Interview Worauf man beim Schenken achten sollte

Schenken macht Freude, heißt es. Das stimmt zwar, aber mal ehrlich: Auf manch ein Geschenk hätte man auch gut verzichten können. Der Philosoph Wilhelm Schmid, Autor des Buches "Vom Schenken und Beschenktwerden", erklärt im Interview die Risiken beim Schenken – und wie man sie meidet.

Der Philosoph und Bestsellerautor Wilhelm Schmid liest am 20.05.2016 in Köln auf der 4. phil.COLOGNE, das internationale Festival der Philosophie.
Der Philosoph und Autor Wilhelm Schmid kennt sich mit dem Thema Schenken aus. Bildrechte: IMAGO
Der Philosoph und Bestsellerautor Wilhelm Schmid liest am 20.05.2016 in Köln auf der 4. phil.COLOGNE, das internationale Festival der Philosophie. 10 min
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Der Philosoph und Bestsellerautor Wilhelm Schmid liest am 20.05.2016 in Köln auf der 4. phil.COLOGNE, das internationale Festival der Philosophie. 10 min
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MDR KULTUR: Schenken macht glücklich. Sie sagen, man muss aber auch die Probleme kennen. Warum sollte man das, und um welche Probleme handelt es sich beim Schenken?

Wilhelm Schmid: Och, nur um ein paar. Beispielsweise, dass wir Freude daran haben, zu schenken. Sollte man meinen, das ist ja doch unproblematisch. Ja, aber eigentlich geht es um die Freude des Beschenkten. Und das wird bei der Freude des Schenkens oft übersehen – ist es denn etwas, was auch dem anderen wirklich Freude macht? Das Zeichen, dass ich Freude habe, ist noch kein zuverlässiges Zeichen dafür, dass der andere auch Freude hat.

Wie erreicht man die Freude beim anderen?

Beim anderen ist die Freude am leichtesten zu erreichen, wenn ich weiß, was dem Freude macht. Weil ich ihn vielleicht schon mal gefragt habe, oder weil es ein Freund, eine Freundin ist, die ich schon lange im Auge habe und weiß, was ihr oder ihm gefällt, und dann ist es kein Schenken ins Blaue hinein, sondern kann sehr gezielt mit großer Aufmerksamkeit und Achtsamkeit sein.

Gibt es Unterschiede beim Schenken zwischen Liebenden und zwischen Freunden?

Zwischen Freunden gibt es einen Spielraum. Wenn mir ein guter Freund etwas schenkt, und das ist daneben – mein Gott, ich lange auch mal daneben. Das ist nicht weiter schwierig. Aber zwischen Liebenden – wenn das nicht sehr gut ausgesucht ist, dann kann da leicht eine Missstimmigkeit entstehen, wenn nicht sogar eine Verletzung: Aha, du bist also vollkommen im Irrtum über meine Interessen und über meine Vorlieben. Bitte, bitte Nachsicht – weil, wir selber, wenn wir schenken, wir können auch ganz schön daneben liegen und sind dann auf die Nachsicht des anderen angewiesen.

Ich schenke mir immer etwas zu Weihnachten. Das suche ich schon im Juli/August aus, denn dann habe ich bis Weihnachten vergessen, was es war.

Wilhelm Schmid, Philosoph

Haben Sie mal so ein Geschenk verschenkt, an einen geliebten Menschen, wo sie dann hinterher erfahren haben: Oh, damals habe ich aber gedacht, ob das mit uns so lange gutgeht …?

Von einem geliebten Menschen wüsste ich das nicht. Aber in der Tat gab es da mal ein Erlebnis: Ich hatte mal was wiedergutzumachen und habe mir einen Blumenstrauß machen lassen, im Blumengeschäft, der hübsch was gekostet hat. Ich war ganz stolz darauf, mit dem Riesen-Blumenstrauß zu dieser Frau zu kommen. Und die Frau nimmt den Blumenstrauß entgegen und kommentiert ganz trocken: "Je größer der Blumenstrauß, desto schlechter das Gewissen." Und das stimmte. So einen großen Blumenstrauß habe ich nie mehr geschenkt.

Ab einem bestimmten Alter freut man sich ja, wenn man nur noch Sachen geschenkt bekommt, die dann nicht mehr herumstehen irgendwo. Also die man austrinken, aufessen oder irgendwie erleben kann. Ist das das Schwerste, Freundschaft und Gastfreundschaft schenken, oder das Einfachste, oder beides?

Ich würde doch meinen, das ist das Einfachste, wenn wir wissen, worauf es dabei ankommt. Freundschaft zu schenken, also bereit zu sein, einem anderen Menschen nahe zu kommen und ihn nahe an sich heranzulassen, geschieht ja wirklich nicht mit jedem Menschen. Und dann hängt Freundschaft einfach von bestimmten … ich wollte gerade sagen: Dingen ab. Nee, es hängt nicht von Dingen ab, sondern von ideellen Dingen, Werten wie zum Beispiel Zeit zu schenken.

Je näher ich dem Freund bin und hoffe, dass er mir nahe sein kann, desto mehr Zeit möchte ich für ihn haben. Und auch am Abend, wo mich ansonsten niemand mehr kontaktieren darf, aber für den Freund, für die Freundin da zu sein, mit Zeit, mit Aufmerksamkeit, mit Verständnis, mit Interesse, mit der Bereitschaft, zuzuhören – all das kostet gar nichts und bewirkt doch, dass eine enge Beziehung entsteht.

Auch nicht ganz unwichtig, habe ich Ihrem Buch entnommen, sind Geschenke für einen selbst. Warum ist das so wichtig, sich selbst zu beschenken?

Andere nehmen nicht immer wahr, was wir für eine großartige Arbeit machen. Dann sollen wir es wenigstens selber wahrnehmen und uns dafür belohnen. Ich schenke mir immer etwas zu Weihnachten. Das suche ich schon im Juli/August aus, denn dann habe ich bis Weihnachten vergessen, was es war. Dann ist es schon eingepackt, liegt unterm Gabenbaum. Und ich schreibe mir auch ein kleines Briefchen dazu.

Der Anfang war in der Tat, dass ich den Eindruck hatte, dass enge Familienmitglieder sich nicht ganz im Klaren sind darüber, was es bedeutet, das ganze Jahr unterwegs zu sein, vorzutragen, tagtäglich an Manuskripten zu arbeiten. Das ist wirklich manchmal keine leichte Arbeit. Ich will mich nicht beklagen, andere Menschen machen auch eine schwere und wichtige Arbeit. Aber dann kam ich eben darauf: Wenigstens von einem würde es mich freuen, wenn ich Anerkennung dafür bekomme – und wer soll das sein, außer mir?

Wenn ich Sie jetzt fragen würde, was Sie sich dieses Jahr zu Weihnachten schenken, würden Sie es verraten?

Ich verrate es: Es ist ein Buch. Aber ich weiß ernsthaft nicht mehr, welches.

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Moderator Stefan Maelck.

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MDR KULTUR - Das Radio Do 05.12.2019 18:05Uhr 03:52 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Dezember 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Dezember 2019, 09:55 Uhr

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