisch sei. Der Leiter des Museums, Tobias Hollitzer, sieht hinter den Angriffen eine "politische Frage".

Tobias Hollitzer, der Vereinsvorsitzende des Bürgerkomitee Leipzig e.V., steht in der ehemaligen Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Leipzig.
Der Leiter des Museums in der "Runden Ecke", Tobias Hollitzer Bildrechte: dpa

Wenn man als Besucher die "Runde Ecke", das ehemalige Leipziger Stasi-Hauptquartier betritt, muss man sich entscheiden: Treppe hoch und rechts, und man steht in einem hellen modernen Empfangsraum, wo die Mitarbeiter des Stasiunterlagen-Archivs ihre Besucher empfangen. Treppe hoch und links, und man findet sich wieder in der konservierten Vergangenheit dieses Hauses. In einer 1990 vom Verein Leipziger Bürgerkomitee gestalteten und bis heute im Wesentlichen nicht veränderten Ausstellung mit dem Titel "STASI – Macht und Banalität".

Runde Ecke 4 min
Bildrechte: MDR/Nadine Jejkal

Rund 40.000 Objekte beherbergt die Sammlung, ausgestellt sind Abhörtechnik, Pressen zum Glätten von heimlich geöffneten Briefen bis hin zum großen Aktenvernichter. Benannt werden die Exponate oder auch die Struktur der Stasi auf Schautafeln oder von Hand beschriebenen Wellpappen. Angesprochen auf die Form der Präsentation meint eine ältere Besucherin: "Wenn man hier ein modernes Museum hätte, interaktiv vielleicht, wie das heute so ist, mit vielen digitalen Sachen, würde man sich nicht so in diese Zeit zurückversetzt fühlen können. Es passt." 

Streit um die Zukunft der Erinnerung

Aber nicht jedem. Seit einigen Monaten ist das Bürgerkomitee, speziell die Person des Museumsleiters Tobias Hollitzer ins Visier einer medialen Kampagne geraten. Tenor: "Ein selbst ernannter Hüter der Revolution pflegt hier ein verstaubtes Geschichtsbild von Gestern." Hollitzer widerspricht und meint: Der Streit um die Erneuerung der Präsentation werde "zwar geführt unter dem Rubrum der Gestaltung, aber es geht im Kern um Inhalte und um eine reine politische Frage." Er sagt:

Es geht um die Frage: Wie benennen wir Dinge? Benennen wir sie auch 30 Jahre nach dem Ende der SED-Diktatur noch so deutlich, wie wir sie 1989/90 benannt haben?

Tobias Hollitzer
Historischer Aktenvernichter in der Ausstellung "Macht und Banalität" im ehemaligen Gebäude der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit in Leipzig.
Historischer Aktenvernichter Bildrechte: IMAGO

Streitpunkt 1: Stasi-Ausstellung im Museum in der "Runden Ecke" Aus der Gründungsgeschichte des Hauses resultiert für das Leipziger Stadtmagazin "Kreuzer" heute, 30 Jahre danach, auch das größte Problem; dass Zeitzeugen ein "Laienmuseum" führten und Vorgänge beurteilten, in die sie selbst involviert gewesen seien, obwohl im Leitbild der 'Runden Ecke' stehe: "Das Fachmuseum stützt sich auf aktuelle Ergebnisse der zeitgeschichtlichen Forschung." Die Ereignisse, die zur Wende führten, würden in der Ausstellung "alleinig als Ergebnis von Montagsdemonstrationen und Stasi-Besetzung erklärt". Und: DDR und Stasi würden nicht in die Geschichte des Kalten Krieges eingeordnet.

Der Vorstand des Bürgerkomitee Leipzig e.V., Trägerverein der Gedenkstätte(*) argumentierte in seiner Richtigstellung zu einem Beitrag der "Leipziger Volkszeitung" vom April 2019: Die "unmittelbar aus der Friedlichen Revolution entstandene Dauerausstellung 'STASI - Macht und Banalität'" sei "inzwischen bereits für sich ein museales, die Geschichte der Friedlichen Revolution authentisch vermittelndes Objekt", das in dieser Form erhalten und konserviert werden solle.

