Eine Säule, in die Asche von Auschwitzopfern eingegossen worden sein soll, steht vor dem Reichstag. 
Die Gedenksäule des Zentrums für Politische Schönheit im Berliner Regierungsviertel. Bildrechte: dpa

Interview Historiker Götz Aly begrüßt Aschesäule in Berlin

Das Zentrum für politische Schönheit hat in Berlin eine Säule aufgebaut, in der angeblich die Asche von Holocaust-Opfern enthalten ist. Mit der Begründung, dass sich jahrelang niemand um diese menschlichen Überreste gekümmert habe. Ist dieser Vorwurf berechtigt, schieben wir die Vernichtung von uns weg? Fragen an den Historiker Götz Aly.

Eine Säule, in die Asche von Auschwitzopfern eingegossen worden sein soll, steht vor dem Reichstag. 
Die Gedenksäule des Zentrums für Politische Schönheit im Berliner Regierungsviertel. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Herr Aly, ist es wirklich so, dass sich bisher niemand um die Überreste der NS-Opfer gekümmert hat? Musste erst das Zentrum für politische Schönheit die angebliche Asche von ihnen in eine Säule gießen?

Götz Aly: Ja, das kann man im Großen und Ganzen so sagen. Und vor allem handelt es sich hier auch nicht um angebliche Asche von NS-Opfern, sondern um tatsächliche Asche. Europa und auch Teile von Deutschland sind voll von diesen Massengräbern. Und um die hat sich keiner gekümmert.

Die deutschen Kriegsgräber für unsere Soldaten sind überall gepflegt, von Sankt Petersburg bis Kreta. Wo sich die sterblichen Überreste der Ermordeten aus den Lagern befinden, weiß man nicht. Da wird auch der Boden nicht gekennzeichnet. Das ist schon eine Art von Verdrängung, von "nicht wissen wollen".

Ich finde diese Aktion deswegen dankenswert. Auch, weil sich die Wissenschaft heutzutage mit sehr detaillierten Fragen beschäftigt, da geht es dann beispielsweise um irgendeine jüdische Familie unter besonderen feministischen Gesichtspunkten im Frankfurter Westend, im März 1938. Aber zur grundsätzlichen Frage der Vernichtung – Was geschah mit den Resten der Asche? Den Knochen? – Darüber gibt es keine Monographie.

Woher können wir denn wissen, dass in der Säule tatsächlich die Überreste von Ermordeten sind?

Ich kann Ihnen das von hier aus nicht beweisen, aber die Wahrscheinlichkeit ist extrem hoch. Ich war selbst vor 40 Jahren zum ersten Mal in Auschwitz: Ich lief damals um diese Jahreszeit bei Regen ganz allein über das Gelände von Birkenau. Es waren keine Menschen unterwegs, es gab auch keine richtigen Wege.

Der Regen legte also den Boden frei, und überall kamen weiße Knochensplitter heraus. Wir standen auf Asche. Wir standen auf menschlichen Knochen. Inzwischen ist der Humus wahrscheinlich etwas stärker geworden. Es gibt gepflegte Wege, offizielle Gedenkstätten, und die Überreste sind verschwunden. Und da sage ich: Da stimmt etwas nicht.

Das klingt tatsächlich sehr würdelos. Wie kann man denn erklären, was da schiefgelaufen ist?

Ja, es ist würdelos! Wir wollen es halt nicht so genau wissen, wollen es wegschieben. Das ist eben was anderes als ein gefallener Soldat im Krieg. Hier sollten die Menschen entpersonifiziert, zu einem Nichts gemacht werden. Und das geschieht tatsächlich bis heute.

Wenn die Überreste jetzt noch in der Erde liegen, was könnte man tun?

Der Historiker Götz Aly spricht in einer Gedenkstunde im Thüringer Landtag.
Götz Aly Bildrechte: dpa

Man sollte diese riesigen Felder, die Massengräber sichtbar machen. Das ist das Mindeste. In Berlin gibt es beispielsweise an allen Friedhöfen, beim Eingang oder an irgendeiner anderen Stelle, große Massengräber.

Dieses Zeigen – hier sind die sterblichen Überreste von mindestens 10.000 Menschen oder mehr, die vergast oder erschossen wurden – müssen wir auf die Dauer auf uns nehmen. Deswegen finde ich es gut, dass das Zentrum für Politische Schönheit heute auf diesen Punkt aufmerksam gemacht hat. Im kommenden Jahr haben wir 75 Jahre Auschwitzbefreiung, 75 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs. Da ist es sehr passend, sich auch darüber Gedanken zu machen.

Wie hoch ist die Gefahr, dass die Opfer für solch eine künstlerische Aktion instrumentalisiert werden?

Ich glaube nicht, dass das passiert. Wenn diese Gruppe sagt – "Okay, wir wollen sie dem Vergessen entreißen. Wir wollen diesen weißen Fleck der geschichtlichen Betrachtung bekannt machen. Wir wollen zeigen, was da im Verborgenen noch schlummert", dann finde ich das in jedem Fall berechtigt.

Es wird in diesem Fall ja ganz klar die AfD angegriffen, wie ja auch schon beim Nachbau des Holocaust-Mahnmals. Ist das der richtige Adressat in diesem Kontext?

Im Fall von Björn Höcke fand ich das völlig richtig, denn er hat sich ja konkret zu diesem Denkmal geäußert. Jetzt, in diesem Fall, finde ich die Verbindung etwas fragwürdig. Ich würde das nicht machen. Aber ich finde die Tatsache wichtig, dass man darauf hinweist, dass es um die Asche geht. Ich würde es nicht instrumentalisieren gegen die jetzige AfD.

Der Historiker Götz Aly spricht in einer Gedenkstunde im Thüringer Landtag. 7 min
Bildrechte: dpa

Die Kunstaktion des Zentrums für politische Schönheit, bei der sie die Asche von Holocaust-Opfern vor dem Bundestaggebäube aufstellen ließ, sorgte für viel Aufsehen. Dazu im Gespräch mit dem Journalisten Götz Aly.

MDR KULTUR - Das Radio Di 03.12.2019 07:10Uhr 06:36 min

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Der Historiker Götz Aly spricht in einer Gedenkstunde im Thüringer Landtag. 7 min
Bildrechte: dpa

Die Fragen stellte Vladimir Balzer für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Dezember 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Dezember 2019, 11:08 Uhr

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