Der ehemalige Berliner Finanzsentor Thilo Sarrazin, aufgenommen bei einer Buchvorstellung.
Thilo Sarrazin wurde 1945 in Gera geboren Bildrechte: dpa

Buchbesprechung "Feindliche Übernahme" - Sarrazins Ton wird noch schärfer

Als der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin im Jahr 2010 mit dem Buch "Deutschland schafft sich ab" die These aufstellte, Deutschland steuere aufgrund muslimischer Einwanderung auf einen sozialen und kulturellen Niedergang zu, war das Echo gewaltig. Das Buch stand monatelang auf den Bestsellerlisten und verkaufte sich millionenfach. Gleichzeitig gingen eine Vielzahl von Wissenschaftlern, Kommentatoren und zivilgesellschaftlichen Akteuren auf Distanz: Rassismusvorwürfe wurden unter anderem laut.

Zwei Parteiordnungsverfahren der SPD, die zu einem Ausschluss Sarrazins führen sollten, scheiterten. Aus dem Vorstand der Deutschen Bank musste er wegen Interview-Aussagen über Türken und Araber ausscheiden. In der Zwischenzeit war Sarrazin mit weiteren Büchern erfolgreich. Nun erscheint sein aktuelles Buch "Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht". Kritiker Patric Seibel ist mit MDR KULTUR zu dem Buch im Gespräch.

Der ehemalige Berliner Finanzsentor Thilo Sarrazin, aufgenommen bei einer Buchvorstellung.
Thilo Sarrazin wurde 1945 in Gera geboren Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Das Buch "Feindliche Übernahme" hat schon weit vor dem Erscheinungstag für Streit gesorgt. Sarrazins Hausverlag, die DVA, hat sich geweigert das Buch herauszubringen. Warum?

Patric Seibel: Das hat sein früherer Verleger Thomas Rathnow mittlerweile erklärt. Er sagte, er habe durch die Veröffentlichung die Gefahr gesehen, dass antimuslimische Ressentiments verstärkt würden. Der Islam werde, so wörtlich, als Geißel der Menschheit dargestellt und er habe daher eine gründliche Überarbeitung gefordert - Sarrazin habe die abgelehnt.

Beide Seiten trafen sich auch schon vor Gericht, Sarrazin wollte 800.000 Euro Schadenersatz an entgangenen Einnahmen, weil sein neuer Verlag, der FinanzBuch Verlag nicht die Mittel habe, so viele Bücher von ihm zu verkaufen, wie die DVA dies gehabt hätte.

Worum geht es in dem Buch?

Es gibt vieles, was schon in "Deutschland schafft sich ab" Thema war. Die Kernaussage ist, der Islam sei eine ernste Gefahr für Deutschland und Europa, denn er sei bildungsfeindlich, undemokratisch und gewalttätig bis hin zum Terror. Das liest sich beispielsweise so, ich zitiere wörtlich: "Die Religion des Islam hat eine mental prägende Kraft […] zu den besonders problematischen Aspekten gehören die Stellung der Frau, die große demografische Dynamik der Muslime, ihre überdurchschnittliche Kriminalität sowie die immer noch wachsende islamistische Bedrohung."

Hier wird also schon einmal sehr pauschal geurteilt. Er schreibt wirklich, die Muslime seien überdurchschnittlich kriminell. Und Sarrazin vermischt immer wieder Religion und Biologie, wenn er quasi als Dauerton die hohe Geburtenrate von, pauschal, "Muslimen" nennt, aufgrund derer "Der Islam" in naher Zukunft die Gesellschaft in Deutschland übernehmen oder zumindest entscheidend verändern würde. Es ist alles noch schärfer, noch härter formuliert, als im ersten Buch, der Blick ist global, der Ton stellenweise sehr drastisch. Es heißt "Feindliche Übernahme" das ist eine Sprache, die nicht von ungefähr an Kriegsrhetorik angelehnt ist.

Liefert Sarrazin denn Argumente für seine Diagnosen?

Zunächst einmal greift er sehr weit aus. Er behandelt den Koran, er legt seitenweise Statistiken vor über Bevölkerungsentwicklung, über Kriminalität, über Bildung. Er schreibt über Geschichte, über Politik, über Wirtschaft. Aber immer wieder läuft alles auf den einen Punkt zu: An allen Missständen, die Sarrazin in den islamischen Gesellschaften weltweit kritisiert, ist immer nur die Religion schuld.