Für "Ergänzungen und Kontextualisierungen dieser historischen Ausstellung" werde "mehr Platz gebraucht", der aber erst mit dem gerade von der Stadt auf den Weg gebrachten "Forum für Freiheit und Bürgerrechte" zur Verfügung stehen werde.

*Anm. d. Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrags wurden diese Aussagen Tobias Hollitzer zugeschrieben. Das war ein Fehler. Die Aussagen stammen vom Vorstand des Bürgerkomitee Leipzig e.V.. Wir haben dies am 14.11.2019 korrigiert.

Museumsleiter Tobias Hollitzer 7 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Streitpunkt 2: Kritik an Museumsleiter Tobias Hollitzer Sowohl die "Leipziger Volkszeitung als auch das Leipziger Stadtmagazin "Kreuzer" haben in mehreren Beiträgen Museumsleiter Tobias Hollitzer die fachliche Eignung für seinen Posten abgesprochen. So schreibt in seiner Ausgabe vom Juni 2019: "Eine Gedenkstätte, ein Museum von dieser Bedeutung sollte von Experten, von Historikern, Museumsdidakten, Zeitgeschichtlern geleitet werden. Denn mit Laien und Zeitzeugen gibt es ein Problem. Sie sind persönlich involviert, oft politisiert, finanziell abhängig von ihrem Thema und ihren Posten, unqualifiziert und neigen im schlimmsten Fall auch noch zur Selbstheroisierung. Wer Teil dieser Geschichte war, hat es sehr schwer, angemessen über Zeitgeschichte zu informieren. Tobias Hollitzer ist kein Profi und verhält sich auch nicht so – noch dazu hat er seinen Posten in einem fast dynastischen Akt von seiner Mutter übernommen."

Der Vorstand des Bürgerkomitees betont in seiner Stellungnahme dazu, dass Hollitzer seit 1996 "zahlreiche Veröffentlichungen zur Friedlichen Revolution in Leipzig, zur Aufarbeitung der SED-Diktatur sowie zur Gedenk- und Erinnerungspolitik vorgelegt" sowie 2015 das Bundesverdienstkreuz für seine Arbeit bekommen habe."

Fotografierzimmer in der ehemaligen Bezirksverwaltung für Staatssicherheit
Der Fotostuhl "zur erkennungsdienstlichen Behandlung" Bildrechte: imago/sepp spiegl

Hollitzer nimmt im Gespräch mit MDR KULTUR auch Stellung zum Clinch um die Sonderausstellung "Leipzig auf dem Weg zur Friedlichen Revolution", die seit knapp zehn Jahren im ehemaligen Stasi-Kinosaal zu sehen ist. Auch im Fall dieser Präsentation werde unterstellt, "sie wäre historisch nicht auf der Höhe der Zeit. Es hat bis heute noch nicht ein einziger gesagt, an welcher Stelle ein historischer Fehler ist. Ich glaube, es geht hier auch um die Interpretation von Ereignissen. Uns geht es hier vordergründig darum, Fakten darzustellen. Dass das in originalen Räumlichkeiten stattfindet, als Gedenkstätte, ist klares Konzept", meint Hollitzer.

Streitpunkt 3: Sonderschau zur Friedlichen Revolution Seit 2009 wird im ehemaligen Stasi-Kinosaal im Anbau am Goerdelerring 20 die Sonderausstellung "Leipzig auf dem Weg zur Friedlichen Revolution" gezeigt. Die Stadt hätte sie gern modernisiert und stellte bei Vorlage eines Konzeptes Mittel in Aussicht. Allerdings für eine Realisierung an einem anderen Präsentationsort. Denn das Schulmuseum soll den Saal auch nutzen können. Das sieht eine Kooperationsvereinbarung vor.

Auf eine Anfrage des "Kreuzers" antwortete dazu Kulturamtsleiterin Susanne Kucharski-Huniat, dass das Museum in der Runden Ecke mehrfach durch die Stadt aufgefordert worden sei, die Sonderausstellung zu überarbeiten. Dafür sei dem Bürgerkomitee Unterstützung zugesagt worden, die seitens des Vereins jedoch nicht abgefordert worden sei.

