Debatte Religionsunterricht in der Schule: Ein Auslaufmodell?

Die Kirchen verlieren im Jahr 600.000 Mitglieder, zugleich werden Fragen der Religion in Politik und Gesellschaft immer wichtiger. Nicht erst seit dem großen Zuzug von muslimischen Flüchtlingen 2015. Zur Bildung gehört es, mit kulturellen Differenzen umgehen zu lernen. Die Anfang der 90er-Jahre eingerichtete Fächergruppe Ethik/Evangelische/Katholische Religion in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen arbeitet an Konzepten. Wie in Schulen mit Religion und Ethik umgegangen werden sollte, haben wir bei Michael Domsgen von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg nachgefragt.

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MDR KULTUR - Das Radio Di 09.04.2019 18:05Uhr 35:47 min

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MDR KULTUR: In Sachsen-Anhalt sind Christen in der Minderheit: Zwölf Prozent sind evangelisch, knapp vier Prozent katholisch. Ist der Religionsunterricht in einem Bundesland, in dem nur eine Minderheit einer Kirche angehört eine Chance oder eine Schwierigkeit?

Michael Domsgen, Professor für evangelische Religionspädagogik an der Martin-Luther-Universität Halle: Es ist beides: Also einerseits ist es eine Chance, weil viele verquere Prägungen gar nicht da sind. Der Unterrichtsgegenstand ist so fremd geworden, dass man sich darüber gar nicht mehr aufregen muss, sondern eigentlich sich schon wieder in einer Unbedarftheit der Sache zuwenden kann, im Modus des experimentellen Annäherns.

Die Schwierigkeiten sind vor allem struktureller Art. Bei den Schülerinnen und Schülern finde ich eine große Offenheit, auch jenseits des Religionsunterrichtes. Seitens der Schulleitung wird aber nicht immer mit genügend Engagement vertreten, dass man dieses Fach auch einrichten möchte.

Wie sieht es überhaupt aus, flächendeckend evangelischen oder gerade katholischen Religionsunterricht anzubieten, stelle ich mir schwierig vor ...

Ja, die beste Abdeckung, wenn wir das so sagen wollen, haben wir im Gymnasialbereich. Da ist der evangelischen Religionsunterricht zu hundert Prozent an den Schulen vertreten, der katholische an jeder vierten Schule. Und da sind auch die Teilnahmezahlen am allerhöchsten, mit 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler. Das ist schon sehr viel, auch im Hinblick auf die Kirchenzugehörigkeitszahlen.

In den anderen Schulformen sieht es deutlich schlechter aus. Die Fächergruppe ist im Grunde genommen nur an neun der 448 Grundschulen vertreten, der Religionsunterricht ungefähr an ein zwei Dritteln der Grundschulen. Also da gibt es sehr viele weiße Flecken und die werden nicht kleiner, sondern leider momentan wieder ein bisschen größer.

Wie kommt das zustande?

Das Land hat natürlich jetzt sehr damit zu tun, dass die Schülerzahlen steigen, während es gleichzeitig zu wenige Lehrerinnen und Lehrern gibt. Insofern wird dann überlegt, wie können wir das Unterrichtsangebot jetzt aufrechterhalten und viele Religionslehrerinnen und -lehrer werden sehr stark in ihren anderen Fächern eingesetzt.

Macht es denn einen Unterschied, ob das Fach von ausgebildeten Religionslehrern oder von Pfarrern oder Gemeindepädagogen unterrichtet wird? Es soll ja im Prinzip eigentlich keine Missionierung stattfinden ...

Es findet auch keine Missionierung statt. Staatliche wie kirchliche Lehrkräfte unterliegen denselben Ansprüchen, denselben Forderungen. Was sie unterscheidet: Staatliche Lehrkräfte sind sehr im System Schule zuhause, dort auch mit ihrem anderen Fach aktiv und insofern bei den Schülerinnen und Schülern bekannt. Kirchliche Mitarbeiter bringen die Erfahrung eines zweiten Feldes und damit eine Tendenz zur Vernetzung mit. Das ist ein Riesenpotenzial, so dass Schule sich auch als Teil des Gemeinwesens verstehen kann. Das sehe ich als Chance.

Und wenn ich noch eins zum Thema Missionierung sagen darf: Jeder gute Lehrer, jede gute Lehrerin hat etwas Missionarisches, brennt für sein Fach. Das ist sozusagen ein ganz wichtiges Movens für das Lernen an sich. Das ist aber nicht zu verwechseln mit Indoktrination. Wir haben ja in der Politik-Didaktik einen ganz wichtigen Punkt mit dem Beutelsbacher Konsens, mit einem Überwältigungsverbot und der gilt, völlig klar, auch für den Religionsunterricht. Gleichzeitig erwarte ich, dass die Lehrerinnen und Lehrer auch das zeigen können, was ihnen wichtig ist. Lehren heißt: Zeigen, was man liebt.

In Sachsen wird es jüdischen Religionsunterricht geben, in Sachsen-Anhalt auch?

Von den rechtlichen Regelungen her, ist das grundsätzlich möglich. Die jetzige Regierungskoalition aus CDU, SPD und den Grünen hat in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten, dass man über die Möglichkeit eines islamischen Religionsunterrichts analog zu dem Religionsunterricht der christlichen Kirchen nachdenken will, zumindest die Voraussetzungen prüfen, und dann wäre das im selben Atemzug natürlich auch für den jüdischen Religionsunterricht denkbar.

