"They Shall Not Grow Old" Peter Jackson zeigt Dokfilm über die Grauen des Ersten Weltkriegs

Der Regisseur von Hollywood-Blockbustern wie "Der Herr der Ringe" und "Der Hobbit" hat sich eines unerwarteten Themas angenommen. Für den Dokumentarfilm "They Shall Not Grow Old" ("Sie sollen nicht alt werden") ließ er detailversessen Filme aus dem Ersten Weltkrieg restaurieren. Selbst die gesprochenen Worte ließ er von Lippenlesern analysieren und nachsprechen. So werden die Soldaten wieder beklemmend lebendig.

von David Gern, MDR KULTUR

Der Dokumentarfilm "They Shall Not Grow Old" zeigt den Ersten Weltkrieg, wie wir ihn noch nie gesehen haben. Hollywood-Regisseur Peter Jackson ("Der Herr der Ringe") hat dafür altes Material aus englischen Archiven aufwendig restauriert. Seine Motivation speiste sich aus folgenden Fragen: "Ich dachte: Könnten wir diese Aufnahmen aussehen lassen, als seien sie brandneu? Wenn wir unsere gesamte Computerleistung nur dafür einsetzen? 3D-Animationen in modernen Filmen kennen wir – aber was können wir mit alten Filmen anstellen?"

Das Ergebnis ist beeindruckend und verstörend zugleich. Man sieht hundert Jahre alte Aufnahmen von britischen Soldaten, die in den Krieg zogen. Gedreht wurden sie zu Propagandazwecken, aber auch ganz alltägliche Aufnahmen sind dabei.

Bild aus dem Film "They Shall Not Grow Old"

Vorher-Nachher-Vergleich

They shall not grow old
Bildrechte: © 2018 Imperial War Museum, Warner Bros. Pictures
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Originaltexte von Lippen abgelesen

Das Material wurde nicht nur koloriert und für das Kino sogar in 3D umgewandelt, auch das Tempo und die Bewegungen wurden angepasst. Das hatte einen speziellen Grund, meint Jackson und erläutert: "Man benutzte damals Handkurbel-Kameras. Die Geschwindigkeiten waren deswegen total durcheinander. Heute machen Kameras 24 Bilder in der Sekunde. Die Jungs damals aber machten zehn Bilder in der Sekunde oder 12 oder 14! Je nachdem, wie schnell sie drehten."

Peter Jackson setzte zudem professionelle Lippenleser ein. Sie lasen aus dem Stummfilmmaterial heraus, was die Soldaten zueinander sagten. Das wurde dann von Schauspielern nachgesprochen.

Bild aus dem Film "They Shall Not Grow Old"

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Bildrechte: © 2018 Imperial War Museum, Warner Bros. Pictures
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Keine Effekthascherei

Man kann sich nun fragen, was das Ganze soll. Ist es reiner Effekt oder eine technologische Protzerei, die den Ersten Weltkrieg nur zu einem weiteren Kino-Spektakel macht – so wie die Schlachten in Jacksons "Der Herr der Ringe"- und "Der Hobbit"-Filmen? Der Regisseur weist das von sich. Der technische Aufwand stehe für ihn in einer aufklärerischen und moralischen Funktion. Jackson wollte die dargestellten Soldaten in der Wahrnehmung wieder zu realen Menschen werden lassen. Und er ging noch über das Visuelle hinaus: "Wenn wir diese Jungs zurück ins Leben holen, dann müssen wir sie auch dazu bringen, ihre Geschichte zu erzählen", bemerkt er zu seiner Intention, den Dargestellten auch wieder Stimmen zu geben.

Das Entscheidende bei der Bearbeitung ist, dass sie die Menschlichkeit dieser Männer zurückbringt. Sie sind nicht länger verschwommen, sondern sie werden wieder lebendig, echte Menschen.

Peter Jackson, Regisseur
Britische Soldaten stehen mit Gasmasken im Schützengraben. 2 min
Bildrechte: Warner Bros. Pictures

Der Regisseur von Hollywood-Blockbustern wie "Der Hobbit" hat sich eines unerwarteten Themas angenommen. Er ließ Filme aus dem Ersten Weltkrieg detailversessen restaurieren. Die Soldaten werden so beklemmend lebendig.

Mo 24.06.2019 16:10Uhr 02:23 min

https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/video-sonstige/they-shall-not-grow-old-trailer-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Der Zuschauer wird allein gelassen

Dieser Film ordnet nicht ein, kein Kommentar gibt Überblick über politische oder strategische Gründe. Der Film verlässt sich ganz und gar auf alte BBC-Interviews mit britischen Kriegsveteranen. Einer der längst verstorbenen Soldaten erzählt so beispielsweise "Wir waren völlig abgeschnitten von der Zivilisation. Zurückgelassen, isoliert, in all diesem Dreck." Der Zuschauer wird mit diesen Zeugnissen allein gelassen.

Bild aus dem Film "They Shall Not Grow Old"

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Bildrechte: © 2018 Imperial War Museum, Warner Bros. Pictures
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Bildrechte: © 2018 Imperial War Museum, Warner Bros. Pictures
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Die Erfahrungsberichte der Soldaten sind irritierend. Die jungen Männer, oft fast noch Kinder, waren begeistert, freuten sich sogar auf den Krieg. Noch gab es keine Bilder – sie wussten nicht, was sie erwartet. Und was sie erwartete, war der Tod. Und bis dahin unvorstellbare Methoden des Tötens.

Wir benutzten auch Fotografien toter Körper, die direkt nach der Schlacht gemacht wurden. Sie sind ziemlich schrecklich, aber ich hielt das für wichtig, um nichts zu beschönigen.

Peter Jackson, Regisseur des Films

Der Film ist drastisch, radikal. Weil er keinen Kontext liefert, bleibt nur die völlige, grundlose Absurdität des Krieges. Eine ewige Knochenmühle. Diese Männer sollten nicht alt werden.

Auf einmal sah ich echte Menschen und dachte: Sie sind genau wie wir. Das war das Eindrucksvollste: Sie sind einfach so wie wir. Hundert Jahre sind keine lange Zeit. Die Menschen verändern sich nicht so sehr in nur 100 Jahren.

Peter Jackson

Jackson erhofft sich von dem Film auch, dass sich junge Menschen fragen, ob auch jemand aus ihrer Familie im Ersten Weltkrieg war. Seiner Meinung nach betrifft der Film und das Menschliche darin alle Menschen, egal aus welchem Land sie kommen oder was ihr Hintergrund ist.

Jede Familie wurde durch diesen Krieg geprägt.

Peter Jackson

Bild aus dem Film "They Shall Not Grow Old"

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They shall not grow old
Bildrechte: © 2018 Imperial War Museum, Warner Bros. Pictures
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Bildrechte: © 2018 Imperial War Museum, Warner Bros. Pictures
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 30. Mai 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Juni 2019, 04:00 Uhr

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