Einige unbekleidete Besucher sitzen beim Musikfestival Woodstock
Drei Tage Love and Peace Bildrechte: dpa

Doku "Woodstock: Drei Tage, die eine Generation prägten" Vor 50 Jahren: Woodstock – Wie es wirklich war

Woodstock '69 gilt als das berühmteste Festival aller Zeiten. Der Film, der wenig später ins Kino kam, sorgte dafür, dass alle irgendwie dabei sein konnten, genauso wie die einzigartigen Fotos von Elliott Landy: Drei Tage Love and Peace, in Regen und Schlamm. In Zeiten des Vietnamkrieges wurde das Musikfestival zum Erweckungserlebnis für eine ganze Generation. Am Ende "zersägte" Hendrix die US-Hymne. Auf Basis von 100 Stunden Originalmaterial zeigt Barak Goodman in der Doku "Woodstock: Drei Tage, die eine Generation prägten", wie es damals wirklich war.

von Andreas Krieger, MDR KULTUR

Einige unbekleidete Besucher sitzen beim Musikfestival Woodstock
Drei Tage Love and Peace Bildrechte: dpa

"Es sieht nach Regen aus. Wir decken besser alles ab." Das Woodstock-Festival im August 1969 abgehalten auf Weidefeldern in Bethel im US-Bundesstaat New York ist in vollem Gange, da kommt ein Gewitter auf – und diese Lautsprecherdurchsage: "Ihr da ganz hinten, bitte geht weiter zurück. Weiter nach hinten. Wir müssen uns von den Masten entfernen. Legt die Mikroständer hin und deckt alles ab."

"Alles, was schief gehen konnte, ging schief", erinnert sich Koordinator John Morris, "plötzlich war die Hölle los." "Haltet einander fest. Und lasst uns den Regen vertreiben", hieß es weiter aus den Lautsprechern. Und die Menschenmenge ruft beschwörend: "No Rain. No Rain. No Rain."

Magischer Moment und politisches Ereignis

Diese Szenen kann man jetzt in der Dokumentation "Woodstock: Drei Tage, die eine Generation prägten" miterleben – Regie führte Barak Goodman, der rückblickend sagt: "Zum großen Teil war das Festival eine Serie von Pannen und schlecht geplanter Dinge. Und es war wirklich hart an der Grenze zum Desaster." Das sehen Festivalbesucher wie Laureen Starobin ein bisschen anders:

Die Außenwelt hielt es für ein Katastrophengebiet. Das fanden wir nicht.

Laureen Starobin, Festivalbesucherin

Woodstock – irgendwie waren wir ja alle mit dabei. Der Film, der wenig später ins Kino kam, hat dafür gesorgt. Und die einzigartigen Fotos von Elliott Landy, die ihn weltbekannt machten. Er war Mitte 20, als er Woodstock erlebte und meint: "Woodstock war ein kosmischer Unfall mit positiven Folgen. Es war ein magischer Moment."

Joe Cocker in Woodstock USA 1969.
Joe Cocker in Woodstock, USA (1969) Bildrechte: imago images / United Archives

Joe Cocker, The Who, Santana: Deren Auftritte zu erleben, das waren Erweckungserlebnisse, von denen man später seinen Enkelkindern berichten würde.

Dabei ist das Wetter grob, der Sound Schrott, die Bühne so zusammengestückelt wie bei einem Dorffest unter Freunden. An die 500.000 Menschen kommen schließlich. Und erleben etwas Unvorhergesehenes.

"Es war nicht als politische Veranstaltung geplant oder gedacht. Politik wurde zum Großteil sogar ausgeklammert. Am Ende aber wurde es ein politisches Ereignis", sagt Goodman.

Das Beste aus 100 Stunden Original-Material

Barak Goodman hatte für seine exzellente Dokumentation Zugriff auf 100 Stunden Material. Es ist rührend zu sehen, wie herzlich die eher konservativen Dorfbewohner vor Ort die Hippies empfangen: Die ersten Fans reisen schon zwei Wochen vorher an. Kurz vor Beginn ist der Stau 27 Kilometer lang – ein friedlicher, fröhlicher Kollaps.

"Davon haben so viele Menschen erzählt, mit denen wir gesprochen haben: von diesem umwerfenden Moment, als sie über den höchsten Punkt bei Yasgurs Farm kommen und auf der anderen Seite hinab sehen, auf diese Unmenge an Menschen, die genauso angezogen sind wie sie, fühlen wie sie, genauso aussehen wie sie", erzähltGoodman. "Viele von diesen Leuten wurden in ihren eigenen Städten und Gemeinden marginalisiert. Sie fühlten sich allein. Aber all die anderen in solcher Zahl zu sehen, die genauso fühlten und aussahen wie sie selbst, war ein absolut kathartisches Erlebnis für alle." 