  Gesamtschülerzahl Katholischer RU Evangelischer RU Ethik
Sachsen-Anhalt (2017) 194.000 1.293 29.937 Alle anderen
Thüringen (2018) 244.085 12.370 49.623 150.297
Sachsen (2018) 373.241 7.862 90.885 271.666

Die Klassen werden mit Sicherheit sehr, sehr klein werden, wenn nur die konfessionell gebundenen Kinder im jeweiligen Religionsunterricht sind. Ich könnte mir vorstellen, dass auch sehr viele andere, die nicht konfessionell gebunden sind, einfach aus Interesse diesen Unterricht besuchen ...

Am evangelischen Religionsunterricht in Sachsen- Anhalt nehmen beispielsweise mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler teil, die nicht getauft sind. Also schon da sehen wir, es gehen nicht nur die evangelischen Schülerinnen und Schüler dorthin. Das wäre bei einem jüdischen Religionsunterricht sicherlich ganz genauso. Insofern ist das erstmal zu begrüßen, vor allem aus dem Punkt heraus, dass es hier die Möglichkeit gäbe, im Raum der Schule einer Religion aus der Innenperspektive zu begegnen. Also nicht nur im Modus der Information darüber, sondern mit der Möglichkeit einzutauchen in diese Welten, weil ich nämlich authentische Vertreter vor mir habe, die ich anfragen kann, an denen ich mich auch reiben kann. So lerne ich den Unterschied zwischen religiösem Reden und dem Reden über Religion. Das ist ein ganz hohes Gut, das kriegen wir so im Modus der Information schlecht hin.

In Sachsen Anhalt hat ja die Politik über die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts kürzlich gestritten. Daraus wird nun erst mal nichts. Der Islam soll aber an einigen Schulen künftig intensiver im Ethik-Unterricht behandelt werden. Ist das für Sie eher eine Zwischenlösung?

Also erstmal: Schön wenn, der Islam auch im Ethikunterricht behandelt wird. Gleichzeitig gilt für mich genau das, was ich jetzt gerade angedeutet habe: Die Gefahr ist, dass dann die jeweilige Religion sozusagen in ihrem Innenleben nicht genügend zur Kenntnis genommen wird und vielleicht eher etwas eintritt, was wir gar nicht wollen: Ich lerne irgendwelche Fakten, aber es erschließt sich mir nicht die Innenwelt. Ich selber kann mir durchaus vorstellen, dass wir in den Religionsunterrichten, die wir haben, im Status der Gastfreundschaft agieren. Also auch im christlichen Religionsunterricht dem Islam begegnen, indem wir Vertreterinnen und Vertreter einladen, die dann diese Innenperspektive mit einbringen.

Nun könnte ich mir vorstellen, dass es Leute gibt, die gerade dem Islam und seinen Kirchenvertretern einen großen Missionierungsdrang unterstellen. Was könnte man denen antworten, denn Missionierung soll ja eindeutig nicht stattfinden.

Genau, das ist ganz wichtig. Das Schöne ist ja, dass die Schule hier als ein vom Staat kontrollierter Raum in den Blick kommt. Das heißt, der Religionsunterricht, so wie er nach der Rechtskonstruktion jetzt gegenwärtig geplant ist, ist eine so genannte res mixta, eine gemischte Angelegenheit. Der Staat überwacht die ganze Geschichte, die Kirchen und Religionsgemeinschaften sind für die inhaltliche Ausgestaltung zuständig. Die Gefahr einer Missionierung wird so gebannt. Und dann, muss man sagen, haben alle Eltern auch das Recht, in den Religionsunterricht mal hineinzuschauen und mit den Lehrern zu reden. Also ich hatte in meinem eigenen Religionsunterricht immer mal wieder Eltern zu Gast, die ein, zwei Stunden mitgemacht haben, um das kennenzulernen.

Wenn wir jetzt mal in die Zukunft schauen: Rund 600.000 Menschen hierzulande treten aus der Kirche aus oder sterben weg pro Jahr, viele neue Mitglieder wird es nicht geben. Wie soll der zukünftige Religionsunterricht an unseren Schulen vor diesem Hintergrund aussehen?

Zum einen darf man nicht den Fehler machen, zu denken, wenn die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt, würde sich das Thema Religion automatisch erledigen. Insofern wäre für mich völlig klar, dass Religion weiterhin einen Platz in der Schule haben muss. Wie der Religionsunterricht konkret aussehen soll, darüber werden wir nachdenken und diskutieren müssen. Meine eigenen Vorstellungen gehen hin zu einem ganz stark kooperativen Religionsunterricht.

Mit Blick auf Sachsen-Anhalt hieße das für mich zum Beispiel, den Religionsunterricht sehr stark konfessions-sensibel zu machen. Das heißt, wenn also kein katholischer Religionsunterricht angeboten wird, dann im evangelischen Religionsunterricht die Möglichkeit zu geben, dass dort auch authentisch der katholischen Perspektive begegnet werden kann. Das wäre auch eine Möglichkeit mit Blick auf den Islam. Somit wäre der Religionsunterricht ein Forum. Gleichzeitig sollte es Kooperationen mit dem Ethikunterricht geben, so dass deutlich wird, die eine Perspektive wird mit der anderen zusammengebracht. Das hätte den ganz großen Vorteil, dass Schülerinnen und Schüler lernen, mit Differenzen umzugehen. Denn ich fange erst an, etwas zu lernen, wenn mich etwas irritiert.

Religionsunterricht und Ethik als Fächergruppe könnten im Grunde genommen eine Potenzial bilden, mit Differenzen umzugehen und dass das gerade in Sachsen-Anhalt ein Riesenthema ist, dass das sehr wichtig wäre, wird niemand bestreiten. Ich glaube, hier ist noch sehr viel Potenzial, was brach liegt, was gehoben werden könnte, wenn man die Fächergruppe so ausgestaltet.

Das Gespräch führte Annett Mautner für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. April 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. April 2019, 04:00 Uhr

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