Roman "Elbwärts" von Thilo Krause ist ein träumerisches Porträt des Elbsandsteingebirges

Ein Roman, der schon vor dem Erscheinen einen Preis gewinnt – der stammt von Thilo Krause und heißt "Elbwärts". Für sein Debüt hat der geborene Dresdner Thilo Krause den Robert Walser-Preis gewonnen. Zuvor ist er als Dichter in Erscheinung getreten, mit dem Gedichtband "Was wir reden, wenn es gewittert". In "Elbwärts" geht es um eine Rückkehr ins Elbsandsteingebirge, aber auch die auslaufende DDR, Nazi-Camps – und vor allem um Schuld.

Ein Mann kehrt zurück in seine Heimat. Zurück zu den Sandsteinen in der Sächsischen Schweiz, zurück zu dem Trauma seiner Kindheit und zurück in eine Region, die sich verändert hat. So geht es dem namenlosen Protagonisten in Thilo Krauses Debüt "Elbwärts".

Leseprobe aus "Elbwärts"

"Manchmal finde ich es unglaublich, dass mich niemand mehr kennt, als hätte man die Belegung getauscht. Die Alten gestorben, die Jungen in der Stadt, die schönen Häuser verkauft, die hässlichen verfallen."

Rückkehr ins Elbsandsteingebirge

Buch: Thilo Krause: Elbwärts
Thilo Krauses Roman handelt von einer Rückkehr – und von Schuld. Bildrechte: Hanser

"Elbwärts" ist ein Roman über einen Mann, der verloren wirkt. Der Erzähler ist angetrieben von der Sehnsucht, nach Hause zu kommen, zurück zu kommen ins Elbsandsteingebirge, wo er selbst als Heranwachsender viel Zeit in den Felsen verbracht hat. Diese Gier, nach Hause zu kommen, wirkt auch wie eine Gier, eine Leere zu füllen. Er nimmt sein Kind und seine Frau Christina mit, schleift sie geradezu. Sie bleibt den Roman über recht blass, legt ihm die Kleidung raus, bereitet das Essen vor und spielt am Ende erst eine zentrale Rolle.

Der Roman handelt von der Rückkehr des Protagonisten. Aber gleichzeitig wird auch seine Vergangenheit im Dorf erzählt. Genauer: seine enge Freundschaft zu seinem Jugendfreund Vito. Dieser schillert in vielen Facetten, als Kind wie als Erwachsener. Es ist ein Roman über die Innigkeit einer Freundschaft, die inspiriert, Halt gibt und durch Krisen geht.

Leseprobe aus "Elbwärts"

"Als ich noch mit Vito auf dem Riff saß, waren die Abende riesig und das Gebirge auch. Vito, die Bohnenstange, ich der Mops. Nicht der Fette, der Mops, weder fett noch dürr. So konnten sie uns unten im Dorf, in diesem Kaff."

Schuld schwebt über allem

Über dem Roman schwebt ein Thema, das den Protagonisten nicht loslässt: Schuld. Sie scheint sich schon seit der Kindheit in den Jungen eingebrannt zu haben. Ausgangspunkt ist der verhängnisvolle Sturz seines besten Freundes Vito von einem Felsen.

Leseprobe aus "Elbwärts"

"Gleich bei dir, schallt es herauf. Ich glaube, dass kurz Vitos Kopf über dem Felsbauch erschien. Dann war er weg. Es gab ein reibendes Geräusch, ein dumpfes Schlagen und Schaben. Ich weiß nicht mehr, ob Vito schrie oder ob ich ihn nicht habe schreien hören. Er lag plötzlich unten."

Vito verliert bei dem Unfall ein Bein. Auch wenn den Erzähler keine Schuld trifft, scheint diese aber an ihm zu kleben. Durch die Zuschreibungen der Mitschülerinnen und Mitschüler, der Lehrerinnen und Lehrer, der Eltern des Freundes. Das Gefühl, schuldig zu sein, zieht sich in die Gegenwart des Erzählers. In die Zeit, in der der Protagonist tagsüber seine Tochter betreut.

Leseprobe aus "Elbwärts"

Die Kleine hatte nur einen Fleck Blut und eine Beule über der rechten Augenbraue zurückbehalten. Ich war es, dachte ich. Wieder einmal ich.

Ruhe in der Natur

In "Elbwärts" ist die Natur omnipräsent. Felsen, Plateaus, Riffe werden weich und ausgleichend beschreiben. Orte, an denen der Protagonist Ruhe findet.

Leseprobe aus "Elbwärts"

"Eine mäandernde Straße dazwischen, die sich in den Waldstücken verliert, um zwischen den Feldern als gleißendes Band wiederaufzutauchen. Die Dämmerung dauert eine Ewigkeit mit allen Schatten, die länger sind als die Dinge selbst. Die Kronen schwanken. Alles wirbelt. Alles fällt durcheinander. Vito, der jetzt unten an der Elbe wohnt, Christina, die Kleine, gestern, heute."

Auslaufende DDR und Nazi-Camps

Dass es explizit um das Elbsandsteingebirge geht, um eine Kindheit in der auslaufenden DDR, fließt beiläufig ein. Genauso wie die Konfrontation mit Nazi-Camps beim Wandern oder hastig versteckte Landser-Hefte alter Freunde. Deutlicher ist das Gefühl, fremd zu sein, das er mit seiner Frau teilt. Fremd in der Fremde und nun wieder fremd in der ehemaligen Heimat.

Leseprobe aus "Elbwärts"

"Ich erzähle, wie wir die Fremden waren und es jetzt wieder sind. Das sind die, denen sie den Arsch vergoldet haben, als sie weg waren. Das sagen sie, wenn wir vorbeigegangen sind. Vielleicht."

Träumerisches Porträt des Elbsandsteingebirges

Thilo Krause hat einen Roman geschrieben über innere Konflikte beim Heimkehren. Bei dem sich der Protagonist fragt, wie viel von der Heimat noch in ihm steckt. Durch die Zeilen spürbar ist, wie einsam und verloren sich der Erzähler im Dorf meist fühlt, mit der Natur, die einfühlsam beschrieben wird, aber wiederum eins wird. Es ist ein Roman, in dem ein über Jahre schwelendes Trauma endlich bearbeitet wird. Mit "Elbwärts" ist dem in Dresden geborenen Autor Thilo Krause gleichzeitig ein träumerisches Porträt des Elbsandsteingebirges gelungen.

Mehr zum Roman Thilo Krause: "Elbwärts"
Carl Hanser Verlag, 206 Seiten
Preis: 22 Euro
ISBN: 978-3-446-26755-8

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. September 2020 | 07:10 Uhr