Für das Bürgerkomitee gehört der unter Denkmalschutz stehende Saalbau mit Kegelbahn und Stasi-Kinosaal "ebenso authentisch zur Gedenkstätte Museum in der 'Runden Ecke' wie die Ausstellung zur Friedlichen Revolution in Leipzig". Es beruft sich auf "einen bis heute gültigen Vertrag zur Ausstellung", der 2016 mit dem Oberbürgermeister geschlossen wurde. Darin sei festgelegt, dass die Stadt den Verein bei der Suche nach einem alternativen Standort in "funktionaler Nähe" zum Museum in der Runden Ecke unterstützen werde. Daraufhin habe der Verein unter erheblichen Aufwand Orte für eine Interimspräsentation geprüft und dafür Konzepte erarbeitet. Diese seien aber vom Kulturamt aus finanziellen Gründen abgelehnt worden.

Zeichen stehen auf Veränderung

Doch der Museumsleiter wird sich auf Veränderungen einstellen müssen. Denn im Zuge der anstehenden Strukturveränderung bei der Stasiunterlagenbehörde soll sich das Quartier der "Runden Ecke" in ein "Forum für Freiheit und Bürgerrechte" verwandeln. Finanziert vom Bund – und auch von der Stadt. Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke hat da schon ein ideales Wunschbild vor Augen: "Eine gewisse Blaupause ist für uns das Solidarność-Zentrum in Gdansk. Dort ist wirklich ein sehr beeindruckendes Zentrum entstanden" Es zeige die Solidarność-Geschichte ausgehend vom Aufstand in der Gdansker Werft. Gleichzeitig gebe es dort auch "offene Räume, wo sich Initiativen treffen und Dinge entstehen können, aus der Bürgerschaft heraus".

Ehemaliges Büro der MfS in der Ausstellung - Macht und Banalität - im Gedenkstätte Museum - Runde Ecke - im ehemaligen Gebäude der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit in Leipzig
"Der charakteristische Muff der Arbeitszimmer ist erhalten", bescheinigt Rainer Eckart. Der authentische Ort bringe aber auch schwerwiegende restauratorische Probleme mit sich. Bildrechte: IMAGO

Rainer Eckert, der langjährige Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums wurde gebeten, ein inhaltliches Gutachten zu erstellen. Auch das traf 2016 auf geteiltes Echo, obwohl der Historiker im Gespräch mit MDR KULTUR hinsichtlich der Gestaltung des Museums durchaus eine Kompromiss-Variante sieht: "Also ich bin wirklich dafür, das Bewahrenswerte weiterzuentwickeln. Das ist nun die Frage, wie man das macht. Wenn genügend Räumlichkeiten zur Verfügung stehen, könnte man eine neue Ausstellung daneben stellen, die alte behalten und sagen: 'So hat die Bürgerbewegung vor 30 Jahren eine Ausstellung gestaltet. Das würde voraussetzen, dass dieses Forum wirklich mit entsprechenden Baulichkeiten entsteht."

Streitpunkt 4: Die Frage der "Modernisierung" Zum Thema "Modernisierung" führt der Vorstand des Bürgerkomitees(*) in seiner Richtigstellung aus, es gebe "eine Reihe von Historikern und Geschichtsdidaktikern, die genau dies ausdrücklich ablehnen." Er verweist außerdem auf eine "Besucherevalution mit ca. 2.500 Fragebögen", in der sich 85 Prozent für einen Erhalt der originalen Stasi-Ausstellung ausgesprochen hätten.

*Anm. d. Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrags wurden diese Aussagen Tobias Hollitzer zugeschrieben. Das war ein Fehler. Die Aussagen stammen vom Vorstand des Bürgerkomitee Leipzig e.V.. Wir haben dies am 14.11.2019 korrigiert.

