Interview zum 80. Geburtstag Wolfgang Schaller – Kabarettist mit Humor-Allergie

Wolfgang Schallers Kabarettprogramme haben die Dresdner Herkuleskeule geprägt. Am 20. April ist er 80 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass erinnert er sich an seine Anfänge, an seinen ersten Auftritt im Westen – und erklärt im Interview, warum er inzwischen eine Humor-Allergie hat.

Der Kabarettist Wolfgang Schaller steht im Dresdner Kabarett «Herkuleskeule».
Der Kabarettist Wolfgang Schaller Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Herr Schaller, am 20. April 1940 sind Sie in Breslau geboren. Dann haben sie erstmal ein Lehrerstudium gemacht. Und dann haben Sie auch eins am Leipziger Literaturinstitut gemacht. Sie hätten auch Romanautor oder Lyriker werden können. Wann war für Sie klar, dass das in die satirische Richtung geht?

Wolfgang Schaller: Ich bin eigentlich in einem kommunistischen Elternhaus groß geworden, mit den Idealen in der Schule des Sozialismus aufgewachsen. Und dann gab es den Punkt, als ich selbstständig zu denken begann, dass da ein großer Widerspruch zwischen der Realität und den Idealen ist. Und das habe ich versucht, mir von der Seele zu schreiben.

Und da war Kabarett eine gute Möglichkeit, im Studentenkabarett vor die Schüler zu treten, dafür auch noch bejubelt zu werden und anerkannt – ich Schüchterling, der ich damals war, fand da eine Bühne, auf der ich meine Seele austoben konnte. Und ich habe mal gesagt – mir hat, dass ich aufschreiben konnte, was mir im Herzen wichtig ist – das hat mir eigentlich den Psychiater erspart.

Und Sie durften ja auch schon zu DDR-Zeiten im Westen spielen, also jetzt gemeinsam auch mit Peter Ensikat und und Wolfgang Stumph zum Beispiel. Was hatten Sie da für ein Gefühl, als Sie da gespielt haben?

Ich war noch nie im Westen gewesen. Ich habe mit Stumph in einem Zimmer in München gewohnt und mir die mitgebrachte Salami früh zum Frühstück geschnitten, weil ich nicht wusste, dass im Frühstücksraum unten das Frühstück gratis ist. Das war ein Riesenerlebnis. Ich bin glücklich, dass ich diese Zeit miterlebt habe.

Als uns Gerhard Polt in die Alpen fuhr, am Tag danach – und ich mit Tränen in den Augen auf diesen Alpengipfeln stand – und Polt sagte: "Dort, wo die Grenze ist, dort werden eines Tages Gasthäuser stehen." Da wurde mir diese Perversität dieser Mauer zum ersten Mal bewusst.

Wir hatten uns ja an diese Verhältnisse gewöhnt, und genau wie im westlichen Teil des Landes hatte ja auch bei uns im Osten niemand gedacht, dass das so schnell geht, mit diesen berühmten Worten: "Meiner Meinung nach geschieht das sofort, unverzüglich" – dass da von heute auf morgen plötzlich die Mauer weg ist.

Die Deutsche Bank gab nach dem Auftritt ein großes Bankett. Ich glaube, seitdem ist sie auch pleite.

Wolfgang Schaller

Was haben Sie für eine Erinnerung an das Westpublikum damals, da Sie ja nun mal als "Ossi" dort aufgetreten sind?

Ja, damals waren wir noch Exoten. Wir kamen aus dem Osten, und da strömte man voller Interesse zu uns. Die Deutsche Bank gab nach dem Auftritt ein großes Bankett. Ich glaube, seitdem ist sie auch pleite.

Das hat sich heute alles geändert. Ich wünschte mir, dass meine jungen westdeutschen Kollegen ein bisschen mehr Interesse auch für das haben, was im Osten geschieht. Ich glaube, es war immer so, dass wir im Osten uns mehr interessiert haben, was in den westlichen Teilen Deutschlands geschieht.

Wenn Sie von den jungen Kollegen sprechen, würden Sie sagen, die Zeit für Kabarett ist heute schwieriger? Oder geht es nur noch um Stand-Up-Comedy? Wie schätzen Sie die Landschaft heutzutage ein?

Also ich habe eine Humor-Allergie. Das liegt an meiner Generation und an denen, die ich ein Stück begleiten durfte, deren Freund ich sein durfte – wie Dieter Hildebrandt oder, mein Glücksfall im Zusammenarbeiten, Peter Ensikat. Wir haben alle Kabarett als eine Art Aufklärung gesehen.

Da hat mal ein westdeutscher Journalist ganz aufgeregt nach der Wende gesagt: "Oh, ihr macht ja Kabarett mit Inhalt!" Wir hatten immer die Hoffnung, dass das, was wir auf der Bühne sagen, für manche – und das war damals so und ist auch heute so – wichtig ist. Wichtig ist, dass sie sich zwar auch bei uns unterhalten, aber unterhalten mit Haltung.

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Moderatorin Julia Hemmerling.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. April 2020 | 12:10 Uhr

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