Michael Bittner
Wilde Zeiten: Michael Bittner, freier Autor, hätte gern viel öfter Zeitumstellung. Bildrechte: Amac Garbe

Satire Wenn schon Zeitumstellung, dann bitte richtig

Gehört die Umstellung zwischen Winterzeit und Sommerzeit abgeschafft? Nein, sagt unser Kolumnist Michael Bittner. Er fordert sogar eine weitaus radikalere Zeitumstellung: Zum Beispiel von Sonntagabend auf Freitagmittag.

Michael Bittner
Wilde Zeiten: Michael Bittner, freier Autor, hätte gern viel öfter Zeitumstellung. Bildrechte: Amac Garbe

Da sage noch mal einer, die politische Elite sei taub für die Stimme des gemeinen Volkes! Hat doch die Europäische Kommission in Brüssel jüngst geruht, die Bürger Europas nach ihrer Meinung zu fragen. Vorsichtshalber erkundigte man sich aber erst einmal noch nicht danach, ob der Kapitalismus abgeschafft oder der ewige Frieden ausgerufen werden soll.

Man fragte nur unverbindlich, ob die Europäer die Sommerzeit beibehalten wollen. Der Ansturm auf die Online-Umfrage war gewaltig, allerdings vor allem von deutschen Rechnern aus. Das liegt vermutlich daran, dass die Menschen in den anderen europäischen Ländern wirkliche Probleme haben.

Morgens zu früh früh und abends zu spät spät

Auch für mich gehört die Zeitumstellung zu den größten Sorgen, die ich mir nicht mache. Auf der Rangliste der eingebildetsten Wohlstandsmacken steht das Leiden an der Sommerzeit meiner Einschätzung nach nur knapp hinter der Glutenvergiftung und dem Elektrosmog. Körperliche oder geistige Schäden habe ich jedenfalls bislang nicht zu beklagen, abgesehen von einer zwei Mal im Jahr auftretenden Verwirrung darüber, ob der Zeiger nun vor- oder zurückgedreht werden muss. Im schlimmsten Fall stehe ich beim Bäcker vor verschlossener Tür. In Lebensgefahr gerate ich dadurch nicht.

Ich leide stattdessen an einem viel tiefgreifenderen Zeitproblem: Es ist in meinen Augen morgens immer zu früh früh und abends zu spät spät. Würde es später früh und früher spät, dann wäre nämlich die Zeit erheblich kürzer, die zwischendurch noch für die Arbeit bliebe, jene schlimmste Geißel der Menschheit.

Mehr Zeitumstellung wagen!

Ich wäre augenblicklich bereit, für eine Zeitumstellung zu stimmen, bei der alle Uhren wochentags um sieben Uhr morgens auf fünf Uhr abends vorgestellt werden. Zum Ausgleich könnte man die Uhr am Sonntagabend auf Freitagmittag zurückstellen. Alle Maßnahmen mit geringerer Wirkung interessieren mich hingegen nicht.

Auch ob es draußen hell oder dunkel ist, berührt mich wenig. Ich bin kein Nachtschattengewächs und auch nicht wechselwarm. Ich bin zudem frei von Vorurteilen, so etwa von dem Aberglauben, man dürfe Bier erst mit Einbruch der Abenddämmerung konsumieren. Lassen wir uns doch von den Launen eines wankelmütigen Planeten nicht die Laune verderben! Nur weil die Erde sich dreht, müssen doch nicht alle unsere Gedanken um Tag und Nacht kreisen!

Öfter mal die Nacht zum Tag machen

Ich verstehe auch nicht, wieso Menschen sich im Winter von den Lichtverhältnissen das Gemüt eintrüben lassen. Ich empfehle, es einfach mal mit einer therapeutischen Zeitumstellung zu versuchen: Man mache mit Freunden die Nacht zum Tag und zum Ausgleich dann den folgenden Tag zur Nacht. Ich habe mit dieser Methode, soweit ich mich erinnern kann, die besten Erfahrungen gesammelt.

Soll nun die Sommerzeit abgeschafft werden, wie es die deutschen Bürger in ihrer Mehrheit wollen? Oder muss sie doch beibehalten werden? Soll gar für immer die Sommerzeit gelten? Ich enthalte mich in diesen Fragen meiner Stimme – und zwar mit aller Entschiedenheit. Die Europäische Union kann sich wieder bei mir melden, sobald sie endlich eine Richtlinie ins Auge fasst, die wirkliche Veränderung bringt und vorschreibt, fortan möge für immer Sommer sein.

Über den Autor Michael Bittner, geboren 1980 in Görlitz, lebt als freier Autor in Berlin. Er hat 2005 die Dresdner Lesebühne "Sax Royal" mitbegründet. Seitdem liest er dort und bei ähnlichen Veranstaltungen in anderen Städten regelmäßig eigene Texte. Er schreibt nach eigenen Angaben Satiren, Geschichten, Kolumnen und politische Artikel unter anderem für die "Sächsische Zeitung" und die "taz". Von Michael Bittner sind mehrere Bücher erschienen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Oktober 2018 | 12:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Oktober 2018, 04:00 Uhr