Woodstock Festival-Gelände
Auf dem Gelände des Milchbauern Max Yasgur nahe der Kleinstadt Bethel im Hinterland von New York versammelten sich rund 500.000 Menschen. Bildrechte: Barry Z. Levine

Für mich war Woodstock ein spirituelles Ereignis. Es war ein utopischer Augenblick in der Geschichte der Menschheit, in dem alles harmonisch war.

Elliott Landy, Fotograf

Zeit tiefer Krise: Zwischen Mondlandung und Vietnamkrieg

Jimi Hendrix nahm mit seiner Band am Festival teil.
Jimi Hendrix bei Woodstock, 1969 Bildrechte: Barry Z. Levine

Die USA stecten 1969 in einer tiefen Krise. Ein Jahr zuvor sind Bürgerrechtler Martin Luther King und Präsidentschaftskandidat Robert F. Kennedy ermordet worden. Aber auch die Mondlandung find nur einen Monat vor Woodstock statt.

Doch wie eine große Depression überlagerte der Vietnamkrieg Amerika. Wut, Verzweiflung, Resignation – die Jugend in Todesangst. In Woodstock "zersägte" James Marshall "Jimi" Hendrix am Morgen des dritten Festivaltages schließlich die amerikanische Nationalhymne aus Protest gegen den Vietnamkrieg.

Das Land war zerrissen vom Krieg in Vietnam. Wir denken bei den Sechzigern immer an Liebe und Frieden. Es war alles andere als das. Wir bewegen uns gerade jetzt zurück zu einem Zustand, der sich der ähnlich anfühlt wie damals.

Barak Goodman, Regisseur

"Anarchie im besten Sinne" – Die Uhr stand drei Tage still

Richie Havens
Richie Havens spielt "Freedom" Bildrechte: dpa

Doch zuvor ist das Woodstock-Festival eine Feier des Lebens. Eine halbe Million Menschen werden sich auf den Weg machen. Die Veranstalter bekommen die Zäune nicht fertig, so braucht es auch keine Ticketschalter mehr. "Woodstock war als kapitalistische Unternehmung geplant. Die Veranstalter wollten Geld machen. Aber als sie sahen, dass sie nicht nur kein Geld verdienen, sondern alles verlieren würden, entschieden sie, trotzdem weiterzumachen", erzählt Goodman. "Sie entschieden, dass hier etwas Bedeutsameres passiert und das ist ziemlich genau der Geist von Woodstock. "Woodstock war Anarchie im besten Sinne – eine Erfahrung, die Menschen mal in Ruhe zu lassen, nicht zu kontrollieren, was sie tun", so der Fotograf Elliott Landy.

Richie Havens muss als erster spielen, weil die anderen Bands im Stau feststecken. So lange bis ihm die Songs ausgehen und er spontan diesen einen improvisiert: "Freedom". Es wird die Hymne des Festivals. Woodstock war ein politisches Statement, vollkommen spontan, gewaltfrei und friedlich bis zum Schluss. Das wirkt heute allerdings wie eine romantische Utopie.

Woodstock Festivalbesucher 1969
Erschöpfte Woodstock-Festivalbesucher, 1969 Bildrechte: IMAGO

"Woodstock wurde ein grandioser Moment, der das Beste der Gegenkultur herauskristallisierte", fasst Goodman zusammen. "Es war nicht so, dass im ganzen Land plötzlich Friede und Liebe ausgebrochen wären. Es gab immer noch sehr viele Konflikte und Gewalt. Ein paar Monate später würde die Tragödie von Altamont geschehen. Watergate würde noch passieren. Aber immerhin hatte man dieses Beispiel, was möglich war und was das Beste der Gegenkultur wirklich bedeutete." "Es war ein Meilenstein unserer Zeit", findet Festivalbesucherin Katherine Daye. "Daran besteht kein Zweifel. Die Uhr stand drei Tage still."

Buchtipp Elliott Landy: "Woodstock Vision – The Spirit of a Generation"
223 Seiten, 300 Fotografien
Verlag Zweitausendeins
ISBN: 978-3-96318-033-0

Ausstellungstipp "50 Years Woodstock – The Exhibition"
Wanderausstellung mit Fotos von Elliot Landy

Papenburg, Zeitspeicher
29. Juni bis 2. September 2019

Karlsruhe, Schlosslichtspiele
8. August bis 15. September 2019

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 08. August 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. August 2019, 04:00 Uhr

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