Thilo Bode
Thilo Bode Bildrechte: IMAGO

Neues Sachbuch Verbraucherschützer Bode: Wie globale Unternehmen die Demokratie untergraben

Thilo Bode löst mit seinen Büchern oft heftige Debatten aus. Der ehemalige Greenpeace-Geschäftsführer, Gründer und Chef von Foodwatch sowie prominenter TTIP-Gegner legt nun eine neue Streitschrift vor: "Die Diktatur der Konzerne" beschreibt die Macht von großen Unternehmen, die auch ein Problem für die Demokratie ist, wie er im Interview mit MDR KULTUR erklärt.

Thilo Bode
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MDR KULTUR: Herr Bode, Sie sprechen von einer Diktatur der Konzerne. Kann man großen Wirtschaftsunternehmen uneingeschränkte Herrschaft vorwerfen?

Thilo Bode: Das ist natürlich ein Gleichnis. Ich leite den Titel davon ab, dass die Macht der Konzerne in den letzten 30 Jahren sich in einem unglaublichen Maß verstärkt hat, sowohl finanziell als auch im politischen Einfluss. Das sind in wesentlichen Bereichen Klima, Nahrungsmittel, Banken oder auch Digitalkonzerne, wo offensichtlich der Staat keine Entscheidungen mehr gegen die Konzerne fällt.

Erklären Sie doch mal an zwei Beispielen, was die uneingeschränkte Herrschaft ausmacht.

Bei den Banken ist es besonders krass. Die Banken haben vor zehn Jahren wesentlich zum Entstehen des Bankencrashes und der Wirtschaftskrise beigetragen. Ein wesentlicher Grund dafür war, dass die Banken viel zu wenig eigenes Kapital haben und viel zu viele Schulden. Und sie haben auch nach dieser Krise erfolgreich alle Versuche abgewehrt, die Banken solide zu finanzieren. Das heißt, so eine Wirtschaftskrise kann jederzeit wieder ausbrechen. Das sendet ein fatales Signal aus. Ein weiteres Problem ist im Nahrungsmittelbereich, da haben wir mittlerweile weltweit eine Diabetes-Krise und Fettleibigkeit. Mittlerweile ist bekannt, dass zu zuckerhaltige Nahrung und zuckerhaltige Süßgetränke die Ursache dafür sind. Trotzdem nimmt es kein Ende, die Gesundheitsschäden nehmen zu und die Nahrungsmittelindustrie wehrt sich erfolgreich gegen alle Versuche, hier regulierend einzugreifen.

Was müsste denn getan werden, um dieser Macht beizukommen?

Das Wichtigste ist, dass man erstmal das Problem erkennt. Die Kartellpolitik, also die Wettbewerbspolitik, die sich darum kümmert, dass die Unternehmen nicht zu einflussreich sind, die gucken, dass der Preiswettbewerb stimmt. Aber bei der Fusion von Monsanto und Bayer, den beiden Saatgutgiganten geht’s natürlich um viel mehr. Denn durch den Zusammenschluss beherrschen nur noch drei Firmen über sechzig Prozent des Marktes für Saatgut und Agrarchemikalien. Und damit werden auch die ganzen Standards der Ernährung und unserer Landwirtschaft bestimmt. Das ist ein unglaublicher Einfluss, und da versagt die Kartellpolitik.

Ist der Unterschied zwischen Kartellbildung und Lobbyismus immer so klar zu ziehen? Lobbyismus ist ja Teil des gesellschaftlichen Interessenausgleichs - gehören Konzerne dafür an den Pranger?

Lobbyismus ist sogar ein wichtiger Bestandteil der Demokratie. Wir von Foodwatch sind auch Lobbyisten, wir lobbyieren für Gemeinwohlinteressen. Was aber nicht geht: Dass eine Gruppe der Gesellschaft so viel Macht erlangt, dass der Lobbyismus als Solches nicht mehr gleichgewichtig ist. Die Industrie hat ja durch ihre finanzielle Kraft, die sie in den letzten 30 Jahren gewonnen hat, so viel mehr Möglichkeiten. Sie kauft zum Beispiel alle Wettbewerbe vom Markt einfach weg. Oder sie haben so viel Geld, dass z. B. die Digitalkonzerne mit Rechtsanwaltskanzleien praktisch jedes Gesetz kaputt machen können. Selbst die Banken können diese hohen Bußgelder aus der Portokasse zahlen. Da ist eine Machtverschiebung, die wirklich ein Problem für die Demokratie darstellt, weil die Wähler eine Regierung wählen, die sich nicht mehr gegen die Konzerne durchsetzen kann, bzw. sogar mit denen gemeinsame Sache macht. Man muss sich doch nur mal das Verhältnis von VW und der Bundesregierung ansehen.

Und diesen Einzelfall kann man übertragen auf das grundsätzliche Verhältnis von Politik und Wirtschaft?

Das ist kein Einzelfall. In meinem Buch lege ich Dutzende von Einzelfällen dar und beweise, dass die Industrie entweder mit unsauberen Mitteln arbeitet oder eben die Gesellschaft beherrscht. Ich benenne zum Beispiel die Reaktion der Energiekonzerne, die vor 30 Jahren beschlossen haben, obwohl sie wussten, dass die Klimakrise gefährlich ist, sich die Wissenschaft zu kaufen und dadurch auch eine verfälschte Diskussion in der Gesellschaft anzufangen. Das ist fatal.

Rund 50 Seiten nimmt das Quellenmaterial in Ihrem Buch ein. Alle Quellen sind abrufbar. Wie wichtig ist Ihnen das?

Wenn ich mit einer konfrontativen These an die Öffentlichkeit trete, muss alles, was ich behaupte, bewiesen werden. Deswegen haben der Verlag und ich beschlossen, das Quellenverzeichnis so ausführlich zu machen.

Es gibt derzeit eine Debatte, dass es zu wenig Wirtschaftswissen in der Bevölkerung gibt. Ist Ihr Buch ein Versuch, da etwas zu setzen?

Wir - ich habe das zusammen mit einem Kollegen gemacht - haben versucht, dass wir das so schreiben, dass es sehr verständlich ist: Es sind Geschichten dargestellt, dazwischen gibt es theoretische Abhandlungen. Aber mir ist wichtig, dass so ein allgemeines diffuses Gefühl, dass die Konzerne ja doch einen großen Einfluss haben, dass ich das belege.

Das Interview führte Ellen Schweda für MDR KULTUR.

Buchcover - Thilo Bode: Die Diktatur der Konzerne 6 min
Bildrechte: S.Fischer Verlag

Geld regiert die Welt. Einen Beleg dafür liefert Thilo Bode mit seinem Buch "Die Diktatur der Konzerne". Er beschreibt das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Politik und leitet daraus Gefahren für die Demokratie ab.

MDR KULTUR - Das Radio Do 13.09.2018 07:10Uhr 06:20 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. September 2018 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2018, 04:00 Uhr

Buchcover - Thilo Bode: Die Diktatur der Konzerne
Bildrechte: S.Fischer Verlag

Informationen zum Sachbuch

Informationen zum Sachbuch

Thilo Bode: "Die Diktatur der Konzerne"
Wie globale Unternehmen uns schaden und die Demokratie zerstören
Erschienen im S.Fischer Verlag
Paperback, 18 Euro
ISBN: 978-3103973624

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