Thilo Sarrazin, Feindliche Übernahme
Das Buch ist im FinanzBuch Verlag erschienen. Bildrechte: FinanzBuch Verlag

Ungeachtet der vielen unterschiedlichen Strömungen, die es im Islam nun unbestritten gibt, scheint die Konsequenz aus dem Korantext für Sarrazin auf fast magische Weise in eine einheitliche Mentalität der rund 1,4 Milliarden Muslime zu führen. Er schreibt, ich zitiere wörtlich: "Die Mehrheit der Muslime auf der Welt versteht den Koran […] so, wie es das wörtliche und sinngemäße Studium des Textes recht zwingend nahelegt." Dazu kann man fragen: Woher weiß Herr Sarrazin das denn?

Wenn er über die politischen Systeme der muslimisch geprägten Gesellschaften schreibt, über die Armut, über die fehlenden Zivilgesellschaften, über Terror, dann blendet er fast alle Erkenntnisse der Fachdisziplinen aus, die sich damit befassen. Sarrazin lässt nicht erahnen, dass er sich Gedanken gemacht hat über die Folgen des Kolonialismus in Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten - und das ist ein großes Versäumnis.

Dazu kommen dann Schludrigkeiten, wie die, den syrischen Machthaber Assad als Aleviten zu bezeichnen und zwar wiederholt - ja, es ist nur ein kleiner Buchstabe, ein e für ein a - aber Assad ist Alawit - und das ist eine schiitische Religionsgruppe. Die Aleviten leben auf den Gebieten von Türkei und Kurdistan.

Als Ökonom ist Sarrazin ja ein Mensch der Zahlen. Wie geht er damit in seinem Buch um?

Er hat zwar massenhaft Zahlen, aber interpretiert diese teilweise fehlerhaft. Beispiel: Die Geburtenrate. Es ist eine anerkannte Erkenntnis, dass in feudalen Gesellschaften ohne Renten- und Sozialsystem Kinder auch eine Altersversorgung sind - aber genauso ist statistisch erwiesen, dass beispielsweise türkische Einwanderer in Deutschland sich in der zweiten Generation hier den Geburtenraten des Ziellandes annähern. Es sind also soziale und politische Rahmenbedingungen, die mitprägend sind und nicht allein die Religion.

Wie würden Sie die Wirkung des Buches abschätzen?

Die allermeisten Menschen werden das Buch nicht in die Hand nehmen, aber trotzdem sicherlich wieder heftige Diskussionen auslösen. Auch darüber, weil Sarrazin rote Linien überschreitet, wie beispielsweise in diesem Zitat: "Die Bedrohung der europäischen […] Identität setzt dort ein, wo eine allmähliche demografische Überwältigung durch den Islam stattfindet. Deshalb haben wir in Deutschland und Europa das Recht, ja sogar die Pflicht, dieser Bedrohung durch demografische Überwältigung vorausschauend entgegenzutreten."

Das verstehen möglicherweise einige Menschen als Anleitung zum Widerstand, zur Selbstjustiz und zur Hetzjagd auf Einwanderer. Wenn wir nach Chemnitz schauen, bekommen wir einen Geschmack davon.

Sarrazin schlägt vor, alle abgelehnten Asylbewerber und Flüchtlinge abzuschieben und zwar, hier ein weiteres Zitat: "Verweigert ein Herkunftsland die Aufnahme, so werden die Betreffenden gleichwohl grundsätzlich dorthin gebracht, notfalls unter militärischem Schutz." Das würde also bedeuten, Deutschland interveniert militärisch in anderen Ländern, um dort Menschen hinbringen zu können.

Sarrazin ist immer noch SPD-Mitglied. Was glauben Sie, wird die Partei erneut versuchen ihn loszuwerden?

Einige führende SPD-Politiker haben sich bereits geäußert, so der stellvertretender SPD-Chef Stegner. Er verweist auf das Parteigesetz, das es schwierig mache, Mitglieder auszuschließen, wenn diese nicht gegen Gesetze verstoßen oder für andere Parteien kandidieren. Wenn er einen Funken Anstand hätte, würde er von sich aus die SPD verlassen, so Stegner über Sarrazin. Aydan Özoguz, Mitglied im SPD-Präsidium sagt, Thilo Sarrazin habe sich längst von sozialdemokratischen Werten verabschiedet. SPD-Generalsekretär Klingbeil schloss Konsequenzen für Sarrazin nicht aus.

Das Gespräch führte Vladimir Balzer für MDR KULTUR

Angaben zum Buch Thilo Sarrazin "Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht"
496 Seiten, gebunden, 24,99 Euro
ISBN: 978-3-95972-162-2
FinanzBuch Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. August 2018 | 06:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. September 2018, 16:17 Uhr

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