"Forum für Freiheit und Bürgerrechte" geplant

Leipzig Runde Ecke
Die "Runde Ecke" demnächst als "Forum für Freiheit und Bürgerrechte"? Bildrechte: MDR/Nadine Jejkal

Die Stadt hat das "Forum für Freiheit und Bürgerrechte" in die städtebauliche Umgestaltung des umliegenden Matthäi-Kirchhofs integriert. Das kann also dauern. Bietet den Akteuren der derzeit verhärteten Fronten aber genügend Zeit, sich in Sachen Neugestaltung der "Runden Ecke" mal an einem "Runden Tisch" zusammenzusetzen. In dieser Beziehung war man in Leipzig vor 30 Jahren schon mal weiter. Lehrt die Geschichte. Und die Vernunft sowieso.

Historisches Transparent in der Ausstellung "Macht und Banalität" im ehemaligen Gebäude der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit in Leipzig.
Historisches Transparent Bildrechte: IMAGO

Stichwort: "Runde Ecke" Die Leipziger Stasi-Zentrale wurde während einer Montagsdemo am 4. Dezember 1989 besetzt. Auch in anderen Städten verschafften sich Demonstranten an diesem Tag Zugang zu Stasi-Gebäuden, um die Vernichtung von Akten zu verhindern. Im Juni 1990 eröffnete das Bürgerkomitee die DDR-weit erste Ausstellung zur Staatssicherheit mit dem Titel "STASI - Macht und Banalität" in der Leipzig-Tourist-Information. Im August 1990 erfolgte der Umzug in die frühere Stasi-Bezirksverwaltung am Dittrichring 24.

Jährlich besuchen rund 130.000 Menschen die "Runde Ecke". Die Arbeit des Museums in der "Runde Ecke", zu der auch Veranstaltungen und Publikationen gehören, wird gefördert von Stadt, Land und Bund.

Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes nutzt einen großen Teil des Gebäudes.

Tobias Hollitzer, Mitarbeiter der Gedenkstätte "Runde Ecke", in der Leipziger Südvorstadt, öffnet eine Tür zu dem Raum der letzten zentralen Hinrichtungsstätte der ehemaligen DDR (1949-1990), aufgenommen am Mittwoch (11.07.23007).
In der ehemaligen DDR-Hinrichtungsstätte Bildrechte: dpa

Außenstellen des Museums Auch die DDR-Hinrichtungsstätte in der Leipziger Südvorstadt gehört zur Gedenkstätte "Runde Ecke". Dort wurden ab 1960 alle in der DDR verhängten Todesurteile unter absoluter Geheimhaltung vollstreckt, anfangs mit Guillotine, ab 1968 mit "unerwartetem Nahschuss". Die Leichen wurden eingeäschert und anonym beigesetzt. Nach heutigen Erkenntnissen wurden in der DDR 164 Menschen hingerichtet, davon in Leipzig 64, der letzte 1981.

Ebenso gehört die einstige Ausweichführungsstelle des Leipziger Stasi-Chefs in Machern als "Museum im Stasi-Bunker" zur Gedenkstätte. Dort dokumentiert eine Ausstellung die speziellen Aufgaben der Stasi im Ernstfall bis hin zur Einrichtung von Isolierungslagern für Oppositionelle.

Stichwort: "Forum für Freiheit und Bürgerrechte" Das "Forum für Freiheit und Bürgerrechte" soll entstehen als Ort des Gedenkens sowie des Diskurses über Diktaturen, der Bund gibt 2,25 Millionen Euro für dieses "Nationale Projekt des Städtebaus", das eingebunden sein soll in die Umgestaltung des 1,6 Hektar großen Geländes am Matthäikirchhof, dem historischen Gründungskern der Stadt.

An diesem westlichen Rand der Innenstadt informieren bisher das "Museum in der Runden Ecke" sowie die Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit über Arbeit und Machenschaften des ehemaligen DDR-Geheimdienstes.

Nach einem Beschluss des Bundestages sollen alle Stasi-Akten ab 2021 in ein Bundesarchiv integriert werden, in jedem ostdeutschen Bundesland soll es nur noch eine Anlaufstelle geben, wo die Unterlagen dokumentiert, weiter erforscht und zugänglich gemacht werden. Für Kritiker wie den Historiker Sascha Ilko-Kowalczuk klingt das "wie ein Schlussstrich unter die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur".

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. November 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. November 2019, 13:38 Uhr

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