Kunst als fünfte Gewalt Das Zentrum für politische Schönheit legt gegen Höcke nach

Letzte Woche platzierte das "Zentrum für politische Schönheit" (ZPS) 24 Stelen in direkter Nachbarschaft zu AfD-Politiker Björn Höcke - nach Absicht der Künstler sein persönliches "Denkmal der Schande". Debattiert wird jetzt wieder die Frage: Was darf die Kunst? Für Philipp Ruch vom ZPS ist sie die fünfte Gewalt.

Die Berliner Künstlergruppe "Zentrum für politische Schönheit" (ZPS) nimmt Thüringens AfD-Fraktionschef Björn Höcke weiter ins Visier.

Wahlkampf – Die große Suche nach Landolf Ladig
Wahlkampf - oder die große Frage, wer verbirgt sich hinter Landolf Ladig? Bildrechte: Zentrum für Politische Schönheit

Auf den Nachbau des Berliner Holocaust-Denkmals mit 24 Stelen in Sichtweite von Höckes Haus folgte in der Nacht zu Mittwoch die Aufstellung von zwei drei Meter großen "NPD-Wahlplakate" in Bornhagen, die mit dem Konterfei Höckes für einen NPD-Kandidaten Landolf Ladig werben. Außerdem verteilten die Künstler in den umliegenden Orten 12.400 Flugblätter, um nach "gerichtlich verwertbaren Beweisen" zu fahnden, dass Landolf Ladig und Björn Höcke dieselbe Person sind. Dafür lobten sie Belohnungen zwischen 250 und 5.000 Euro aus. Unter dem Pseudonym "Landolf Ladig" soll Höcke für rechtsextreme Publikationen geschrieben haben. Höcke hat eine Urheberschaft der Texte mehrfach abgestritten, abschließende Beweise dafür gibt es nicht. Als unbestreitbar sehen die Künstler seine Teilnahme an einer Neonazi-Demonstration vor einigen Jahren.

Künstler dementieren Ausspähen der Familie Höckes

Philipp Ruch, künstlerischer Leiter des Zentrums für Politische Schönheit
Philipp Ruch, künstlerischer Leiter des Zentrums für Politische Schönheit Bildrechte: IMAGO

Im Gespräch mit MDR KULTUR stellte Philipp Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit die neue Aktion in einen Zusammenhang mit dem Bundesparteitag der AfD am Wochenende in Hannover. Sollte Höcke dort für die Vorstandswahlen kandidieren, kündigte das ZPS "Enthüllungen" über Höcke an.

Wir machen Kunst und innerhalb der Kunst setzen wir uns mit dem obersten Hetzer Deutschlands auseinander. Wir haben ihn halt über zehn Monate beobachtet, wissen alles über Björn Höcke und können seiner politischen Karriere ein Ende machen.

Philipp Ruch, Zentrum für Politische Schönheit

Zugleich dementierte Ruch, die Familie Höckes, insbesondere die Kinder ausspioniert, fotografiert oder gefilmt zu haben. Das sei zu keiner Zeit geschehen und vom ZPS sogar an Eides Statt versichert worden. Die Alternative für Deutschland hatte am vergangenen Mittwoch mitgeteilt, die Künstlergruppe würde seit Monaten die Familie Höcke stalken.

Uns hat der banale Alltag nicht interessiert, sondern allein das Politische. Höckes Persönlichkeitsrechte wollten wir dabei nicht verletzen. Das müssen wir auch nicht. Denn er (und seine Äußerungen) sind immer noch die beste Quelle und sprechen für sich selbst.

Philipp Ruch, Zentrum für Politische Schönheit

"Zivilgesellschaftlicher Verfassungsschutz"

Auch auf der sogenannten COMPACT-Konferenz am vergangenen Wochenende in Leipzig hatte Höcke in seiner Rede beklagt, seine Familie sei vom ZPS ausspioniert worden: "Überübermorgen" brenne "vielleicht dann das Haus von Björn Höcke und vielleicht sind dann vier unschuldige Kinder unter den Toten," sagte der AfD-Politiker in seiner Rede.

Ruch kontert, das ZPS betreibe "aggressiven Humanismus" und müsse etwas richtig gemacht haben, wenn "der oberste Hetzer des Landes" das ZPS eine "terroristische Vereinigung" nenne. Da der Staat zu wenig gegen Rechtsradikale unternehme und auch die Medien als vierte Gewalt versagten, propagiere das ZPS "zivilgesellschaftlichen Verfassungsschutz". Die Kunst agiere quasi als fünfte Gewalt.

Sebastian Graalfs, Anwalt in der Berliner Kanzlei Schertz und Bergmann, sieht weniger in der Verletzung von Persönlichkeitsrechten eine Gefahr, sondern in der Frage:

Wo rufe ich die Gesellschaft auf, sich gegenseitig zu überwachen, wie soll das gehen? Das ist das Problematische an dieser Aktion, weil die Demokratie lebt davon, dass wir Schutz haben vor Überwachung.

Sebastian Graalfs, Anwalt

Künstlerkollektiv erwirbt weiteres Grundstück in Bornhagen

Dass die "Landolf-Ladig"-Plakate laut Polizei nach kurzer Zeit umgedreht wurden, damit sie von der Straße aus nicht mehr sichtbar sind, stört Ruch nicht. Das Künstlerkollektiv plant dank einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne bereits für die Zukunft. Für den Fall, dass der Vermieter des Grundstücks, auf dem der Nachbau des Berliner Holocaust-Denkmals jetzt steht, den Vertrag kündigt, sieht sich das Zentrum für politische Schönheit gerüstet. Gerade habe man in Bornhagen ein anderes Grundstück ganz in der Nähe käuflich erwerben können, um dort gegebenfalls ein weiteres Mahnmal zu errichten. Auch von Morddrohungen wollten sich die Künstler nicht beeindrucken lassen. Ruch zufolge drohten Mailschreiber mit Vergasung, ein Anrufer meldete sich als Vertreter der "AfD-Totenkopfstandarte".

24 Stelen in Höckes Vorgarten

Vergangene Woche hatte das "Zentrum für politische Schönheit" den Mahnmal-Nachbau in Bornhagen enthüllt, um gegen die umstrittene Rede des AfD-Politikers vom Januar in Dresden zu protestieren. Darin hatte Höcke mit Blick auf das Berliner Mahnmal für die im Holocaust ermordeten Juden von einem "Denkmal der Schande" gesprochen. Unter anderem forderte der frühere Geschichtslehrer eine 180-Grad-Wende in der deutschen Erinnerungskultur.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 30. November 2017 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Dezember 2017, 09:12 Uhr

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